Die (Er)Findung des Feminismus

Vortrag von Prof. Eileen Hunt Botting im Rahmen des Freundschaftsvertrages mit der University of Notre Dame, USA
Prof. Eileen Hunt Botting
Bild: Prof. Eileen Hunt Botting

Was ist Feminismus? Welche Ideen und Philosophien haben den Feminismus geprägt? Wie interagieren Politik und Aktivismus in der Entstehungsphase des Feminismus? Und speziell: Welche Rolle spielen dabei die beiden einflussreichen DenkerInnen Mary Wollstonecraft und John Stuart Mill? Diese zentralen Fragen waren Ausgangspunkt des Vortrages „Inventing Feminism: Wollstonecraft, Mill, and Women’s Rights Activism“ von Prof. Eileen Hunt Botting, Professorin für Politikwissenschaften und Direktorin des Gender Studies Programms an der University of Notre Dame, USA.

 

Historische Dimension des Feminismus

In einem historischen Abriss skizzierte die Vortragende, wie Feminismus in der Form von Wellen beschrieben wird, wobei sich die erste Welle (1792-1948), die das Hauptaugenmerk auf das Wahlrecht für Frauen legt, erst in Retrospektive aus der zweiten Welle (1949-1980) ergibt und sich die dritte, zeitgenössische Welle (1981-) als Folgegeneration der zweiten versteht und definiert. Da sich der Terminus „Feminismus“ jedoch erst zur Wende des 20. Jahrhunderts findet, argumentierte Prof. Botting für die historische Unterscheidung von Protofeminismus (vor 1890) und Feminismus (nach 1890), um die philosophisch-entstehungsgeschichtliche Komponente der Bewegung besser fassen zu können. Im Zusammenhang damit ging es Prof. Botting in erster Linie um den Einfluss und die Rezeption des Ideenguts von Mary Wollstonecraft und John Stuart Mill, das als Grundstein einer philosophischen Geschichte des Feminismus beschrieben wurde.

 

Mary Wollstonecraft und John Stuart Mill

A Vindication of the Rights of Woman (1792) von Mary Wollstonecraft war Ende des 18. Jahrhunderts die erste und einzige international bekannte philosophische Abhandlung über die Situation der Frauen. Nicht zuletzt wegen ihres äußerst liberalen und deshalb umstrittenen Lebensstils war die Autorin berühmt-berüchtigt und wurde als große Denkerin und Frauenrechtlerin ikonisiert, aber auch persifliert. Als Symbolbild weiblicher Freiheit und Unabhängigkeit waren ihre Person und ihr Werk Ausgangspunkt für zahlreiche Bewegungen, deren Ziele die Freiheit und Ausdehnung der Rechte der Frauen beinhalteten.

Im Gegensatz zu Wollstonecraft war der Philosoph John Stuart Mill bereits international berühmt, bevor er seine Abhandlung über die Rechte der Frauen, The Subjection of Women (1869), verfasste. Bereits zuvor setzte er sich als aktiver Politiker mit der „Langham Place Group“ für das Frauenwahlrecht in Großbritannien ein und ging mit einer – wenn auch nicht erfolgreichen – Petition in die Geschichte der Frauenbewegung ein.

 
Der Einfluss auf die Entstehungsgeschichte des Feminismus

Mit unvergleichlichem Enthusiasmus beschrieb Prof. Botting die internationale Wirkung und Rezeption von Wollstonecraft und Mill sowie die negativen und positiven Konnotationen des Feminismus in Bezug auf den/die AutorIn. Prof. Botting resümierte, dass Wollstonecraft und Mill einen inversen Einfluss auf die Begründung des Feminismus haben, sowohl in Bezug auf ihre Rolle als Ikonen der Bewegung, als auch in Bezug auf ihren Status als Philosoph/in. Die Untersuchung der Vortragenden zeigte, dass Wollstonecraft und Mill die Begründung des Feminismus ideengeschichtlich, konzeptuell und praktisch zur Wende des 20. Jahrhunderts in starkem Maße beeinflussten.

Eine philosophische Geschichte des Feminismus, wie sie Prof. Botting eindrucksvoll zu illustrieren weiß, zeigt, wie Philosophie und anspruchsvolle Lektüre das Gedankengut und soziale Bewegungen beeinflussen und wie dieser Ansatz das Verständnis der historischen Evolution von Feminismus entscheidend prägt.

 

Freundschaftlicher Besuch aus der ältesten Partneruniversität

Professor Eileen Hunt Botting wurde im Rahmen des Freundschaftsvertrages zwischen der University of Notre Dame und der Universität Innsbruck nach Innsbruck eingeladen. Der Freundschaftsvertrag ist für beide akademischen Institutionen der älteste und umfasst den Austausch von Studierenden und die Kooperation von WissenschaftlerInnen. Der Vortrag wurde vom Institut für Amerikastudien in Kooperation mit dem Büro für Gleichstellung und Gender Studies an der Universität Innsbruck organisiert und veranstaltet.

 

Am 3. Juni hält der Amerikanist, Medienwissenschaftler und Politologe aus Notre Dame, Prof. Robert Schmuhl, im Rahmen des Freundschaftsvertrags einen Vortrag zum Thema „Media Malaise: American Journalism Confronts Historic Change“ (17.30 Uhr, HS G). Am 4. Juni (18.30 Uhr, Senatssitzungssaal) spricht er in der American Corner Public Lecture Series über „Winning the White House: The 2008 Election and the Campaign of History“. In diesem Sinne (er)finden sich die Kooperationen zwischen den beiden Universitäten auch immer wieder aufs Neue und die Freundschaft floriert – nicht zuletzt aufgrund der guten Zusammenarbeit mit dem Büro für Internationale Beziehungen.

 

Links:

Büro für Gleichstellung und Gender Studies http://www.uibk.ac.at/frauenbuero

Institut für Amerikastudien http://www.uibk.ac.at/amerikastudien

 

 

Text: Claudia Schwarz