POWER, JUSTICE AND WORLD ORDER

Auf Einladung des Instituts für Philosophie fand Anfang Dezember die international besetzte Festveranstaltung Power, Justice and World Order zu Ehren von Prof. Köchler statt. Als Gastvortragende beehrten Prof. Türkkaya Ataöv (Universität Ankara) sowie Prof. Lyal S. Sunga (Raoul Wallenberg Institut, Schweden) die Universität Innsbruck.
v.l.: Marie-Luisa Frick, Prof. Türkkaya Ataöv, Prof. Hans Köchler, David Armstrong, Prof. Lyal Sunga, Andreas Oberprantacher
Bild: v.l.: Marie-Luisa Frick, Prof. Türkkaya Ataöv, Prof. Hans Köchler, David Armstrong, Prof. Lyal Sunga, Andreas Oberprantacher

Macht, Gerechtigkeit und Weltordnung – unter diesem für die internationale Bedeutung des Schaffens von Prof. Köchler, Institut für Philosophie, bezeichnenden Titel fand Anfang Dezember eine rege besuchte Festveranstaltung statt. Im Verlauf des Abends wurden die Festschrift Power and Justice in International Relations übergeben, der Sammelband World Order. Vision and Reality der Öffentlichkeit vorgestellt sowie zwei Gastvorträge von Experten im Bereich der Internationalen Beziehungen bzw. des Internationalen Rechts gehalten.

 
Power and Justice in International Relations

Auf Einladung von Marie-Luisa Frick und Andreas Oberprantacher, Institut für Philosophie, beteiligten sich anlässlich des 60. Geburtstages von Köchler insgesamt 16 international anerkannte Experten an einer thematisch fokussierten Festschrift auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Der Sammelband mit dem Titel Power and Justice in International Relations. Interdisciplinary Approaches to Global Challenges. Essays in Honor of Hans Köchler ist im renommierten britischen Verlag Ashgate erschienen. In vier Abschnitten, die sich mit der Anwendung von Gewalt in den  internationalen Beziehungen und der Zukunft des Völkerrechts, den gegenwärtigen Auseinandersetzungen in der Theorie des Völkerrechts, der Wissensproduktion und epistemischen Gewalt in internationalen Beziehungen sowie der globalen sozialen Gerechtigkeit und der Frage der Macht befassen, wird gleichermaßen auf brennende Fragen der Weltordnung eingegangen und die nachhaltige Bedeutung des Oeuvres von Köchler dargelegt. Wie einer der Vorrezensenten, Prof. Simon Dalby von der Carleton University, Kanada, schreibt, handelt es sich bei der Festschrift um „a fitting tribute to one of Austria’s great public intellectuals and his global vision.“

 

World Order. Vision and Reality

Im Zuge der Festveranstaltung wurde außerdem das jüngst erschienene Buch World Order. Vision and Reality der Öffentlichkeit vorgestellt. Es stellt eine von David Armstrong (dzt. Universität Cambridge, UK) herausgegebene Sammlung der wichtigsten Beiträge dar, die Köchler in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten zu Themen wie Weltordnung und Rechtsstaatlichkeit, Reform der Vereinten Nationen und Dialog der Zivilisationen verfasst hat. In seiner Präsentation des Buches zeigte sich Armstrong sichtlich beeindruckt vom umfangreichen wie breit gefächerten Werk Köchlers. Weitblick, begriffliche Präzision und hoher analytischer Gehalt zeichnen Köchlers Schriften aus, so Armstrong: „Ich habe im Zuge der Edition dieses Buches dutzende Artikel von Köchler studiert und keine einzige Stelle entdeckt, an der er sich selbst widersprechen würde.“

 
Das Zeitalter des Imperialismus

In seinem Festvortrag widmete sich Prof. Türkkaya Ataöv, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Ankara und Gastprofessor an zahlreichen amerikanischen Universitäten, den vielen Facetten imperialistischer Politik. Er spannte dabei den Bogen von der Eroberung Amerikas über die Kolonialisierung Afrikas bis herauf zur Gegenwart. Das Zeitalter des Imperialismus sei keinesfalls überwunden, vielmehr werde imperialistische Politik heutzutage mittels weltumspannender Konzerne betrieben. Ataöv: „Die politische Dekolonialisierung stellte kein Ende des westlichen Imperialismus dar, da diese nicht von ökonomischer Unabhängigkeit begleitet wurde.“ Darüber hinaus würde die Tradition des „klassischen“ Imperialismus durch militärische Interventionen „des Westens“ im Irak und in Afghanistan fortgesetzt. Ataöv betonte die wachsenden Widerstände gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung der Lebensgrundlage der Menschen im „globalen Süden“ und rückte dabei Lateinamerika als „momentanen Schauplatz eines gewaltigen Kampfes zwischen Linken auf der einen und Neokonservativen, Evangelikalen und lokalen Oligarchien auf der anderen Seite“ ins Zentrum seiner Hoffnungen auf eine neue, gerechtere Weltordnung.

 

Welchen Mehrwert hat das Konzept Human Security für das Völkerrecht?

Das völkerrechtliche Paradigma der Menschlichen Sicherheit (Human Security) wurde 1994 durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in die Theorie der Internationalen Beziehungen eingeführt. Lyal S. Sunga, Professor am Raoul Wallenberg Institut für Menschenrechte in Schweden und mehrfach mit wichtigen Funktionen im Rahmen der Vereinten Nationen betraut, ging angesichts der vagen Bedeutung von „menschlicher Sicherheit“ in seinem Vortrag der Frage nach, ob dieses Konzept überhaupt einen Mehrwert für die Theorie und Praxis des Völkerrechts darstellen könne. In seiner Analyse eng und weit gefasster Bedeutungen des Konzepts nahm Sunga auch die Spannung zwischen bürgerlich-politischen Menschenrechten einerseits und kulturellen und sozialen andererseits in den Fokus. Vor dem Hintergrund des Beispiels der selbst verschuldeten Hungerkatastrophe in Kenia 2006 sowie der Beobachtung, dass Hungerkatastrophen so gut wie nie in funktionierenden Demokratien auftreten, stellte Sunga die Frage: „Kann man wirklich sagen, das Recht auf Nahrung sei wichtiger als das Recht zu wählen?“ Seine Ausgangsfrage nach dem Mehrwert des Konzepts der Menschlichen Sicherheit bejahte Sunga, indem er Menschliche Sicherheit als gemeinsamen Fokus von Internationalem Strafrecht, Humanitärem Völkerrecht, Menschenrechten und Internationalem Flüchtlingsrecht skizzierte.

 

Zur Person des Geehrten

Köchler, 1948 in Schwaz geboren, promovierte an der Universität Innsbruck sub auspiciis praesidentis und ist seit 1982 Professor für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der politischen Philosophie und philosophischen Anthropologie. Von 1990 bis 2008 war Köchler Vorstand des Institutes für Philosophie. Köchler ist Gastprofessor an der University of Malaya in Kuala Lumpur, Malaysia, und an der Polytechnic University of the Philippines in Manila, Philippinen. Köchler ist Gründer und Präsident der International Progress Organization (I.P.O.), einer weltweit tätigen NGO, die beratenden Status bei den Vereinten Nationen und Mitglieder in über 70 Ländern hat.

Köchler ist Empfänger zahlreicher internationaler Auszeichnungen. 2004 wurde ihm das Ehrendoktorat der Mindanao State University, der zweitgrößten Universität der Philippinen, verliehen. 2008 ernannte ihn die türkische Pamukkale Universität zum Honorarprofessor für Philosophie auf Lebenszeit. Die Liste von Köchlers Publikationen umfasst über 400 Bücher und Fachartikel aus den Gebieten Phänomenologie, Anthropologie, Hermeneutik, Rechtsphilosophie, Menschenrechte, Internationales Strafrecht, Internationale Beziehungen und Demokratie.

Auf nachhaltiges internationales Interesse stoßen derzeit Köchlers kritische Gutachten zum sogenannten Lockerbie-Prozess – unter anderem im britischen Parlament. Köchler, vom ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan zum internationalen Beobachter in diesem Rechtsverfahren ernannt, hat in dieser Funktion auf schwerwiegende Mängel in der Prozessführung hingewiesen und den Verdacht eines Fehlurteils geäußert, eine Beurteilung, der sich später – sechs Jahre nach Köchlers erstem Bericht – auch die Oberste Schottische Revisionskommission in Strafrechtssachen (Scottish Criminal Cases Review Commission) angeschlossen hat.

(ip)

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