Dialog konkret

Der islamischen Religionspädagoge Prof. Ednan Aslan hielt Mitte März einen Vortrag an der Katholisch -Theologischen Fakultät Innsbruck.
Prof. Ednan Aslan  hielt Mitte März einen Vortrag an der Katholisch -Theologischen Fakultät Innsbruck
Bild: Prof. Ednan Aslan hielt Mitte März einen Vortrag an der Katholisch -Theologischen Fakultät Innsbruck

"Sie sind Zeuge einer historischen Stunde", so begrüßte Prof. Matthias Scharer das Auditorium zu Beginn der Gastvorlesung "Kriterien islamischer Glaubenstradierung in Religionsunterricht, Moschee und Öffentlichkeit" von Prof. Ednan Aslan, Leiter der Islamischen Religionspädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien. Matthias Scharer hatte seinen muslimischen Kollegen eingeladen, die Vorlesung zur Kriteriologie der Glaubenserschließung in diesem Sommersemester zu eröffnen. Die Zusammenarbeit mit Prof. Aslan hatte in der Forschungsplattform "Weltordnung-Religion-Gewalt" begonnen und setzte sich im Rahmen der Vorbereitungen zum Kongress "heilig-tabu", der als christlich-muslimischer Dialogprozess vergangenes Jahr in Telfs durchgeführt wurde, fort. Mit einem Studientag zur islamischen Religionspädagogik und der anschließenden Gastvorlesung sollte die Zusammenarbeit weiter vertieft werden.

 

Heimat in Europa

Prof. Aslan machte in seinem Vortrag deutlich, dass islamische Glaubenstradierung notwendige Voraussetzungen hat, die von allen Mitgliedern der europäischen Gesellschaften und Kirchen mitgetragen werden müssten: Als wichtigste Voraussetzung nannte Aslan, dass  Muslime in Europa Heimat finden müssten. "Wir müssen uns hier heimisch fühlen können ", so der islamische Religionspädagoge, „ohne diese innere Beheimatung, kann es keine Glaubenstradierung geben." Das sei eine Herausforderung – auch für die Muslime. Muslime dürften sich nicht abschotten, sondern sollten ihren Beitrag zur Gestaltung des europäischen Lebensraumes, in Kultur und Wissenschaft leisten. Sie müssten bereit sein, an einem europäisch geprägten Islam mit zu arbeiten, „Wir Muslime dürfen nicht immer unsere Augen,  in die Türkei,  den Iran oder nach Saudi-Arabien richten, wir sollten uns hier in Europa einrichten, als Partner in der Gesellschaft sichtbar werden."

 

Mehrsprachigkeit als Chance

Das Beherrschen der deutschen Sprache ist für Prof. Aslan eine weitere wichtige Voraussetzung der Beheimatung, der Identitätsfindung und damit der Glaubenstradierung im europäischen Kontext. Alarmierend sei, dass muslimische Kinder, die bereits in Österreich geboren sind, immer öfter die Freude an der deutschen Sprache verlieren würden. Die alleinige Forderung nach mehr Sprachkursen greift seiner Ansicht nach jedoch zu kurz. Entscheidend sei,  die Sprachkompetenz muslimischer Kinder in der Muttersprache wertzuschätzen.  „Wieso wird Zweisprachigkeit nur als Chance gesehen, wenn sie in Kombination  mit Englisch, Französisch oder Italienisch auftritt, nicht mit Türkisch oder Bosnisch?" fragt Aslan. Hier zeige sich eine gesellschaftliche Minderbewertung bestimmter Kulturen, Religionen und Sprachen, die hemmend für die Glaubenstradierung insgesamt sei.

 

Dialogbereitschaft

Wesentlich für die Glaubenstradierung ist das gegenseitige Interesse und die Dialogbereitschaft aller BürgerInnen: MigrantInnen und NichtmigrantInnen, Muslime und Angehörige anderer Religionen und Kulturen. Die Muslime sind Teil der europäischen Gesellschaft, dahinter geht es nicht mehr zurück, versucht Aslan die Integration verständlich zu machen. "Die europäische Gesellschaft muss lernen, diese Tatsache als Realität zu sehen und annehmen zu können“, so Aslan. Wir alle sind herausgefordert, zur Kenntnis zu nehmen, dass der öffentliche und private Raum der Menschen von mehreren Kulturen und mehreren Religionen bewohnt ist. Für öffentliche Bildungseinrichtungen hat das große Relevanz, meint Aslan: Beispielsweise würde es bedeuten, diese verschiedenen Kulturen und Religionen auch authentisch in der Schule sichtbar werden zu lassen. Dazu stellen sich viele Fragen: Wo bleibt in der Schule das Interesse für z. B. muslimische Kulturen und Religionen? Können sich muslimische SchülerInnen mit ihrer Kultur einbringen und damit eine lebendige Identität entwickeln. Wann kommt es vor, dass sich LehrerInnen für die Kultur der MigrantInnen interessieren? Wann sind die Fußballergebnisse türkischer Vereine interessant? Wann erfährt der muslimische Religionsunterricht das Interesse von Direktorinnen und Direktoren?  Sehr oft werden die islamischen Religionsstunden an den nachmittäglichen Tagesrand gelegt. "Als ehemaliger Inspektor für islamische Religion ist mir oft untergekommen, dass der Direktor/ die Direktorin oft nicht wusste, wer an seiner/ihrer Schule islamische Religion unterrichtet", fügt Aslan hinzu und lässt durch seine eigenen Erfahrungen erkennen, wie wenig die muslimische Religion und Kultur im öffentlichen österreichischen Raum wahrgenommen, minderbewertet bzw. vergessen wird.

 

Aufmerksamkeit und Wertschätzung füreinander sind ein Schlüssel für ein friedliches Miteinander und entscheidende Voraussetzung für eine gelingende Tradierung von Religion und Kultur. Dazu sind alle, insbesondere auch die Muslime herausgefordert, so schloss E. Aslan seinen Gastvortrag.

 

Nach viel Applaus der Anwesenden für die AusführungenProf. E. Aslans und einer angeregten Diskussion, bedankte sich Prof. M. Scharer bei seinem Wiener Kollegen und schloss die Gastvorlesung, indem er die Hoffnung auf eine weitere Intensivierung der Zusammenarbeit zum Ausdruck brachte.

 

(ip)

Links:
Nach oben scrollen