Internationale Tagung zu Versicherungswirtschaft und Klimawandel

Der Klimawandel erfordert neue Wege in der Versicherungswirtschaft, darin stimmten die Teilnehmer/-innen einer internationalen Tagung am Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck Anfang März überein.
Dekanin Hannelore Weck-Hannemann und Prof. Reimund Schwarze begrüßten internationale Experten aus Wissenschaft und Versicherungswirtschaft in Innsbruck.
Bild: Dekanin Hannelore Weck-Hannemann und Prof. Reimund Schwarze begrüßten internationale Experten aus Wissenschaft und Versicherungswirtschaft in Innsbruck.

In dem gemeinsam von Hannelore Weck-Hannemann und Reimund Schwarze veranstalteten zweitägigen Seminar trafen sich internationale Experten aus Wissenschaft und Versicherungswirtschaft an der Uni Innsbruck, um über die Herausforderungen des Klimawandels für die Versicherungswirtschaft zu diskutieren.

 

Langfristversicherungen

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch eine Keynote des international renommierten Risiko- und Versicherungsökonomen Howard Kunreuther von der Wharton School der University of Pennsylvania /Philadelphia. Er plädierte in seinem Vortrag für eine neue Langfristperspektive in der Versicherungswirtschaft und für eine bessere Honorierung von langfristig wirksamen  Schutzmaßnahmen wie z.B. sturmsichere Bauweisen durch ‚Langfristversicherungen’. Die gegenwärtige Praxis von Jahresverträgen binde die Versicherung an den Versicherungsnehmer, nicht aber an das Gebäude, so dass sich Investitionen zum Gebäudeschutz nur bei langfristigem Besitz auszahlen. Langfristverträge böten auch sonstige Vorteile wie bessere Kalkulierbarkeit und sorgfältigere Prognosen. Aus Sicht der vertretenen Versicherungswirtschaft (Travelers Insurance/St. Paul) und der Risikomodellierer (Risk Management Solutions, London) sind solche Langfristversicherungen möglich, wären aber teuer, weil sie mit zahlreichen zusätzlichen Risiken in der Modellierung und im Versichertenverhalten verbunden wären.

 

Mit anderen Herausforderungen an die Versicherungspraxis beim Klimawandel befassten sich die Beiträge von Jeroen van Arts (Universität Amsterdam) und Alexander Mürmann (Wirtschaftsuniversität Wien). Während Alexander Mürmann über die neuen Herausforderungen für die Verifizierung von unsicheren und sogar ungewissen Informationen über den Klimawandel sprach, beschrieben Jeroen van Aerts und seine Kollegen die neuen Wege zur Versicherung von Überschwemmungen in den Niederlanden. Dort war bis vor kurzem eine private Versicherung für Hochwasser- und Sturmflutschäden verboten, um die Gefahrengemeinschaft nicht zu gefährden. Bei den wachsenden Überschwemmungsextremen müssen aber auch hier neue Formen der Partnerschaft zwischen Privaten und der öffentlichen Hand gesucht werden, die auch den Selbstschutzgedanken stärken. Peter Schneider von der Interkantonalen Rückversicherung der Schweiz führte dagegen das Schweizer Modell der kantonalen Monopolversicherer ins Feld. Die kantonalen Gebäudeversicherer sind durch die enge Einbindung in die direkt demokratischen Entscheidungsprozesse in der Schweiz aus seiner Sicht ein langfristig bindender Sozialvertrag (contrat social), der alle wünschenswerten Eigenschaften einer Langfristversicherung hat, aber durch die notwendige Zustimmung der Bürger in Volksentscheiden immer wieder an den Bedürfnissen der Bürger ausgerichtet wird.

 

Naturgefahrenversicherung und Klimaschutz

Reinhard Mechler vom IIASA/Laxenburg sprach in der Folge von der Rolle von Naturgefahrenversicherung für die internationalen Verhandlungen zum Klimaschutz. Die Bali-Vereinbarungen der Völkergemeinschaft fordern eine Anpassungsstrategie in den Entwicklungsländern, die durch internationale Hilfsmittel und Versicherungen effektiv unterstützt werden können. Auf mögliche Gefahren einer Verdrängung privater und staatlicher Vorsorgeanstrengungen in den Entwicklungsländern durch Hilfsmaßnahmen der UN wies demgegenüber Manijeh Schwindt von der Universität Innsbruck auf der Grundlage ihrer empirischen Analyse der Präventionswirkungen von internationalen Notfall- und Wiederaufbauhilfen hin.

 

Besonderheiten in den USA

Die Themen des zweiten Tages drehten sich um nationale Besonderheiten der Naturgefahrenversicherung in den USA und in Europa. Thomas von Ungern-Sternberg von der Universität Lausanne kontrastierte die schlechten Erfahrungen mit der Sturmversicherung in Florida mit den verlässlichen und auch billigeren Systemen der Naturgefahrenversicherung in der Schweiz. Die anschließende Diskussion drehte sich um die Frage, wie diese ‚Effizienz von Monopolen’ in der Naturgefahrenversicherung erklärt werden kann und welche rechtlichen und politischen Grenzen dem Schweizer Modell in den Ländern der EU entgegenstehen.

 

Erwann Michel-Kerjann von der Wharton School der University of Pennsylvania /Philadelphia hob seinerseits die Schwächen des nationalen Flutversicherungsprogramms in den USA (NFIP) hervor. Die Subventionierung von Prämien sei eine klare Verletzung des Versicherungsprinzips der Risikoorientierung. Er gab darüber hinaus gemeinsam mit Paul Raschky von der Universität Innsbruck einen Überblick über die Struktur der Versicherungsnachfrage unter dem NFIP. Es zeigen sich z.B. klare Indizien für eine sehr geringe Bereitschaft zur Vereinbarung von Selbstbehalten trotz in Aussicht gestellter Prämiennachlässe.

 

Thomas Url vom WIFO/Wien, Franz Prettenhaler von der Joanneum Research/Graz und Hansjoerg Albrecher von der Universität Lausanne präsentierten voneinander unabhängige Studien zu Extremschadensszenarien in Österreich. Hierbei zeigten sich methodenbedingt stark abweichende Einschätzungen im wahrscheinlichen Maximalschaden. Übereinstimmung bestand jedoch zwischen allen Vorträgen in der Betonung der Notwendigkeit, den finanziellen Risikotransfer in Österreich stärker als bisher an versicherungswirtschaftlichen Prinzipien auszurichten. Ein konkretes Modell dazu wurde von der Joanneum Research vorgestellt und analysiert.

 

Patty Born von der University of Florida analysierte in einem gemeinsamen Vortrag mit Barbara Klimaszewski von der LMU München die Reagibilität von privaten und gewerblichen Versicherungsverträgen auf Änderungen in der Schadensexposition. Die auch in den USA stark regulierten privaten Gebäudeversicherungen zeigten sich hier wenig lernfähig und langsamer anpassungsfähig als die weitgehend deregulierte Gewerbesparte der Naturgefahrenversicherung.

 

Die Diskussionen der beiden Tage zeigten, dass die ‚Systemdebatten’ über die Naturgefahrenversicherung zwar noch immer nicht abgeschlossen sind, aber doch häufig ideologisch überhöht werden. Mit dem Übergang zu ‚Langfristversicherungen’ in den USA käme es zu einer transatlantischen Konvergenz der Systeme, betonte Reimund Schwarze in seinem Schlusswort. Die Vorteilhaftigkeit und die Durchhaltbarkeit von Langfristverträgen bei einem ungewissen Klimawandel müsse sich aber erst noch erweisen. Hannelore Weck-Hannemann stellte zusammenfassend die Aktivitäten der Universität Innsbruck zum Naturgefahrenmanagement vor und bedankte sich bei den Sponsoren dieser Veranstaltung. Die Vorträge der Veranstaltung und weitergehende Literatur sind auf der Veranstaltungswebsite dokumentiert.

(ip)

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Insitut für Finanzwissenschaft
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