Universität einmal anders – in Indien

Gemeinsam mit Repräsentanten aus Brasilien, China, Japan und Südafrika war Frank Welz vom Institut für Soziologie als Präsident der European Sociological Association zum Eröffnungsplenum der 41. Konferenz der Indischen Soziologie-Gesellschaft nach Bhubaneswar eingeladen. Einzigartig war dabei die Erfahrung einer lokalen Initiative: das Kalinga Institute of Social Sciences (KISS).
blog_welz_kiss.jpg
Bild: Begrüßung vor 25 000 Schülern, Schülerinnen und Studierenden des Kalinga Institute of Social Sciences in Bhubaneswar, Odisha, Indien. (Foto: Frank Welz)

Während in BRIC-Ländern wie Brasilien, China und Indien aufstrebende Mittelklassen ein zentrales Thema gesellschaftlicher Entwicklung bilden, sind komplementär in europäischen Gesellschaften Abstiegsängste und die Erosion der Mittelschicht die neue Frage. Was Indien selbst anbelangt, war allerdings vor Ort in Bhubaneswar in Odisha als einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens eine weitere Problematik noch mehr diskutiert, unter dem Rahmenthema des Kongresses: die an weiten Teilen der indigenen Bevölkerung vorbeigehende wirtschaftliche Entwicklung des Subkontinents. Wie können die Ausgeschlossenen angeschlossen werden?

KISS – eine praktische Initiative gegen die Marginalisierung

Am Kalinga Institute of Social Sciences (KISS) wird dies ganz praktisch getan. Denn diese Einrichtung bietet bei jährlich 50.000 Bewerbern 25.000 Kindern der armen indigenen Ureinwohner des Landes eine kostenlose Ausbildung vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss bzw. einer beruflichen Qualifikation, und dies bei ebenso freier Kost und Logis. Noch vor der Eröffnung der o.g. Konferenz von allen zugleich als Gäste empfangen zu werden, war dabei nicht minder eindrucksvoll als einmal die riesige Speisehalle des KISS zu sehen, in welcher die Schülerinnen und Schüler in mehreren Schichten, aber 7.000 von ihnen doch gleichzeitig ihre Mahlzeiten erhalten. Nach schwierigen Anfängen läuft es heute sehr gut mit dem KISS. Außenstellen werden in anderen indischen Städten errichtet. Ein KISS-Studierender wird im Sommer Indien bei der Olympiade vertreten; und vor allem strahlt Hoffnung hinein in unzählige Herkunftsfamilien.

Educate, Enable and Empower

Wie kommt eine solche weder von der Regierung noch zum Beispiel von einer ausländischen Organisation betriebene Initiative zustande und vor allem, wie kommt diese im Zusammenhang mit einer Universität zustande?

Im vorliegenden Fall steckt ein Einzelner dahinter: Achyuta Samanta, der selbst in einem entlegenen Dorf in extremer Armut aufwuchs, später Chemie studierte und gerade jetzt vor wenigen Tagen zum Präsidenten der wichtigen „Indian Science Congress Association“ gewählt wurde. 27-jährig mietete Samanta aus seinen eigenen geringen Ersparnissen 1992 ein Gebäude, welches den Grundstein nicht allein für KISS, sondern auch für die heutige „Kalinga Institute of Industrial Technology“-Universität (KIIT) und ihre ebenso etwa 25.000 Studierenden legte. Heute finanziert sich KISS aus 5 Prozent des Umsatzerlöses der aufstrebenden KIIT-Universität sowie einer dreiprozentigen Abgabe, die sämtliche Universitätsbeschäftigten beisteuern. Entsprechend finden sich auf der Rückseite der Visitenkarte des Chief Executive Officer des KISS-Institutes die drei Begriffe „Educate, Enable and Empower“ genau dort, wo man im europäischen und nordamerikanischen Wissenschaftsraum den Link auf den Hirsch-Index oder die persönliche Homepage erwartet. Wie man Bildung alternativ zur Bemessung von Humankapital und Drittmitteln auch interpretieren kann, dafür geben KIIT und KISS in Bhubaneswar ein praktisches Beispiel.

(Frank Welz)