Ein Aufschreiber und Sprachsucher

Josef Winkler hielt als diesjähriger Writer in Residence an der Philologisch Kulturwissenschaftlichen Fakultät vom 16. bis 23. Juni eine Poetikvorlesung am Institut für Germanistik.
Joesf Winkler war der diesjährige r Writer in Residence an der Philologisch Kulturwissenschaftlichen Fakultät.
Bild: Joesf Winkler war der diesjährige r Writer in Residence an der Philologisch Kulturwissenschaftlichen Fakultät.

 

„Ich bin zwar manchmal – oft – schwach. Aber ich kenne eine ideale Stärkung: das Aufschreiben. Schwach, stärke ich mich schriftsuchend.“ So lautet eine aphoristische Notiz in Peter Handkes Buch Am Felsfenster morgens. Sie ist nur eine von zahlreichen Aufzeichnungen Handkes, die Josef Winkler – der diesjährige Innsbrucker „Writer in Residence“ – anlässlich seiner Poetikvorlesung am Institut für Germanistik mit den Teilnehmern der Lehrveranstaltung besprochen hat. Keineswegs zufällig ausgewählt, können Handkes Sätze zugleich als Programm für Winklers eigenes Schreiben betrachtet werden: Denn auch bei ihm handelt es sich um einen notorischen „Aufschreiber“ und „Schriftsucher“, der Notizbuch und Füllfeder zu seinen steten Begleitern zählt – egal, ober er in Madrid Stierkämpfe beobachtet, im Sterbebett des französischen Dichtes Jean Genet übernachtet oder den Verbrennungsritualen der Hindus am Ufer des Ganges beiwohnt. Und so steht zu vermuten, dass auch der Innsbrucker Aufenthalt des Autors seinen schriftlichen Niederschlag in einem seiner roten Notizbücher gefunden hat, die Winkler von seinen Reisen nach Indien mitzubringen pflegt. Für Handke dagegen – so ließ der Autor durchblicken – importiere er immer wieder indische Bleistifte, mit denen der verehrte Kollege am liebsten schreibe.

 

Solche anekdotischen Bemerkungen deuten bereits an, dass die Teilnehmer der insgesamt viertägigen Lehrveranstaltung eine Poetikvorlesung in durchaus unkonventioneller Form erleben durften; handelte es sich dabei doch keineswegs um eine „Vorlesung“ im klassischen Sinne, bei der ein Autor mit gelehrtem Gestus streng systematisch sein Literaturverständnis und seine Arbeitsweise in einem ausformulierten Vortrag vor dem passiven Publikum ausbreitet. Stattdessen war ein frei assoziierender, mal angeregt plaudernder, mal mit kaustischer Schärfe politisierender, mal rezitierender und aus eigenen und fremden Texten vorlesender Josef Winkler zu erleben, der gleich zu Beginn den Teilnehmern zu verstehen gab, in seiner Lehrveranstaltung keine letztgültigen Weisheiten verbreiten zu wollen. Vielmehr wolle er den Zuhörern undogmatisch Hinweise geben auf das, was ihm selbst als wichtige Literatur und Kunst erscheine – und, indem er so über das spreche, was für seine eigene Arbeit von entscheidendem Einfluss sei, auch unmittelbaren Einblick in seinen eigenen schöpferischen Schreibprozess liefern. Von Peter Weiss und Ingeborg Bachmann bis Jean Genet und Peter Handke dienten somit immer wieder andere Schriftsteller mit ihren Texten als Anknüpfungspunkte für Winkler, um anhand seines Verständnisses dieser Autoren Motivation und Techniken des eigenen Schreibens zu reflektieren.

 

In spontanem Wechsel dazu las Winkler nicht nur aus bereits publizierten Texten wie etwa seiner letztjährigen Klagenfurter Rede zum Bachmannpreis, sondern auch aus noch unveröffentlichten Texten seines im Entstehen begriffenen Buches Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär, das noch in diesem Jahr erscheinen wird. Manche Sätze, die so zu hören waren, werden bis dahin aber noch einer intensiveren Bearbeitung unterzogen werden, wie Winkler zu erkennen gab. – Auch dies eine einmalige Gelegenheit für die Anwesenden, unmittelbaren Einblick in die Schreibpraxis eines international renommierten Autors zu bekommen.

 

Winklers Vortrag gestaltete sich im besten Sinne multimedial: Die Stimmen von Ingeborg Bachmann oder Herta Müller waren ebenso von CD zu hören wie indische Dhrupad-Musik oder Schlager aus den 1920er Jahren, von denen einer – Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot – für eines der jüngsten Bücher Winklers aus dem Jahr 2008 den Titel geliefert hat. Der Autor demonstrierte auch auf diese Weise seine Arbeitsmethode, die stark auf der Umsetzung persönlicher Eindrücke und anderer Realitätspartikel in suggestive Sprachbilder beruht. Die Autobiographie wird dabei zum zentralen Reservoir des Schreibens, in dessen Ergebnissen die Erlebnisse der Kindheit und Jugend in der Kärntner Provinz immer wieder leitmotivisch wiederkehren. Vom Kärntner Bauernbuben zum Büchnerpreisträger war – das wurde den Teilnehmern anschaulich bewusst – ein weiter, oft genug steiniger und von Anfeindungen und Hindernissen erschwerter Weg, der sich für den Autor nicht zuletzt auch als ein Kampf um seine eigene literarische Sprache darstellte. Auch insofern ist die Bedeutung des Vorlesungstitels verständlich geworden: Sprache, ich kann dich nicht besiegen. Meine Waffe bist du.

 

Josef Winkler, 1953 in Kamering in Kärnten geboren, war nach dem Besuch von Volks- und Handelsschule, später der HAK für Berufstätige, u. a. in der Verwaltung der Universität Klagenfurt tätig, wo er erste Kontakte zu Literaturproduzenten und -vermittlern knüpfen konnte. Seit 1982 ist er als freier Schriftsteller tätig und lebt derzeit in Klagenfurt. Von den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen, die Winkler erhielt, sind vor allem der Große Österreichische Staatspreis (2007), der Georg-Büchner-Preis (2008) und der Erich-Fried-Preis (2009) zu nennen.

 

Am 16. und 17. sowie am 22. und 23. Juni kam er als „Writer in Residence“ nach Innsbruck, um seine Poetikvorlesung zu halten. Begleitend zu dieser Lehrveranstaltung las der Autor am Abend des 17. Juni im Literaturhaus am Inn aus seinem Roman Roppongi und anderen Texten. Außerdem war am 22. Juni im Leo-Kino Michael Pfeifenbergers 2009 entstandener Film Der Kinoleinwandgeher über Josef Winkler zu sehen. Der Autor war bei der Vorführung anwesend und stellte sich im Anschluss den Fragen des interessierten Publikums. Die Lehrveranstaltung wurde von Prof. Wolfang Hackl organisiert und begleitet.

(ip)

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