Lyrik – Horizonte eines Genres

Die als ,schwierig’ geltende und daher im hektischen Literaturbetrieb oft stiefmütterlich behandelte Gattung Lyrik stand vor kurzem im Brennpunkt des Forschungsinteresses des Innsbrucker Germanistik-Instituts.
v.l. Barbara Hundegger (Autorin, Innsbruck), Prof. Hubert Lengauer (Klabgenfurt) Prof. Wolfgang Wiesmüller (Innsbruck).
Bild: v.l. Barbara Hundegger (Autorin, Innsbruck), Prof. Hubert Lengauer (Klagenfurt) Prof. Wolfgang Wiesmüller (Innsbruck).

Unter dem Titel „Lyrik – Horizonte eines Genres“ veranstaltete das Institut für Germanistik der Universität Innsbruck am 14. Oktober 2010 in der Claudiana ein disziplinübergreifendes eintägiges Lyrik-Symposion, auf dem die Bandbreite dieses komplexen literarischen Genres aus literaturwissenschaftlicher, theologischer und literaturkritischer Perspektive vermessen wurde.

Die Beschäftigung mit Lyrik hat am Innsbrucker Germanistik-Institut eine lange Tradition. Die Tagung knüpfte bewusst an diese Tradition an und setzte das ,Gespräch über Gedichte’ über die Institutsgrenzen hinaus fort. Nicht zuletzt war das Symposion auch eine Hommage an Prof. Wolfgang Wiesmüller, der dieses Jahr seinen 60. Geburtstag feierte und diesen Arbeitsschwerpunkt am Germanistik-Institut maßgeblich in Forschung und Lehre vertritt. Als Juror des Meraner Lyrikpreises – einem der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum – ist Prof. Wiesmüller für dieses Genre auch außerhalb der Universität öffentlichkeitswirksam im Literaturbetrieb eingetreten und hat in der literaturkritischen Diskussion über Lyrik wichtige Akzente gesetzt.

Eingeladen waren ReferentInnen aus Österreich, Ungarn und Deutschland. Während Hubert Lengauer (Universität Klagenfurt) das Sinnpotential der Fluss- und Meeresmetapher in der Lyrik vom 18. Jahrhundert bis zur unmittelbaren Gegenwart aus kultursemiotischer Sicht ausleuchtete, wandte sich Károly Csúri (Universität Szeged) den Textwelten Georg Trakls zu und stellte exemplarisch die Konstruktionsprinzipien von Trakls Prosagedicht „Offenbarung und Untergang“ vor. Die Theologin Susanne Gillmayr-Bucher (Universität Linz) befasste sich dagegen mit dem Engel-Motiv und verglich die Figur und Funktion des Engels im Alten und im Neuen Testament mit dem Engel-Motiv in der Lyrik des 20. Jahrhunderts. Sowohl der Literaturkritiker Cornelius Hell (Wien) als auch die Germanistin Ulrike Tanzer (Universität Salzburg) riefen zu unrecht vergessene LyrikerInnen in Erinnerung – Hell den Gegenwartslyriker Wolfram Edwin Dahl, Tanzer die wiederentdeckte Lyrikerin und lebenslange Brieffreundin Marie von Ebner-Eschenbachs, Josephine von Knorr. Ulrich Dittman (München) wiederum zeichnete Formen lyrischer Dialektik bei Bertolt Brecht und Christa Reinig nach. Die Tagung endete mit dem Vortrag über „Unheimliche Autorschaft“ des Salzburger Germanisten Hans Höller, in dem der Referent Ruth Klügers Gedicht „Mit einem Jahreszeitlicht für den Vater“ aus ihrem Roman „weiter leben“ als Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Shoa deutete und in den Kontext der Diskussion um die Funktion von Lyrik nach Auschwitz stellte.

Die LyrikerInnen Barbara Hundegger (Innsbruck), Ferdinand Schmatz (Wien) Sünje Lewejohann (Berlin) und Sepp Mall (Südtirol) gratulierten am Abend im Literaturhaus am Inn in einer gemeinsamen Lesung mit lyrischen Kostproben aus ihrem Oeuvre.

(Sieglinde Klettenhammer)

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