Vier Krisen. Finanzen, Wirtschaft, Klima, Natur

„Die Krise frisst sich in unsere Gesellschaft,“ warnte Prof. Elmar Altvater in seinem Vortrag im Zukunftszentrum Tirol, der in Kooperation mit Wissenschaft und Verantwortlichkeit organisiert wurde. Der Soziologe und Ökonom zeigte in seinen Vortrag die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise mit den Entwicklungen im Bereich der Umwelt und dem Klimawandel auf.
Prof. Elmar Altvater
Bild: Prof. Elmar Altvater

Die Krise sei dabei nicht nur die Finanzkrise der letzten beiden Jahre, sondern eine umfassende Systemkrise der derzeitigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Kapitalistisch orientierte Gesellschaften sind Arbeits- und Geldgesellschaften. Gerät die Sphäre des Geldes in eine Krise, wie am Zusammenbruch der Finanzmärkte zu sehen, so Altvater, wäre es unvermeidlich, dass auch die „reale“ Sphäre der Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen würde. Die Arbeitslosigkeit steigt an, der Welthandel schrumpft in einem noch stärkeren Ausmaß als dies 1929 der Fall war.

 

Die Realwirtschaft könne keine dem Finanzsektor entsprechenden Werte generieren. Die Grenzen der realen Ökonomie seien erreicht. Prof. Altvater betonte, dass der Wachstumsbegriff der Ökonomie sich verselbständigt habe. Es sei höchste Zeit, dem einen neuen Begriff wirtschaftlicher Entwicklung entgegen zu setzen, der weniger negative Folgewirkungen mit sich bringe. Unendliches Wachstum sei in einem geschlossenen System wie der Erde, nicht zu realisieren.

 

Die Krise im wirtschaftlichen Bereich ist auch eine Krise der Natur. Auf Kosten der Umwelt wurden wirtschaftliche Wachstumsraten erzielt, die auf Dauer nicht tragfähig wären. Sehr gut sei dies am Energiesystem zu sehen. Die Verwendung fossiler Energieträger wie Erdöl erlaube zwar einen Zugriff auf große Mengen billiger Energie, jedoch nähere sich dieses Zeitalter seinem Ende, so Altvater. „Peak Oil“, der Höhepunkt der Ölförderung, sei bereits überschritten. Die ökologischen Folgen sind bereits massiv und auch das „billige“ Erdöl wird angesichts eines gigantischen weltweiten Bedarfs schnell verbraucht sein. Ökologisch stehe die Erde am Anschlag, nicht nur Peak Oil sei  ein Problem, sondern ein ökologischer „Peak of everything“ sei eingetreten. Artenvielfalt, Klima, schlicht die Lebensgrundlagen seien bedroht.

 

Die bisherigen Interventionen zur Bewältigung der Krise seien vor allem Systemreperatur gewesen. Die milliardenteuren Bankenrettungspakete hätten der Gesellschaft die Kosten der derzeitigen krisenhaften Ausprägung des Kapitalismus auferlegt.

 

Angesichts einer Milliarde Menschen auf der Erde, die vom Hunger bedroht sind, wären die unfassbaren Summen, die zur Stützung des Bankensystems ausgegeben wurden, so Elmar Altvater, eine moralische Katastrophe. Überhaupt sei die Gefahr großer sozialer Konflikte mit Gewaltpotenzial gegeben.

 

Ein umfassender Wechsel zu erneuerbaren Energieformen sei notwendig, der aber so erfolgen müsse, dass es zu keiner Konkurrenz zwischen Nahrungsmittelproduktion und der Aufzucht von Energiepflanzen komme. Naturverträglichkeit sei das oberste Gebot. Neue Wirtschaftsformen müssten den Kriterien der Demokratie genügen und dezentralisierte Produktion ermöglichen. Man müsse eine Pluralität der Eigentumsformen zulassen, um zu starke Markt- und Machtpositionen einzelner Akteure entgegen zu treten.

(ip)

 

Link: Arbeitskreis Wissenschaft und Verantwortlichkeit 

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