Gemeinsames Euregio-PhD Seminar in Brixen

Gefördert vom Euregio-Mobilitätsfonds fand Mitte Dezember erstmals eine Zusammenführung von Doktorats-Seminaren der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen sowie des Instituts für Soziologie der Universität Innsbruck im Rahmen eines zweitägigen PhD-Workshops in Brixen statt.
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Bild: Die TeilnehmerInnen des PhD-Seminars in Brixen.

Doktoranden und Doktorandinnen in strukturierten PhD-Programmen müssen zweierlei tun: Anfangs müssen sie in einem Exposé einen Entwurf ihres Dissertationsprojekts so auflegen, dass ein eigenständiger Beitrag zum Erkenntnisfortgang der disziplinären Wissenschaft erkenntlich wird. Sodann geht es darum, die eigene Reflexionsfähigkeit jenseits der lokalen Gewohnheitsverhältnisse zu exponieren und die eigene Leistung dem strengen Blick der Scientific Community der Anderen auszusetzen. Was liegt da näher, als beides in einer „inter“-nationalen Lehrveranstaltung zu verbinden?
Genau dies ermöglichte die Euregio-Mobilitätsfonds-Förderung der curricularen, von der Soziologin Prof. Ilaria Riccioni an der Freien Universität Bozen und Prof. Frank Welz an der Universität Innsbruck geleiteten PhD-Lehrveranstaltungen, die sich jetzt in Brixen zu einem von zwei geplanten gemeinsamen Workshops trafen. Eröffnet wurde die im Wechsel von Vorlesungen und Seminardiskussionen zur Epistemologie und Methodologie sozialwissenschaftlicher Forschung durchgeführte Veranstaltung durch Grußworte von Prof. Susanne Elsen als der Koordinatorin des Doktoratsstudiums der gastgebenden Fakultät für Bildungswissenschaften.
Obgleich die fünfzehn Innsbrucker Teilnehmerinnen und Teilnehmer die verschiedensten Fragestellungen laufender Dissertationen mitbrachten und die acht Bozener Kolleginnen und Kollegen zudem kein Vorstudium in einem gemeinsamen Masterprogramm teilten, man also vergleichsweise groß und heterogen aufgestellt war, verging die Zeit intensivster Erörterungen an den zwei Arbeitstagen im Campus Brixen wie im Flug. In den Sozialwissenschaften hat dies einen einfachen Grund.

In welcher Gesellschaft leben wir?

Denn auch wenn die jeweiligen soziologischen bzw. bildungswissenschaftlichen Projekte von unterschiedlichen Ecken aufgezäumt wurden, so zielen sie, genauer betrachtet, allesamt gemeinsam auf die Vorgaben und Kontextbedingungen derjenigen Gesellschaft, in der wir leben. Zwangsläufig ergab sich eine Vielzahl von Berührungspunkten und entsprechenden Debatten, so zum Beispiel als Paolo Antoniazzi die vielgerühmte unternehmerische „Kreativarbeit“ als Produktionsform gegenwärtiger Subjektivität zur Disposition stellte, Verena Gebhart die zugehörige staatliche Aktivierungspolitik à la Michel Foucault durch ein traditionales Ethos im familiären Nahbereich konterkariert sah oder David Furtschegger die österreichische Neue Mittelschule zwischen Dekolonialisierung der Lebenswelt und neuer Gouvernementalität lokalisierte.
Auch die an der Soziologie Pierre Bourdieus geschulte Analyse des Geschlechterrollenwandels in einem indischen Dorf von Arokya Savariyappan, die Suche nach einer kulturellen Erklärung für die geringe Nachfrage nach privaten Krankenversicherungen in Kamerun von Julius Ngwainbmi und die systematische „Desillusionierung“ von Jugendlichen in der Berufsvorbereitung von Guido Thaler wurden entlang der jeweiligen methodologischen Prüfung von Theorie, Methode und Forschungsthese nicht minder lebhaft diskutiert wie abschließend die Projekte von Donatella Donato zu spezifischen Schuldidaktiken in vernachlässigten Stadtteilen von Valencia oder Sara Franch zur UNESCO-Initiative der „Global Citizenship Education“.

Im Jänner in Innsbruck

Wer jetzt noch nicht aus der wissenschaftlichen Deckung kam, wird sich im Jänner im zweiten Workshop-Teil des gemeinsamen PhD-Seminars in Innsbruck exponieren dürfen. Auch dann wird es wieder sehr aktive Doktorandinnen und Doktoranden, Anleitung zur Aufarbeitung methodologischer Fragen sowie viele Debatten aller 25 Beteiligten geben. Wir freuen uns schon.

(Frank Welz)