Fetisch als heuristische Kategorie

Im Juni fand an der Universität Innsbruck eine internationale Tagung statt, die sich aus einer multidisziplinären Perspektive mit dem Konzept des Fetischs befasste und seine Geschichte ebenso beleuchtete wie seine gegenwärtige Relevanz.
Bild entnommen aus: William Pietz: Le fétiche. Généalogie d’un problème, Paris: Cargo & L’éclat, 2005.
Bild: Bild entnommen aus: William Pietz: Le fétiche. Généalogie d’un problème, Paris: Cargo & L’éclat, 2005.

Der Begriff „Fetisch“ entstand im Zuge der interkulturellen Begegnungen von Europäischen Händlern und Bewohnern der Westküste Afrikas im 16. Jahrhundert. Als Fetische wurden dabei afrikanische Kultgegenstände bezeichnet. Der Ursprung des Begriffes imprägnierte seine Konnotationen über lange Zeit: Fetisch – das war das Andere, das Primitive, Entgrenzte, das Götzendienerische, Nicht-Rationale.

 

Was kann uns das Konzept des Fetisch bzw. des Fetischismus als Praxis der Fetischverehrung über unsere eigene Geschichte, über kulturelle Fremd- und Selbstwahrnehmungen sagen? Was macht einen Fetisch aus und was unterscheidet ihn vom Idol? In welchen Bereichen moderner Gesellschaften finden sich heute fetischistische Tendenzen? Diese Fragen wurde im Rahmen der internationalen Tagung „Fetisch als heuristische Kategorie“ nachgegangen. Organisiert und konzipiert wurde die Veranstaltung von Univ.-Ass. MMag. Dr. Christina Antenhofer (Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie), die sich mit dem Thema in ihrem Habilitationsprojekt beschäftigt. Eingeladen waren Referentinnen und Referenten aus Großbritannien, den USA, der Schweiz, Italien, Österreich und Brasilien. Eröffnet wurde die Konferenz vom Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, Univ.-Prof. Mag. Dr. Klaus Eisterer und Univ.-Prof. Dr. Brigitte Mazohl (Sprecherin der Forschungsplattform „Politik Religion Kunst“), die der zweitägigen Veranstaltung das Siegeltypar der Universität Innsbruck als „Begleitfetisch“ überließ.

 

Der Bogen der Beiträge spannte sich von grundsätzlichen Auseinandersetzungen zur Idee des Fetischs und dem Problem der Substitution (Alfonso M. Iacono), Fetischismus und Kolonialismus (Roger Sansi) bis zu religionsphilosopshischen Untersuchungen der Bild-Verehrung im Urchristentum (Barnaba Maj), der religionskritischen Fetisch-Diskurse der Aufklärung (Marie-Luisa Frick), Objektheiligkeit im frühen Klosterwesen (Albrecht Diem), dem Blick auf das griechische Kultbild (Birgit Gufler) und der Frage, ob das Konzept des Fetischs geeignet ist, den Dualismus von Idealismus und Materialismus zu überwinden, die Rogério Pires am Beispiel afrikanischer und amerikanisch-afrikanischer Religionen erörtere. Die paradoxe Bedeutung des Fetischs für die Kultur- und Literatursemiotik (Christine Weder) wurde ebenso behandelt wie Fetisch und linguistischer Primitivismus (Claudia Posch) und der Marx’sche Fetischbegriff (Stephan Grigat). Andreas Oberprantacher widmete sich dem surrealistischen französischen Magazin documents sowie dem Konzept des „basalen Materialismus“ und Andreas Kriwak brachte den TeilnehmerInnen die Bedeutung des Fetischismus in der Lacan’schen Theorie näher. Die Aktualität des Konzepts des Fetischs auch jenseits kulturanthropologischer und historischer Problemfelder bezeugten auch Andreas Oberhofer, der danach fragte, inwieweit der Tiroler Held Andreas Hofer als Gegenstand fetischistischer Verehrung gelten könne, Andreas Müller, der Fetische im Recht sowie den Fetischcharakter des Rechts analysierte, Karin Schneider, die die Kategorie des Fetischs auf aktuelle Sicherheitsdiskurse anzuwenden versuchte und schließlich Ulrich Leitner, der sich mit dem Fetischelementen in imperialer Ideen beschäftigte.

 

Veranstalterin Antenhofer zeigte sich beeindruckt von der Vielfalt der Erkenntnisinteressen und Fragestellungen, die sich anhand einer durchaus kritischen Anwendung des Konzepts von Fetisch und Fetischismus in den unterschiedlichen Disziplinen gewinnen lassen; „Fetish is like magic: It works, whether you believe in it or not“ fasste Albrecht Diem die intensiven Diskussionen zusammen. Der Tagungsband zur Veranstaltung erscheint 2011 beim Verlag transcript.

(ip)