Der Streit ums Kopftuch

Die von der Forschungsplattform Geschlechterforschung der Uni Innsbruck am 26. November veranstaltete Podiumsdiskussion „Der Streit ums Kopftuch“ übertraf mit 200 BesucherInnen die Erwartungen der Organisatorinnen bei weitem.
Über 200 BesucherInnen kamen zur Podiumsdiskussion „Der Streit ums Kopftuch“
Bild: Über 200 BesucherInnen kamen zur Podiumsdiskussion „Der Streit ums Kopftuch“

Für das Kopftuchtragen gilt Österreich in Europa als Vorbild, garantiert doch die Verfassung die Freiheit der Religionsausübung, so einleitend die Moderatorin Erna Appelt, Professorin am Institut für Politikwissenschaft und Leiterin der Forschungsplattform Geschlechterforschung.

 

Dr. Elisabeth Dörler, Islambeauftragte der Diözese Feldkirch, wies eindrücklich darauf hin, dass über Kleiderverordnungen Geschlechterverhältnisse hergestellt werden. Unsere Gesellschaft misstraut offen zur Schau gestelltem Glauben. Kopftuchtragen wird als Rückschritt gesehen.

Yeliz Dagdevir, Geschäftsführerin der Initiative Minderheiten in Tirol, hält das Kopftuch nicht für ein Symbol, sondern eine Ausdrucksform der muslimischen Glaubenspraxis. Sie betonte die Freiheit der Selbstbestimmung und dass es jeder Frau überlassen bleiben müsse, über das Kopftuchtragen zu entscheiden

 

Die Wiener Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger sieht im Streit ums Kopftuch einen politischen Streit und nicht einen religiösen. Argumente in Europa gegen das Kopftuchtragen gehen von „keine Religion im öffentlichen Raum“ bis zu „Christentum ist Kultur – keine kopftuchtragenden Lehrerinnen erwünscht“. Instrumentalisiert wird das Kopftuch vor allem von den europäischen Rechten, die sich beim Thema „Kopftuch“ plötzlich für die „Befreiung der Frauen“ einsetzen – ein Thema, das ihnen ansonsten wenig am Herzen liegt, so die Wiener Universitätsprofessorin.

 

Auch Gerhard Reheis, Tiroler Landesrat für Soziales und Integration, wandte sich dezidiert gegen diese geschürte „Politik mit der Angst“ und forderte klare Positionen von Politik und Gesellschaft. Im Jahr 2009 soll es im Tiroler Landtag eine große Integrationsenquete (Tagung) geben.

 

Aygül Berivan Aslan, vom Zentrum für MigrantInnen in Tirol (ZeMiT), erzählte über die Gewissenskonflikte ihrer Klientinnen beim erzwungenen Kopftuchverzicht am Arbeitsplatz. Über das Kopftuch werde nicht mehr und nicht weniger als die Frage des Zugangs zu lebensnotwendigen Ressourcen – Arbeitsplatz ja oder nein – entschieden. Im Publikum gab es einige Kopftuchträgerinnen, eine nannte das Kopftuchtragen als persönliche Befreiung trotz aller dadurch erfahrenen Diskriminierungen.

 

Die Diskussion zeigte das riesige Interesse, sich über dieses ‚heiße’ gesellschaftspolitische Thema zu informieren und auszutauschen. In der von 27.11.-29.11.08 stattfindenden Ringvorlesung und internationalen Tagung „Kulturelle Differenz und Geschlechteregalität“ wurde darüber weiter diskutiert.

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(ip)