Martyrium: Zum Bedeutungswandel eines Begriffs

Am Donnerstag wurde an der Theologischen Fakultät der Sammelband „Opfer - Helden - Märtyrer“ präsentiert. Die Beiträge in dem Buch diskutieren die religionspolitische Bedeutung des Begriffs Martyrium. Der Band dokumentiert die Ergebnisse einer großen Tagung, die aus Anlass des Tiroler Gedenkjahres 2009 in Telfs stattfand.
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Bild: Józef Niewiadomski, Brigitte Mazohl und Roman Siebenrock stellten den neuen Sammelband vor.

Das Team der Herausgeber um Dekan Józef Niewiadomski konnte am Donnerstag zahlreiche Gäste, Pressevertreter und Autorinnen und Autoren im Dekanatssitzungssaal der Theologischen Fakultät zur Präsentation des neuen Sammelbandes begrüßen. In dem Buch sind die Beiträge eines Symposion gesammelt, das im September 2009 im Rahmen des Gedenkjahres in Telfs stattfand. Organisiert wurde die Tagung von der Theologischen Fakultät in Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein, der Diözese Innsbruck und dem Verein der Freunde der Friedensglocke des Alpenraumes. Kurz vor dem Todestag von Andreas Hofer am 20. Februar konnte nun der Kongressband öffentlich präsentiert werden.

Die Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen diskutieren in dem Buch den Begriff Martyrium im Spannungsfeld religiöser Märtyrer, folkloristischer Heldenverehrung und islamistischer Selbstmordattentate. Die Verwendung des Begriffs Martyrium im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod Andreas Hofers und den mordenden Selbstmordattentätern der Gegenwart zeigen exemplarisch zwei bedeutende inhaltliche Verschiebungen dieses bedeutenden religiösen Motivs, sagte Dekan Niewiadomski bei der Präsentation. Durch die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhänge zu Opfern gemacht, viktimisieren sich die Selbstmordattentäter selbst und auch jene, die sie in den Tod mitnehmen. „Demnach sind sie Opfer und nur Opfer, sind weder Helden noch Märtyrer“, so Niewiadomski.

Im Falle Hofers handle es sich um eine „folkloristische Selbstinszenierung von erfundener tirolischer Identität“, ergänzte Prof. Brigitte Mazohl. Das Wissen über die damalige Zeit sei längst verloren gegangen und durch eine Projektionsfläche ersetzt worden, die heute weitgehend leer ist. „Geblieben sind die sehr viel später erfundenen Ideale einer gelegentlich zur Folklore gerinnenden ‚Tirolität’, die es um 1800 in dieser Form niemals gegeben hat“, sagte Mazohl. Es sei Aufgabe der kritischen Geschichtswissenschaft, die Entstehungsgeschichte von Mythenbildungen solcher Art zu dekonstruieren und der Geschichte ihre Würde zurückzugeben.

Prof. Roman Siebenrock stellte bei der Präsentation des Sammelbandes die Testamente Andreas Hofers und des Trappistenmöchs Christian des Chergé gegenüber. Das Testament des Trappisten sei eine „Perle des christlichen Martyriums“ , so Siebenrock, „das in Zeiten entfesselter Gewalt mit der armen, gewaltfreien Liebe Christi im Herzen und vor Augen versöhnen möchte.“ Die genaue Lektüre von Hofers Testament offenbare eine zerrissene und widersprüchliche Person, die so gar nicht zum Heldenbild der Folklore passen mag: „Der arme Sünder, in der Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes: Wo in unserer Öffentlichkeit und Erinnerungskultur hat er je einen Platz erhalten?“ Siebenrock zeigte sich denn auch neugierig, ob in dem im März zu eröffnenden Bergisel-Museum dieses Bild Hofers eine Repräsentation finden werde.

Der Sammelband „Opfer - Helden - Märtyrer“, herausgegeben von Józef Niewiadomski und Roman A. Siebenrock in Zusammenarbeit mit Hüseyin I. Cicek und Mathias Moosbrugger, ist im Tyrolia-Verlag erschienen und wird zu einem günstigen Preis vertrieben. „Das Buch soll auch die auf der Stelle tretende öffentliche Auseinandersetzung zum Thema Religion und Gewalt beleben“, sagte Dekan Niewiadomski.

Ausschnitte der Präsentation sind am Dienstag, 22. Februar 2011, um 21:00 Uhr in der Radiosendung „unikonkret“ auf Freirad 105,9 zu hören.

(Christian Flatz)

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