„Gutes Leben – für alle?“

Eine Nachlese zum missionstheologischen Symposium anlässlich der Emeritierung von Franz Weber und des 90. Geburtstags von Hermann Stenger
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Bild: Paulo Suess konnte als Hauptreferent gewonnen werden.

Die Frage und Sehnsucht nach dem guten Leben sind uralt und zugleich brandaktuell. Doch Menschen auf der Suche nach gutem Leben erwarten sich – zumindest in Europa – kaum mehr etwas von den Kirchen. Dabei verkündet Jesus von Nazareth Gott als einen Freund des Lebens, der das gute Leben für alle will.

Auf den Hintergrund dieser Überlegungen ging das missionstheologische Symposium, das am 18./19. November 2010 an unserer Fakultät stattfand, der Frage nach: Was können die Kirchen und Religionen zum guten Leben möglichst aller beitragen?

Das Symposium griff damit ein zentrales Forschungsinteresse der beiden Jubilare auf: Der Pastoralpsychologe Hermann Stenger, von 1977 bis 1990 Professor für Pastoraltheologie an unserer Fakultät, war und ist leidenschaftlicher Anwalt einer Seelsorge, die für die „Ermächtigung zum Leben“ einsteht und Menschen auf dem Weg der Verwirklichung ihres Lebens aus der Kraft des Glaubens zu beraten und zu begleiten sucht. Franz Weber, seit 1997 Professor für interkulturelle Pastoraltheologie und Missionswissenschaft, hat dieses Anliegen seines Vorgängers ‚globalisiert‘ und steht für die unbedingte Notwendigkeit einer interkulturellen und interreligiösen Bearbeitung (pastoral-) theologischer Fragestellungen. Basiserfahrungen und Forschungsprojekte in Lateinamerika, Afrika und Asien bilden dafür die Grundlage. Die empathische Begleitung von Studierenden aus außereuropäischen Kontexten ist ihm ein Herzensanliegen – an unserer Fakultät mit ihrer dezidiert internationalen Ausrichtung und einem immer noch hohen Anteil ausländerischer Studierender.

Als Hauptreferent hatte Paulo Suess sein Kommen zugesagt, für die Workshops konnten ExpertInnen aus unterschiedlichen Disziplinen und Erfahrungskontexten gewonnen werden: Franz Helm SVD (Missionstheologe, Wien), Claude Ozankom (Fundamentaltheologe, Kinshasa/Bonn), Karl-Heinz Ladenhauf (Pastoralpsychologe, Graz), Hadwig Müller (Missionswissenschaftlerin, Aachen), Martin Coy (Geo- und Atmosphärenwissenschaftler, Innsbruck), Alois Riedlsperger SJ (Leiter der Katholischen Sozialakademie Österreichs, Wien), Thomas Abraham (Professor for Adult Education, Kottayam – Indien).

„Das rechte und gute Leben aller ist keine natürliche Gegebenheit“, meinte Paulo Suess, Missionstheologe aus Sao Paulo, sondern eine „kulturelle Konstruktion“, eine Kulturleistung, bei der diskursiv ausgehandelte Vereinbarungen und das Zusammentragen gemeinsamer moralischer Ressourcen eine wesentliche Rolle spielen. „Wo es um die Qualität des Lebens geht, da ist das normative Ziel die Inklusion und Partizipation aller.“ Inmitten einer Situation, die von globaler Unübersichtlichkeit und Ratlosigkeit gekennzeichnet ist, schien ihm das Paradigma „sumak kawasay“ (gut leben), das – aus der andinen Vorstellungswelt der Aymara und Ketschua stammend – in die Verfassungen Boliviens und Ekuadors eingegangen ist, ein Hoffnungsstreifen am Horizont zu sein. Diese Vorstellung vom „guten Leben“ ruht auf der Grundlage von kultureller Verschiedenheit und sozialer Gerechtigkeit auf und ist eingebettet in ein komplexes, nicht-lineares Konzept von Anerkennung, Wertschätzung und Dialog, in dem Mensch und Natur gleichberechtigte Partner sind.

ChristInnen könnten das „gute Leben aller“ als Weisheit des Reiches Gottes begreifen, die sich ausdrücke in der „gelösten und gelassenen Unabhängigkeit“ von den Dingen, die Menschen den Status von VerbraucherInnen aufnötigten. Es handle sich dabei um eine Aszese, die weit mehr als eine individuelle Frömmigkeitsübung sei und eine solidarisch-partizipative Dimension aufweise.

(Elke Pale-Langhammer)

 

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