Unterricht ohne zu unterrichten

Dr. Falko Peschel, Grundschullehrer und Erziehungswissenschaftler aus Deutschland, präsentierte im Rahmen eines Vortrages an der Uni Innsbruck sein radikales Konzept des offenen Unterrichts und regte zum Aufbruch zu einer neuen Art des Lernens an.
Falko Peschl präsentierte sein Konzept des offenen Unterrichts an der Uni Innsbruck
Bild: Falko Peschl präsentierte sein Konzept des offenen Unterrichts an der Uni Innsbruck

Falko Peschel führte ein Klasse vier Jahre lang durch die Grundschulzeit, ohne zu unterrichten. In seinem Vortrag am 27. April in der vollbesetzten Aula der Uni Innsbruck stellte er dieses Konzept vor und berichtete von dem Ergebnis der vier Jahre. „Die hohen Leistungen der Kinder haben nicht nur mich, sondern auch viele Besucher immer wieder verblüfft“, so Peschl. Obwohl sich in der Klasse viele Kinder mit besonderen Schwierigkeiten befanden bzw. gezielt dorthin eingewiesen wurden, lagen ihre Leistungen deutlich über den Vergleichswerten repräsentativer Stichproben. „Selbst Schüler, die als nicht in der Regelschule „beschulbar“ galten, sind nach der Grundschule auf das Gymnasium oder andere weiterführende Regelschulen gewechselt“, berichtete der Erziehungswissenschaftler. Der Leistungsspiegel der Klasse sei erheblich nach oben verschoben worden – und zwar in gesamter Breite, ohne dass bestimmte Kindergruppen davon benachteiligt worden wären.

Stufenmodell

Sein Konzept vom offenen Unterricht, in dem er aktuelle Unterrichtsformen wie Freie Arbeit, Wochenplan-, Stations-, Werkstatt- und Projektunterricht weiterentwickelte,  baut auf die Selbststeuerung der Kinder. Peschl präsentierte sein Stufenmodell für offenen Unterricht:
Bis dato finde man in der Praxis die organisatorische Öffnung mit Abstand am häufigsten vor. Dabei werden Raum, Zeit und Sozialform vom Lehrer ganz oder teilweise freigegeben, hingegen sind Inhalt, Methode und Material weitgehend festgelegt.  Peschls Verständnis vom Offenen Unterricht sieht allerdings die Loslösung von den Materialvorgaben als Ausgangsbedingung jeglicher Öffnung. „Material und Lehrer müssen dem Weg des Schülers folgen, nicht umgekehrt“, so der Erziehungswissenschaftler. Die nächste Stufe ist die Erweiterung um die inhaltliche Dimension. „Grundlage hierfür ist der Ansatz des interessebezogenen Lernens, -  man lernt am schnellsten und einfachsten und meist sogar ohne es als Lernen zu empfinden, wenn man sich  für einen Gegenstand interessiert“, so Peschl. Für den Unterricht bedeutet das, dass nicht nur die Lernwege, sondern auch die Inhalte vom Lehrer freigegeben werden. Die sozial-integrative Öffnung sieht Peschl als Ergänzung des Unterrichts auf der Ebene des sozialen Miteinanders. Sie ermögliche nicht nur das Bilden eigener Regel- und Sozialstruktur, sondern verhindere auch, dass Kinder, die nicht in das von außen vorgegebene Raster passen oder sich nicht so schnell anpassen können, zuerst "segregiert" bzw. zu Außenseitern werden.

Neue Mittelschule

Abschließend ging Falko Peschl auf die Schulreform ein, mit der sich auch die WissenschaftlerInnen am Institut für LehrerInnenbildung beschäftigen. Im Schwerpunkt „Personale Bildungsprozesse in heterogenen Gruppen“ befassen sich die ErziehungswissenschaftlerInnen mit der Frage, welche Chance das Konzept der Neuen Mittelschule untern den gegenwärtigen Bedingungen von Schule, Unterricht und Lehrerbildung haben, um die SchülerInnen in heterogenen Klassen bestmöglich zu fordern und zu fördern. 

(sr)

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