Visuelle Kompetenz - Die Alphabetisierung des Blicks

Am 5. November fand der vom Medienforum innsbruck media studies organisierte Medientag 2009 der Universität Innsbruck statt. Die Tagung stand unter dem Motto „Visuelle Kompetenz. Die Alphabetisierung des Blicks“ und wurde vom Forumssprecher der innsbruck media studies, Prof. Dr. Theo Hug, und dem Vizerektor für Personal, Ass.-Prof. Mag. Dr. Wolfgang Meixner, eröffnet.
 Künstlerteam art.migration: Mag. Barbara Huber und Dr. Christian Streng
Bild: Künstlerteam art.migration: Mag. Barbara Huber und Dr. Christian Streng

Die interdisziplinär ausgerichtete Veranstaltung untersuchte den Forschungsgegenstand „Visuelle Kompetenz“ aus verschiedenen Blickwinkeln und bot neben einer Reihe außergewöhnlicher Vorträge auch die Möglichkeit sich aktiv in einen der drei Workshops einzubringen. Eröffnet wurde der Medientag mit einem Kunstprojekt von art.migration, unter der Leitung von Mag. Barbara Huber und Dr. Christian Streng, „blicksicher. kein boden unter den füßen“, deren Prämisse es war, das Bild in den Mittelpunkt zu bringen – nicht mehr versuchen Bilder zu verbalisieren, sondern in Bildern zu sprechen und zu denken.

 
Die Dimensionen der bildhaften Welt

Der Medienpädagoge Prof. Dr. Christian Doelker stellte im Eröffnungsvortrag „Visuelle Kompetenz - Grundzüge der Bildsemantik“ die Wahrnehmung als eine der Grundstrukturen der visuellen Kompetenz dar. Er erklärte das Modell der drei Wirklichkeiten, dem zufolge unsere Wahrnehmung aus primären, medial geprägten, sowie aus subjektiv wahrgenommen Bildern besteht und kommt zu dem Schluss, dass ein Bild mehr als nur ein Bild ist.   

Der Vortrag von Prof. Dr. Peter Hejl  „Text oder Grafik? Zur visuellen Wirklichkeitskonstruktion in der Wissenschaft“ beleuchtete die Frage, ob Lerninhalte besser durch Texte oder durch Grafiken vermittelt werden können. Während naturwissenschaftlich geprägte Publikationen primär auf Grafiken basieren, vermitteln geisteswissenschaftlich orientierte Werke die Lerninhalte vermehrt anhand von Texten. Laut Dr. Hejl können Grafiken komplexe Sachverhalte vereinfacht darstellen, wobei für ein effektives Lernen oftmals eine ergänznde textliche Illustration zum Verständnis nötig ist.

Durch den dritten Vortragenden Univ.-Prof. Ir. Lootsma konnten die Zuhörer einen Ausflug in die Welt der Architektur genießen. Mit seiner Darbietung „The style of choice“ wurde gezeigt, dass in der Architektur Gebäude kurzlebige Bilder darstellen. Bauwerke werden in der Postmoderne ihrem Zweck – darin zu wohnen – entfremdet und zu einem Aussageträger umfunktioniert. Sowohl die Innenarchitektur als auch die Fassade des Baukomplexes werden für politische, mediale und repräsentative Statements genutzt. 

 
Sehen auf den zweiten Blick

Parallel zu den Vorträgen von Prof. Dr. Hejl und Prof. Ir. Lootsma wurden Workshops abgehalten, deren Ziel es war, sich experimentell mit dem Thema „Visuelle Kompetenz“ zu beschäftigen.

Die Kunstpädagogin Mag. Ruth Gschwendtner-Wölfle versuchte mit ihrem Workshop „Kunst Räume Sind Über All“ die Sensibilität für Bilder und Kunst im alltäglichen Umfeld zu schärfen. Nach einer kurzen Einführung bildeten sich Gruppen, die den Auftrag bekamen, sich am Universitätsgelände einen Ort zu suchen, den sie als ‚ihr Museum’ deklarieren und umwidmen sollten. Ziel war es, die Wahrnehmung zu weiten und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Dinge mehr sind, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.  

Der Künstler und Grafiker Mag. Georg Vith führte in einem komplett abgedunkelten Baucontainer am Karl-Rahner-Platz das Prinzip der „Camera obscura“ vor. Durch ein kleines Loch mit zirka 1 cm Durchmesser drang etwas Licht in den Raum und es wurde das seitenverkehrte, bewegte Bild des gegenüberliegenden Straßenbereichs auf die Innenwand des Containers projiziert. Mag. Vith erklärte, dass durch eine gewisse Distanz zum Wahrgenommenen und damit zum vermeintlich Bekannten eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Akt des Wahrnehmens selbst ermöglicht wird. Über den Weg des Wartens auf das Erscheinen der Bilder im dunklen Raum geschieht eine Entschleunigung des Sehens.

Im Workshop „(H) Aussprache – gebaute Konstruktionen und wie sie kommunizieren“ ging es um eine Wahrnehmungsschulung der gebauten Umwelt. Die Architektin Mag. Monika Abendstein versuchte visuelle und auch soziale Kompetenzen im Bereich der Architektur zu verbinden. Die Aufgabe der WorkshopteilnehmerInnen war es, eine Geschichte zu entwickeln, in der die Häuser als Protagonisten eine Rolle spielten. In diesem Projekt wurde die Architektur personifiziert, sie bekam eine Stimme. Indem Bauwerke wie Personen wahrgenommen werden, ist es leichter sich eine unabhängige Meinung über sie bilden zu können, so Frau Mag. Abendstein.

 
„Wie können wir sehen lernen?“

Die Podiumsdiskussion führte die Besucher des Medientages wieder zusammen ins Plenum und versuchte unter der Moderation von Prof. Dr. Monika Fink eine Antwort auf die Frage „Wie können wir sehen lernen?“ zu finden. Der Medienpädagoge Prof. Dr. Christian Doelker, die Künstlerin Mag. Ruth Gschwendtner-Wölfle, der Architekturtheoretiker Prof. Ir. Bart Lootsma und der VR für Personal und Historiker Ass.-Prof. Mag. Dr. Wolfgang Meixner äußerten sich dazu, wie man Bilder aktiv oder passiv konsumieren kann, wie Bilder gelesen werden können, ob die Menschen heutzutage noch im Stande sind, Bilder vergangener Zeitepochen zu lesen und ob dies überhaupt erstrebenswert und für das Leben in einer modernen Welt relevant sei. Weiters wurde besprochen ob auch im Schulcurriculum die Bildsprache einen Platz findet bzw. finden soll.

 

Mediale Bilder

An der Schnittstelle zur Tagung "Medien - Wissen - Bildung: Explorationen visualisierter und kollaborativer Wissensräume" rundete der Abendvortrag von Prof. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann den Medientag 2009 ab und eröffnete gleichzeitig eine Reihe weiterer Beiträge zur Thematik, die im Rahmen der Tagung am 06.11.09 vorgestellt wurden.

Im Vortrag, „Bildung angesichts das Denken beherrschender, medialer Bilder“ skizzierte Prof. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann als Grundlage für seine weiteren Erläuterungen das Höhlengleichnis nach Platon. Ausgehend davon stellte er anhand von zwölf Punkten die Entwicklung des Bildes und des Tons dar, die in seinem Vortrag in den ersten cinematographischen Bewegungsbildern des beginnenden  20. Jahrhunderts gipfelte. Zudem referierte er über das Verhältnis zwischen Bild und Ton, welches er mit dem apollinisch- dionysischen Konzept in Verbindung setzte. Darüber hinaus wies er auf die Flüchtigkeit des Hörens im Gegensatz zur Wahrnehmung von Bildern hin, welche bei Bedarf angehalten werden können.

Ungeachtet der vielfältigen Beiträge konnte das Thema „Visuelle Kompetenz“ an einem Tag noch nicht erschöpft werden, weshalb die Ringvorlesung „Visuelle Kompetenz“, die im Wintersemester 2009/10 an der Universität Innsbruck stattfindet und im Sommersemester fortgeführt wird, die Auseinandersetzung mit der Thematik weiterführt und ergänzt.

 

(ip)

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