50 Jahre Institut für Finanzwissenschaft

Derzeitige und ehemalige Institutsmitglieder feierten am 23. Oktober 2015 in der Aula der Universität gemeinsam mit RepräsentantInnen von Universität, Fakultät, Politik und Wirtschaft den 50. Geburtstag des Instituts für Finanzwissenschaft.
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Bild: Rupert Sausgruber von der Wirtschaftsuniversität Wien hielt den Festvortrag. (Foto: Christian Wucherer)

Wie Universitätsratsvorsitzender und jahrzehntelanges Institutsmitglied Univ.-Prof. Dr. Christian Smekal in seinen „Rückblicken und Ausblicken“ ausführte, stellte Univ.-Prof. Dr. Clemens August Andreae im Jahre 1965 in der Sitzung der „Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät“ erfolgreich den Antrag auf Errichtung eines „Instituts für Finanzwissenschaften“. Ein Blick in das Universitätsarchiv zeigt, dass das neugegründete Institut noch im selben Jahr direkt beim Ministerium die Anschaffung eines Diktiergerätes beantragte. Aufgrund des starken Wachstums der Studierendenzahlen und der zunehmenden Forschungsaktivitäten konnte sich das Institut rasch entwickeln und wurde bald zu einem der bekanntesten finanzwissenschaftlichen Institute in Österreich. Derzeit umfasst das Institut 5 ProfessorInnenstellen, 9 wissenschaftliche MitarbeiterInnen und 4 Sekretariatsstellen. 1967 wechselte das Institut aus seiner räumlichen Beengtheit im Universitätshauptgebäude in die repräsentativen Räume der „Claudiana“ in der Innsbrucker Altstadt und schließlich 1998 in das neu errichtete SOWI-Gebäude am ehemaligen Fennerareal. Das Jahr 1991 wurde zum Schicksalsjahr für das Institut. Unter der Leitung von Andreae unternahm eine Gruppe von Professoren, AssistentInnen und Studierenden eine Studienreise nach Hongkong. Niemand aus der Gruppe von 21 Personen sollte den Absturz der Lauda Air Maschine in der Nähe von Bangkok am 26. Mai 1991 überleben.

Der wissenschaftliche Zugang des Instituts in Forschung und Lehre war stets durch (i) eine ausgesprochene Methodenoffenheit, (ii) den intensiven Kontakt mit fachverwandten Disziplinen und – mit wechselnden Schwergewichten – (iii) das starke Bekenntnis zum Wissenstransfer in die finanzpolitische Praxis geprägt. Charakteristisch war und ist in diesem Zusammenhang auch das Bekenntnis zu einem „reicheren“ Menschenbild, wie es in den 1960er Jahren die „Kölner Schule der Finanzwissenschaft“ und heute die „Behavioral Public Economics“ erfolgreich einfordern. Letztere ist eine Forschungsrichtung, in der sich Mitglieder des Instituts aktuell sehr erfolgreich behaupten.

Von der Staatswirtschaftslehre zur Verhaltensorientierung

Diesen breiteren Rahmen der wissenschaftlichen Orientierung in der Finanzwissenschaft stellte Univ.-Prof. Dr. Rupert Sausgruber (Mitglied des Instituts, dzt. Univ.-Prof. für Finanzwissenschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien) in den Mittelpunkt seines Festvortrages zum Thema „Von der Staatswirtschaftslehre zur Verhaltensorientierung“. Sausgruber stellte eingangs das Staatsverständnis der deutschen ökonomischen Tradition (Kameralismus, Merkantilismus) der Tradition der englischen Wirtschaftsklassik bzw. später der Neoklassik gegenüber. Erstere schreibt dem Staat eine sehr aktive Rolle im Wirtschaftsgeschehen zu, während Letztere den Staat in erster Linie als Korrektur- und Ergänzungsinstanz, also subsidiär zu privaten Koordinationsmechanismen (z. B. Markt) sieht. Die Rezeption der englischen Tradition erfolgte im deutschsprachigen Raum zeitverzögert und eingeschränkt. Vielfach wurde eine wissenschaftliche Verengung durch die Rationaltheorie des Verhaltens beklagt. So sah sich die „Kölner Schule der Finanzwissenschaft“ bewusst als Gegenprogramm zu dieser Entwicklung. Die „Behavioral Public Economics“ erweist sich diesbezüglich als deutlich differenzierter. Ihr Anliegen ist es insbesondere ökonomisches Verhalten, das im Rahmen der Rationaltheorie nicht begründet werden kann (anomales Verhalten), theoretisch und empirisch zu erklären.

Clemens-August-Andreae-Preis

Die Feier zum 50-jährigen Bestehen des Instituts für Finanzwissenschaft war nicht nur Gelegenheit zum Austausch und zur Festigung von Erinnerungen, sie brachte auch für die Studierenden im Bereich der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften einen erfreulichen „Spin-off“. Der Deutsche Freundeskreis der Universitäten in Innsbruck stiftet aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Instituts für Finanzwissenschaft einen Preis, der nach dem Institutsgründer Clemens August Andreae benannt wird. Dieser Preis wird für hervorragende Dissertations- bzw. PhD-Projekte alle zwei Jahre vergeben und ist mit 5.000 Euro dotiert. Er soll erstmals im Jahre 2016 vergeben werden.

(Engelbert Theurl)