1. Graduiertenkolloquium des Instituts für Germanistik und des Forschungsinstituts Brenner-Archiv

Gemeinsam statt einsam: Um etwas gegen die Situation vieler DissertantInnen zu tun, die selbstständig und im „stillen Kämmerlein“ ihr Projekt entwickeln und durchführen, initiierten die Vorstände Prof. Stefan Neuhaus und Prof. Johann Holzner das erste Graduiertenkolloqium ihrer beiden Institute.
Prof. Johann Holzner war einer der Initiatoren des 1. Graduiertenkolloquium des Instituts für Germanistik und des Forschungsinstituts Brenner-Archiv
Bild: 1. Graduiertenkolloquium des Instituts für Germanistik und des Forschungsinstituts Brenner-Archiv

Das Bedürfnis für solch eine Austauschplattform spiegelt die lange Liste der Vorträge wider: 17 verschiedene Dissertationsthemen und ein Projekt.

 

Nachdem Rektor Karlheinz Töchterle in seinen Grußworten auf die prekäre Situation der Doktorandinnen eingegangen war und einige Worte zum „Doktorratsstudium neu“ gesprochen hatte, eröffnete Stefan Neuhas das Kolloquium mit den Worten Tucholskys: „Langweilig ist noch nicht ernsthaft“. Langweile kam aufgrund der vielen verschiedenen Themen aus den Forschungsbereichen der Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Medienwissenschaft dann auch nicht auf.

 

Das Umfeld, in dem Literatur entsteht, wahrgenommen und verbreitet wird, spielt die entscheidende Rolle in den Dissertationen der Literaturwissenschaftlerin Merle Rüdisser (Der junge Autor und sein erster Verlag), der Übersetzerin Claudia Lercher (Kriterien der Übersetzungsbeurteilung) und der Germanistin Daniela Völker (Das Taschenbuch), die derzeit in einem Münchner Verlag tätig und mit ihrer Arbeit im Begriff ist, eine wichtige Forschungslücke im Bereich Verlagswesen zu schließen.

 

Elisabeth Attlmayr setzt sich mit den Kritiken Alfred Polgars zu zeitgenössischen Theaterstücken auseinander. Interdisziplinäre Ansätze verfolgten die Dissertationen einiger LiteraturwissenschaftlerInnen: Britta Minges (Patchworkfamilien in der Kinder- und Jugendliteratur) verbindet die litersturwissenschaftliche Forschung zur Kinder- und Jugendliteratur mit den neuesten Erkenntnissen der Soziologie und Pädagogik. Soziologische wie psychologische Untersuchungsmethoden bilden die Grundlage für die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer in der Gegenwartsliteratur (Eva Schertler). Die Problematik der Textdefinition zwischen den verschiedenen Fachbereichen von Germanistik, Linguistik und Philosophie wird in „Wittgensteins Entenhase“ (Kerstin Mayr) deutlich. Das Spannungsfeld von Geschichte, individueller Erinnerung und kollektiver Identität verbindet Markus Ender in seiner Auseinandersetzung mit literarischen Verarbeitungen des Luftkrieges. Mit der Rezension des Stoffes der Kassandra in antiken wie in deutschen Bearbeitungen des 19./20. Jahrhunderts beschäftigt sich Birgit Webhofer.

 

Junge Textformen des Internets, wie Boulevardzeitungen (Andreas Wiesinger) und Newsletter (Melanie Knünz), werden in sprach- und medienwissenschaftlichen Arbeiten untersucht. Neue Erkenntnisse zur Sprache von Kafkas Briefen und Tagebüchern verspricht die Dissertation von Heike Ortner. Das bereits durch ein erstes Auswahlverfahren gegangene Projekt des Brenner-Archives „Frau Mundes Todsünden“, in Kooperation mit dem BORG-Telfs, stellten Barbara Hoiß und Sandra Unterweger vor.

 

Für Erheiterung sorgten die Vorträge der Sprachwissenschaftler Markus Dönz über „Neomotivation“ und Maria Stopfner über „Zwischenrufe im Parlament“. Anders als aufstrebende Parlamentarier hielten sich die Jungwissenschaftler mit unqualifizierten Zwischenrufen zurück und verhielten sich außerordentlich konstruktiv.

 

Abgerundet wurde der erste Tag durch den Vortrag „Lesen ist gelenktes Schaffen“ (Jean Paul Sartre) des Salzburger Germanisten Karlheinz Rossbacher. mI wseletnhcin gnig se zänuhsct druam, dass es für das Verständnis eines Textes unwichtig ist, wie die Buchstaben gesetzt werden. Daraus schloss Prof. Rossbacher, dass das „ganzheitliche“ Lesenlernen dem mimetischen Prinzip (Buchstabe für Buchstabe) vorzuziehen ist. Herausgelöste Sinneinheiten werden vom Leser durch seine Phantasie und das jeweilige Vor- und Weltwissen unterschiedlich interpretiert und erfasst.

 

Prof. Johann Holzner beendete das Graduiertenkolloquium mit den Worten: „Es war höchst interessant, sowohl sprachwissenschaftliche wie auch literatur- und medienwissenschaftliche Beiträge zu hören. Die Germanistik erringt wieder eine Rolle als Reflexions- und Einmischungsinstitution, was viele der Beiträge zeigen, etwa jener von Jean Bertrand Miguoue über die Literarisierung der Wirklichkeit bei Peter Handke.“

 

Von Seiten der DissertantInnen wurde Dank ausgesprochen für die Möglichkeit, sich in diesem angenehmen Rahmen auszutauschen. Probleme, Methodenfragen und anderes, was ansonsten meist im Alleingang mit dem Betreuer bewältigt werden muss, konnten diskutiert und auch aus dem Blickwinkel anderer Teildisziplinen neu betrachtet, hinterfragt oder gar gelöst werden. Eine Fortsetzung des Kolloquiums fanden alle Beteiligten sehr wünschenswert. Auch hier galt der im Verlauf der zwei Veranstaltungstage beinahe sprichwörtlich gewordene Satz: „Darüber reden wir noch!“

 

Text: Schertler/Minges