Intersektionalität – ein neues Forschungsfeld. Herausforderungen und Risiken

Auf Einladung der Interfakultären Forschungsplattform Geschlechterforschung der Universität Innsbruck kam die Soziologin Andrea Bührmann – derzeit Gastprofessorin an der Universität Wien/Privatdozentin an der Universität Münster – nach Innsbruck, um über ein derzeit in der Geschlechterforschung heiß diskutiertes Thema zu sprechen.
v.l.: Andrea Bührman, Maria Wolf und Andrea Ellmeier (Koordinatorin der Forschungsplattform)
Bild: v.l.: Andrea Bührman, Maria Wolf und Andrea Ellmeier (Koordinatorin der Forschungsplattform)

Die sozialwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung hat im Laufe ihrer nun über 30-jährigen Entwicklung immer deutlicher herausgearbeitet, wie grundlegend die Kategorie „Geschlecht“ als soziale Differenzierung wirkt. Manche ForscherInnen bezeichnen sie sogar als das älteste Phänomen der gesellschaftlichen Unterscheidung. Durch diese Forschungsperspektive hat sich ein umfangreiches Wissen darüber angesammelt, wie Prozesse der sozialen Differenzierung überhaupt vor sich gehen. Dieses Wissen wird derzeit als Ausgangspunkt für Forschung über gesellschaftliche Unterscheidungen an sich herangezogen. Im Zentrum des Interesses steht nun die Frage: Wie interferieren bzw. überschneiden sich die Grundkategorien Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Alter, Nationalität etc im Zusammenhang mit der (Selbst)Beschreibung von Menschen und von gesellschaftlichen Gruppierungen.

 

Die aktuelle Debatte um „Intersektionalität“ ist demnach eine Theorie-Empiriediskussion, die derzeit in sämtlichen Geschlechterstudien/Gender Studies-Departments des deutschsprachigen Raumes geführt wird. Andrea Bührmann machte in ihrem Innsbrucker Vortrag klar, dass Intersektionalität die Frage nach der Gewichtung von Kategorien wie Klasse, Ethnizität und Geschlecht, Alter, Nationalität etc. stellt: Es geht also darum, wie in den konkreten Forschungsdesigns der Sozial- und Kulturwissenschaften die jeweils untersuchten Kategorien Anwendung finden. Sie nennt es „das Etc.-Problem“, da in jedem Fall abzuklären ist, welche Kategorien überhaupt in Betracht zu ziehen sind.

 

Laut Bührmann geht es um die Entscheidung, ob der Fokus der Geschlechterforschung in der Beobachtung der interaktiven Herstellung von Geschlechterdifferenzierungen liege oder ob die Geschlechtforschung Ausgangspunkt für einen Paradigmenwechsel hin zur Forschung über Differenzen sein sollte, also weiter in Richtung Intersektionalitalitätsforschung gehen sollte. Bührmann argumentiert für diese zweite Lesart. Diese Forschungsperspektive ist noch sehr jung und aktuell fehlt es noch an einer klaren, kohärenten methodisch-methodologischen Forschungsausrichtung, Intersektionalitäts-Analysen seien – so auch Cornelia Klinger und Gudrun-Axeli Knapp – noch Mangelware und werden mehr nachgefragt als tatsächlich realisiert. Andere sprechen von einer Mehr-Ebenen-Analyse (Degele/Winker), wobei die Frage nach dem Verhältnis dieser verschiedenen Ebenen zueinander und zur Ebene der repräsentativen Ordnung noch offen ist. Als Beispiel für eine Mehrebenenanalyse präsentierte Andrea Bührmann eigene Forschungen zum unternehmerischen Selbstbild von Männern und Frauen, mit und ohne migrantischen Hintergrund. Sie plädiert für eine absolute Null-Hypothese zur Analyse von Relevanzen und eine methodische Operationalisierung in einem 3-stufigem Verfahren. Die Kommentatorin Maria Wolf, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, kritisierte, dass beim intersektionalen Ansatz die für die Geschlechterforschung zentralen Frage nach den Macht-und Herrschaftsverhältnissen zu kurz kommt und plädiert für eine umfassende Analyse von Machtmechanismen für sämtliche Kategorien der Differenz (Geschlecht, Klasse/Schicht, Ethnizität, Alter etc. ).

 

Link: 

 

Literatur: 

(ip)