„Krisenstimmung“ bei Exkursion

Zwei sich bekämpfende Staaten, zahlreiche Untergrundorganisationen und Terroristen, zwei unterschiedliche Ethnien, eine internationale Friedenstruppe, und mittendrin 60 Studierende, die in die Rolle von UN- Beauftragten schlüpfen oder als embedded Journalists berichteten.
Studierende der Universität Innsbruck nahmen an der Großübung  EURAD 10 teil.
Bild: Studierende der Universität Innsbruck nahmen an der Großübung EURAD 10 teil.

Jeweils 20 StudentInnen aus Innsbruck und Salzburg nahmen erstmals an der European Advance 2010 (EURAD 10), der größten Militärübung des Jahres, teil. Die Idee zu dieser einmaligen Kooperation zwischen Bundesheer und Universität entstand, wie so viele Ideen, „bei an Schalele Kaffee“. Brig. Thomas Starlinger, Kommandant der 7. Jägerbrigade in Kärnten und Dr. Thomas Spielbüchler, Historiker am Institut für Zeitgeschichte an der Uni Innsbruck, trafen sich im November 2009 im Zuge einer Konferenz. Im Laufe ihres Gesprächs stellten sie fest, so Starlinger, dass „eine komplementäre, koordinierte und kohärente Zusammenarbeit [im Krisenmanagement] zwischen den einzelnen Akteuren kaum stattfindet.“

 

Spielbüchlers Wunsch, eine etwas andere Lehrveranstaltung anzubieten, die Tatsachen und Kompetenzen vermittelt und Fragen beantwortet, wo Bücher und Frontalunterricht versagen, traf sich mit Starlingers Vorstellungen zu einer verbesserten zivil-militärischen Kooperation. Daraus entstand die Idee, Studierende im Zuge einer Exkursion als zivile Roleplayer in eine militärische Übung zu integrieren. Dazu war es zunächst notwendig die auf beiden Seiten seit langem verankertem Vorurteile zu überwinden. Und so landeten wir Studierende zehn Monate später in einem Camp im Truppenübungsgelände Allentsteig, im Waldviertel, und tauschten Einzelzimmer gegen 14- Mann (Frau-) Zelt, Jacke gegen Splitterschutzweste, Handys gegen Funkgeräte ein.

 

Der Großteil von uns fungierte als Mitglieder einer UNHCR Mission, deren Aufgabe es war, die Lage und Situation im Krisengebiet auszukundschaften: Die medizinische und humanitäre Situation und Nahrungsmittelversorgung der Flüchtlinge zu untersuchen und auf Basis dieser Informationen einen Rettungskonvoi zusammenzustellen. Dazu wurden mehrere Fact Finding Teams aufgestellt. Parallel dazu gab es embedded Journalists bei einem Truppenteil. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit, als Political-, Humanitarian- oder Gender-Advisor direkt beim Kommando der Friedenstruppe zu arbeiten.

 

Neben den Exkursionsteilnehmern aus Innsbruck und Salzburg nahmen auch Studierende des Masterstudiengangs „Peace Studies“ der Universität Innsbruck teil. Diese werden explizit für derartige Einsätze ausgebildet und übernahmen Leitungsfunktionen der UNHCR Mission.

Wie finden sich Studierende ohne Vorkenntnisse im militärischen oder humanitären Bereich in solch einer Großübung zurecht?

Im Sommersemester fand eine Lehrveranstaltung zur Geschichte, den Abläufen und Besonderheiten, als auch mit den juridischen und politischen Merkmalen solcher internationaler, humanitärer Einsätze statt. Major Bernd Rott von der 6. Jägerbrigade Tirols und sein Team bereiteten uns am Truppenübungsplatz Lizum–Walchen auf praktische Aspekte vor. Mit diesem Basiswissen über Funkverkehr, Minengefahr und das Verhalten an Straßensperren kamen wir nach Allentsteig. Natürlich wurden wir StudentInnen nicht in militärischer Kriegsführung und Waffentechnik unterrichtet, noch wurden wir zur nächsten Rekrutengeneration ausgebildet. Aber gewisse Vorkenntnisse sind grundlegend um sich in einer solchen Übung zurechtzufinden, von realen Krisensituationen ganz zu schweigen.

 

Die militärischen Denkweisen und Handlungen unterscheiden sich maßgeblich von jenen der Zivilbevölkerung. Darin liegt einer der Hauptgründe für das häufige Scheitern, oder die Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit zwischen dem Militär und zivilen Organisationen in realen Krisensituationen. Ziele dieser Übung / Exkursion waren somit auch, die Kommunikation und das Verständnis zwischen diesen doch so anderen Denk-, Handlungs- und Lebensweisen zu verbessern, gegenseitige Vorurteile zu beseitigen, als auch Verhaltensweisen und Kompetenzen zu erlernen.

 

Wir waren auf vieles vorbereitet, nicht jedoch auf eine Evakuierung im Hubschrauber, oder dem Dekontaminierungsprozess nach einem chemischen Anschlagt. Weiters galt es der Kälte zu trotzen, sein Bedürfnis nach Privatsphäre hintanzustellen, mit 14 anderen Schlaf- und Ruheplatz zu teilen und grundsätzlich mit wenig Schlaf auszukommen: selbst exzessive Morgenmuffel mussten um 6.00 Uhr früh aufstehen, wenn es die Mission erforderte. Doch uns war von Anfang an klar, dass dies keineswegs eine Kaffeefahrt werden würde. Wir alle hatten eine Rolle die uns psychisch und physisch forderte. Es gab aber jederzeit die Möglichkeit kurz auszusteigen, wenn einen die Situation überforderte. Und so mancher vermisste nach Übungsende, seinen wohligen Schlafsack, das komfortable Feldbett, den Gouda-Käse, den man Tag für Tag als Wegration bekam, oder weinte sogar der Tatsache nach, dass er oder sie nunmehr alleine schlafen musste.

 

„Ich glaube, die Lehrziele sind erreicht worden“, zeigte sich Spielbüchler nach Übungsende zufrieden. „Die Lehrveranstaltung bot etwas, das in Österreich an Universitäten einzigartig war und unseren Studierenden eine ungewöhnliche (Selbst)Erfahrung bot“, so Prof. Reinhard Heinisch, der Leiter der politikwissenschaftlichen Fakultät Salzburgs, der mit seinen StudentInnen ebenfalls an der Übung teilnahm. „Ich kenne nichts Vergleichbares, wo wir zu diesen realistischen Bedingungen, Möglichkeiten und auch Kosten diesen Einsatz machen konnten“.

 

Der humanitäre Einsatz in internationalen Krisengebieten ist ungemein wichtig und unentbehrlich. In der Koordination und Kooperation zwischen militärischen und zivilen Elementen gibt es in der Realität häufig Reibungspunkte dabei haben beide dasselbe Ziel – zu helfen – wenn auch mit anderen Strategien. An der Großübung EURAD 10 in Allentsteig nahmen 6700 SoldatInnen aus 9 Ländern Europas teil. Dazu kamen wir 60 Studierende, welche die zivilen Elemente bei einem solchen Einsatz simulierten.

 

Dieser Artikel wurde von Katharina Santer einer der teilnehmenden Studierenden der Universität Innsbruck verfasst. Die Studentin der Geschichte und Germanistik an der Universität Innsbruck vertrat während der EURAD 10 die Rolle eines embedded journalists der New York Times. Ein Interview mit zwei weiteren TeilnehmerInnen finden Sie hier.

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