Gesamtstudie zur Geschichte der Fürsorge- und Heimerziehung präsentiert

Am 6. Juli wurde in Innsbruck die von Tirol und Vorarlberg beim Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck in Auftrag gegebene Gesamtstudie über die Geschichte der Fürsorge- und Heimerziehung in den beiden Ländern vorgestellt. Tirol und Vorarlberg verfügten über eine hohe Dichte an Heimen und hatten ein Abkommen über eine wechselseitige Übernahme der Fürsorgekinder.
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Bild: LRin Christine Baur, Studienautorin Michaela Ralser und LRin Katharina Wiesflecker präsentierten die Gesamtstudie über die Geschichte der Fürsorge- und Heimerziehung in Tirol und Vorarlberg. Bild: Land Tirol/Reichkendler

Kernaussage der Studie, die auch vier Landeserziehungsheime Jagdberg im Vorarlberger Schlins, St. Martin in Schwaz, Mariatal in Kramsach und Kleinvolderberg in Tirol im Detail betrachtet: „Die Anstaltserziehung vereinte alle Machtquellen, die eine totale Erziehungssituation kennzeichnen: Isolierung, Entindividualisierung, Abhängigkeit und nahezu schutzlose Ausgeliefertheit der ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen“, heißt es in der Studie.

Ordnung vor Ausbildung

Dieses System habe gewaltvolle Erziehungspraktiken in all ihren Formen der körperlichen, psychischen und sexualisierten Gewalt erzeugt, toleriert und nicht verhindert, ziehen Studienautorin Michaela Ralser und ihr Forschungsteam Bilanz über die bis in die 1980-er Jahre reichende Geschichte der Fürsorgeerziehung. Erziehung und Ordnung seien zudem vor Bildung und Ausbildung gesetzt worden.

Offizielle Entschuldigung erneuert

"Es ist beschämend und traurig, dass Jugendliche und Kinder seelische, physische und sexuelle Gewalt erleiden mussten. Dafür müssen wir die Opfer um Verzeihung bitten." Da aber Geschehenes nicht ungeschehen gemacht werden kann, sei es umso wichtiger, das Tabu um die Missstände in manchen Heimen und Erziehungseinrichtungen in der Zeit vor 1990 aufzubrechen und dieses sensible Thema lückenlos aufzuarbeiten. Das sagten die Soziallandesrätinnen aus Tirol und Vorarlberg, Christine Baur und Katharina Wiesflecker anlässlich der Präsentation der von den beiden Ländern in Auftrag gegebenen Studie über die Fürsorge- und Heimerziehung in Tirol und Vorarlberg.
Bis in die 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat es in Tiroler und Vorarlberger Heimen teils massive Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gegeben. Bei der Aufarbeitung der Vorkommnisse setzen beide Länder neben der wissenschaftlichen Erforschung der Heimgeschichte und Fürsorgeerziehung auf Hilfestellung für die Opfer und Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung von Gewalt.

Opferschutzstellen bleiben offen

Seit 2010 haben sich in Vorarlberg 260 Menschen an die Opferschutzstelle des Landes gewandt. An 159 Betroffene wurden in Summe über 1,43 Millionen Euro als finanzielle Unterstützung ausbezahlt, weiters wurden für 43 Personen Therapiekosten in Gesamthöhe von 81.000 Euro übernommen.
In Tirol haben bisher 362 Betroffene eine Entschädigungssumme von insgesamt rund 2,3 Millionen Euro erhalten. 53 Personen nehmen das Angebot des Landes Tirol in Anspruch, das Erlebte mit therapeutischer Unterstützung in Einzeltherapien oder Selbsthilfegruppen aufzuarbeiten. In beiden Ländern bleiben die Opferschutzstellen weiterhin offen.

Maßnahmenbündel geschnürt

„Die Studie zur Fürsorgeerziehung soll nicht nur einen Beitrag zur historischen Aufarbeitung, sondern auch für die sorgsame Gestaltung der gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfepraxis leisten“, führt LRin Katharina Wiesflecker aus. Neben dem Opferschutz gehe es auch darum, durch verstärkte Sensibilisierung, Bewusstseinsbildung und Prävention Gewalt und Missbrauch gegenüber Kindern und Jugendlichen jetzt und in Zukunft wo immer möglich zu verhindern, betont LRin Wiesflecker. Zu diesem Zweck wurde in Vorarlberg eine ExperInnengruppe mit der Erarbeitung von Maßnahmen zur Gewaltprävention in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, die außerhalb der Familie aufwachsen, beauftragt. Zum vorgelegten "Maßnahmenbündel Opferschutz" gehören ein neues Kinder- und Jugendhilfegesetz mit einem Anhörungsrecht für die Betroffenen ebenso wie der Verzicht auf geschlossene Einrichtungen und eine wohnortnahe Unterbringung mit regelmäßigem Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen.
Ein Teil der vorgeschlagenen Maßnahmen wurde bereits abgeschlossen, der weitaus größere Teil hingegen muss kontinuierlich verfolgt und weiterentwickelt werden. So wird in Vorarlberg heuer ein Budget von 70.000 Euro für Projekte zur Gewaltprävention in Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Im Rahmen eines Pilotprojektes hat die Vorarlberger Kinder-und Jugendanwaltschaft eine Ombudsstelle für fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche eingerichtet, die Sprechstunden in den sozialpädagogischen Einrichtungen anbietet. Mindestens zweimal jährlich haben die MitarbeiterInnen der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe Kontakt zu den Kindern. Im Herbst soll eine Fachtagung der Kinder- und Jugendhilfe stattfinden, zu der auch VertreterInnen der Familiengerichte und der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingeladen werden. Denn „die Studie liefert Erklärungsansätze und weist auf Rahmenbedingungen hin, die auch heute immer wieder kritisch zu hinterfragen sind“, führt Wiesflecker aus.

Mitspracherecht der Betroffenen und externe Vertrauensperson

Auch in Tirol wurde bereits eine Vielzahl an Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt in sozialpädagogischen Einrichtungen umgesetzt. Im neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz des Landes, das im Dezember 2013 in Kraft getreten ist, ist verankert, Kinder und Jugendliche in die Hilfeplanung miteinbezogen werden. „Entscheidungen werden nicht über den Kopf von Minderjährigen und ihren Eltern getroffen“, erklärt LRin Christine Baur. Seit 2011 bietet die Kinder- und Jugendanwaltschaft Sprechstunden in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, seit heuer gibt es dafür eine eigene Planstelle. Künftig wird es flächendeckend regelmäßige Sprechstunden einer externen Vertrauensperson geben.

Prävention ist bester Opferschutz

Die konsequente Aufarbeitung der Vergangenheit heißt auch, für die Gegenwart und für die Zukunft Maßnahmen der Gewaltprävention zu setzen. „Gewaltprävention auf breiter Basis ist der beste Opferschutz“, ist LRin Baur zutiefst überzeugt, denn „Gewalt ist nicht primär ein Thema der Fürsorgeerziehung. Gewaltprävention ist eine breite gesellschaftspolitische Aufgabe.“
Dem trägt das Land Tirol mit dem aktuellen Informationsschwerpunkt „Tirol gegen Gewalt“ zur Gewaltprävention Rechnung. Den Auftakt machte die Enquete zur Gewaltprävention im Landhaus, bei der der Bogen von Elternbildung über Mobbing in der Schule bis hin zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen und Gewalt im Alter gespannt wurde. „In allen Bereichen bietet das Land Tirol breit gefächerte Präventionsprogramme und Hilfsangebote. Wir lassen niemanden alleine“, informiert Baur. Die Formen von Gewalt seien vielfältig, teilweise subtil und oft nicht sofort erkennbar. Ziel der Kampagne ist es, zu sensibilisieren, wo Gewalt beginnt und auf Alltagsformen der Gewalt hinzuweisen.

Anlaufstellen für Opferschutz

Seit 2010

Tirol

Vorarlberg

Entschädigungen Personen

362

159

Entschädigungen Summe

2.286.200 Euro

1.433.000 Euro

Therapien Personen

53

43

Therapien Summe

207.000 Euro

80.800 Euro


(Land Tirol)