Zwischen Trient, Bozen und Innsbruck

Die italienische Militärbesatzung Tirols von 1918 bis 1920 bildete den thematischen Schwerpunkt des Vortrages von Andrea Di Michele im Zuge der Ringvorlesung „Der Erste Weltkrieg in internationaler und regionaler Perspektive“ an der Universität Innsbruck.
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Bild: Andrea Di Michele bei seinem Vortrag. (Foto: Universität Innsbruck)

Der Bozner Andrea Di Michele studierte Geschichte und Zeitgeschichte an den Universitäten Bologna, Tübingen und Turin. 2000 promovierte er dort zum Dottore di ricerca. Seit 2013 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte der Freien Universität Bozen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Regionalgeschichte Südtirols und des Trentino im 20. Jahrhundert, außerdem befasst er sich mit nationalen Fragen und Thematiken rund um das Thema Minderheiten. Ein Fokus liegt außerdem auf der Geschichte des faschistischen und republikanischen Italiens und auf der Verwaltungsgeschichte.

Italien verfolgte mit der Verwaltung Tirols drei Ziele

Im Vortrag klärte Di Michele zunächst die drei Ziele Italiens, die es mit der Militärbesetzung Trients, Bozen und Innsbrucks anstrebte. Anschließend ging der Historiker auf die jeweils individuell zu betrachtenden Besatzungen in den drei Hauptstädten ein. „Erste Priorität für den italienischen Staat hatte die Vollendung der italienischen Einheit“, erklärte Di Michele. Lange Zeit dominierte dieses irredentistische Ziel die nationale Geschichtsschreibung. Die italienischen Truppen sahen sich als „Befreier“ und es galt die Rede vom „vierten Krieg des Risorgimento“ zur Vollendung der Vereinigung Italiens. Zweitens strebte der italienische Staat nach der Eroberung neuer Gebiete. Zu den in Frage kommenden Gebieten gehörten etwa Südtirol, Norddalmatien, Albanien oder Anatolien. Ein drittes, nicht weniger wichtiges Ziel, war das Erreichen einer hegemonialen Stellung. Italien strebte danach, eine Schlüsselrolle, nicht nur innerhalb Europas, zu spielen.

Den weiteren Vortrag gliederte Di Michele in die drei Hauptstädte (Trient, Bozen und Innsbruck), die eine jeweils unterschiedliche italienische Militärbesatzung erlebten. Der Vortrag wurde durch historische Dokumente, vornehmlich Fotos, unterstützt und veranschaulicht. Leiter der militärischen Aktionen und der Verwaltung in Tirol und dem Trentino war Militärgouverneur Guglielmo Pecori Giraldi (1856-1941).

„Auch für das Trentino war die Umstellung nicht leicht“

Die beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian mit dem Vortragenden Markus Wurzer (Mitte). (Foto: Universität Innsbruck)

Die beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian mit dem Vortragenden Andrea Di Michele (Mitte). (Foto: Universität Innsbruck)

 „Der Krieg wurde als letzter Krieg des Risorgimento wahrgenommen auf Seite der Interventionisten“, erläuterte Di Michele. Im Trentino lebte eine zum großen Teil italienischsprachige Bevölkerung.  Sie spaltete sich in Irredentisten, mit ihrem bekanntesten Vertreter Cesare Battisti (1875-1916), und rund 10.000 Italienern, die als Soldaten Österreich-Ungarns gekämpft hatten. Neben den kriegsbedingten Schwierigkeiten führte diese Tatsache zu weiteren Spannungen im sozialen und gesellschaftlichen Gefüge. „Giraldis Führungsstil ist durch Milde und Gleichgewicht gekennzeichnet“, führte der Historiker Di Michele aus. Dennoch herrschten in der Bevölkerung unterschiedliche Meinungen zu den Handlungen der italienischen Behörden vor. Für die neuen Verantwortlichen stellte sich die Frage, wie das Trentino am besten verwaltet werden konnte. Sollten die Behörden weiterhin selbstständig arbeiten – die föderalistischen Traditionen Österreichs fortsetzend – oder sollte die Regierung zentralistisch erfolgen? Die Spaltung der Gesellschaft vollzog sich nicht nur entlang der Tatsache, wer an welcher Seite gekämpft hatte. Innerhalb der Gesellschaft befürchteten etwa die Katholiken, dass die Liberalen an Einfluss gewinnen könnten. Verschwendungen und Missbräuche im Alltag verschärften die Konflikte weiterhin und hinterließen tiefe Gräben. „Faktum bleibt, dass der Wechsel nach dem Krieg auch für das ,italianissimo Trentino‘ – das ,italienische Trentino‘ – nicht einfach war“, fasste der Historiker zusammen.

Trentiner verwalteten das Land Südtirol

Südtirol war nach dem Ersten Weltkrieg nach wie vor ein mehrheitlich deutschsprachiges Land. Bei der Volksbefragung 1910 hatten 89 Prozent der Bevölkerung angegeben, dass sie deutschsprachig seien, nur 2,9 Prozent hatten Italienisch und immerhin 3,8 Prozent hatten Ladinisch als Muttersprache angegeben. „Für die Südtiroler bedeutete die neue Situation ein zweifaches Trauma: Zum einen brach die Bindung zwischen Tirol und Österreich-Ungarn ab, zum anderen kehrten sich die Machtverhältnisse der Ethnien in diesem Land um“, unterstrich Di Michele. Von der italienischen Regierung kam bald die Weisung, im Falle Südtirols vorsichtig und moderat vorzugehen. Eine Besonderheit bildete die Tatsache, dass vielerorts die Trentiner die Verwaltung in Südtirol übernahmen. „Sie spielten eine zentrale Rolle in der Verwaltung: Sie kannten die Sprache, Kultur und die Verwaltungsstrategie“, sagte Historiker Andrea Di Michele. Die Milde Giraldis wurde auch in Bezug auf die Kommunalverwaltung angewandt. Fast alle deutschen Bürgermeister blieben weiterhin im Amt. „Uns sind nur zwei Fälle bekannt, wo Bürgermeister suspendiert wurden“, erläuterte Di Michele. Im Vergleich dazu wurde in der Region Friaul-Julisch Venetien sehr viel strenger und rigider gegen die Minderheiten vorgegangen. Einen außergewöhnlich großen Umtausch der Belegschaft gab es allerdings bei der Eisenbahn. Die Beschäftigten hatten allerdings den Ruf, Sozialisten zu sein und folglich wollte die neue Verwaltung jedes Risiko von Meuterei möglichst gering halten. Bereits zu dieser Zeit wurde Ettore Tolomei (1865-1952) nach Südtirol entsandt. Sein Vorgehen unterschied sich sehr von dem Giraldis. Er plante im Gegensatz zu diesem eine national rigorose Schul- und Kulturpolitik, um langfristig die Entwicklung einer „italianità“ zu garantieren.

Gegen Krawalle und Aufstände in Tirol

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges unterzeichnete Österreich-Ungarn und Italien (beziehungsweise die Entente) in der Villa Giusti den Waffenstillstand. Aus rein militärischen Gründen blieben, trotz dieses Waffenstillstandes, weiterhin Truppen in Innsbruck stationiert. Nach den Friedensverhandlungen in St. Germain wurde die militärische Stärke in Innsbruck weiter reduziert. In Innsbruck, Hall und Landeck bleiben noch circa 9000 Männer. Die Beziehung zur Bevölkerung in der Tiroler Landeshauptstadt verlief ohne besondere Spannungen. Das Militär mischte sich auch nicht in politische Konflikte ein. Es gab vereinzelte Zwischenfälle und Tumulte.

„Bald kristallisierte sich auch das Ziel Italiens heraus, etwas über die weitere Vorgehensweise Österreich-Ungarns zu erfahren“, erklärte Di Michele. Vor allem anti-italienische Tendenzen sollten aufgespürt und verfolgt werden. „Innsbruck wurde als Spiegel und Verstärker Südtirols, als Herz und Hirn davon, gesehen“, zitierte Di Michele aus einem Brief. In der Innsbrucker Presse dominierte zu dieser Zeit das Thema Südtirol. Einige Artikel wurden übersetzt und den Verantwortlichen in Rom oder Trient zugeschickt. Bald entwickelten sich auch starke soziale und politische Spannungen, Hungerkrawalle und Überfälle dominierten das Bild. Bei den Friedensverhandlungen von St. Germain wurden Truppen eingerichtet, die für die Aufrechterhaltung von Ordnung in den Städten sorgen sollten. Diese verhinderten in Innsbruck ein zweites Eindringen in das Jesuitenkolleg Canesianum und organisierten Reis und andere Lebensmittel.

Andrea Di Michele beschrieb ausführlich und anschaulich die unterschiedliche militärische Besatzungszeit im Trentino, in Südtirol und in Nordtirol. Das Thema veranlasste, nach dem Vortrag, noch einige Interessierte dazu, weiterführende Fragen zu diesem Thema zu stellen. Mit großem Applaus vonseiten der Zuhörerinnen und Zuhörer wurde der Vortrag beendet.


Auch der letzte Vortrag der Reihe war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

Auch für den letzten Vortrag der Reihe war der Hörsaal gut gefüllt. (Foto: Universität Innsbruck)

(Filippa Schatzer)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/poreBdcwscI)