10. Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie

Lässt sich die Menschheit biologisch oder in ihren Lebensformen von anderen Spezies oder künstlichen Wesen sinnvoll abgrenzen? Worin unterscheiden sich Menschen von Personen? Mit diesen und weiteren Fragen befasste sich der 10. Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie, der vom 4. bis 6. Juni 2015 an der Universität Innsbruck stattfand.
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Bild: Mehr als 140 Vortragende nahmen am Kongress teil.

Der 10. Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie war dem Schwerpunkt Mensch sein – Fundament, Imperativ oder Floskel? gewidmet und hat vom 4. bis 6. Juni 2015 unter reger Teilnahme an der Universität Innsbruck ein mehrtägiges Forum eröffnet, wo miteinander Fragen nach dem Menschsein im Bewusstsein alter und neuer Provokationen gestellt wurden. Die Frage, was es besagt und impliziert, Mensch zu sein, ist nicht allein für die Philosophie, sondern auch für die Gesellschaft eine fundamentale. Zugleich läuft sie Gefahr, mit Floskeln beantwortet zu werden. Eine begrifflich fundierte Auseinandersetzung mit diesem thematischen Schwerpunkt hat es vergangenes Monat gegeben, als mehr als 140 Vortragende in acht parallelen Sektionen über drei Tage verteilt ihre philosophischen Überlegungen zur Diskussion gestellt haben.

Mensch sein?

Das „Mensch sein“ beschäftigt die Geschichte der Philosophie seit ihren frühesten Anfängen: Wie lässt sich „der“ Mensch, ja, das „Mensch sein“ in seiner phänomenalen Pluralität und sozialen Widersprüchlichkeit denken? Inwiefern kann es Sinn machen, von „Menschheit“ oder „Humanität“ zu sprechen im Bewusstsein, dass sich z.B. zwischen Leben und Tod oder menschlichen und nicht-menschlichen Tieren kaum eine definitive Grenze ziehen lassen wird und dass etwa im Namen der Menschheit wiederholt Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt worden sind? Auf welches Menschenbild sind Menschenrechte angewiesen?
Im Sinne von Immanuel Kants Bestimmung, dass die Philosophie die „Wissenschaft der Beziehung alles Erkenntnisses und Vernunftgebrauchs auf den Endzweck der menschlichen Vernunft“ sei, ist die Frage „Was ist der Mensch?“ jedenfalls keine marginale, sondern eine zentrale Frage für das philosophischen Denken. Sie betrifft sowohl die theoretischen Grundlagen unseres Selbstverständnisses (im Sinne von Kants Frage: „Was kann ich wissen?“), als auch die praktischen Prinzipien unseres Handelns (im Sinne von Kants Frage: „Was soll ich tun?“) und nicht zuletzt unsere Erwartungshaltungen (im Sinne von Kants Frage: „Was darf ich hoffen?“).

Menschsein heute

Die Aktualität dieser Fragen – und der philosophischen Forschung in diesem Kontext – wird evident, wenn bedacht wird, dass wir in gesellschaftlichen Verhältnissen leben, in denen unsere menschliche „Natur“ und „Kultur“ zur Disposition steht und mit einer Menge von Herausforderungen konfrontiert wird, die das „Mensch sein“ betreffen: Angefangen von ökologischen Krisen über die technischen Entwicklungen der Medizin bis zu den globalen Umbrüchen der vergangenen Jahre drängen sich eine Vielzahl von Fragen auf, die nicht unbedingt von Einzelwissenschaften beantwortet werden können, sondern einer gründlichen philosophischen Reflexion bedürfen.
Und wenngleich sich auf all diese Fragen vielleicht gar keine abschließende bzw. kategorische Antwort geben lässt, so müssen sie doch immer wieder neu gestellt und diskutiert werden. Einen lebendigen Eindruck, wie dringend diese Fragen sind, haben einerseits die Plenarvorträge von Nikita Dhawan (Innsbruck), Luciano Floridi (Oxford), Rahel Jaeggi (Berlin) und Julian Nida-Rümelin (München) vermittelt; andererseits wurde auch in den acht parallelen Sektionen zu erkennen gegeben, dass philosophische Forschung – anders als manche vermuten – nicht nur am Puls der Zeit ist, sondern ihr manchmal schon voraus.

Videobeitrag über das „Menschsein“, entstanden in Kooperation mit TirolTV:

Österreichische Gesellschaft für Philosophie (ÖGP)

Die ÖGP wurde 1985 gegründet mit dem Zweck, philosophisches Denken in Österreich zu fördern, das Fach Philosophie in allen öffentlichen Belangen zu vertreten, internationale Kontakte im Bereich Philosophie zu pflegen und den wissenschaftlichen Nachwuchses in diesem Zusammenhang zu unterstützen. Die Gesellschaft besteht mittlerweile seit 30 Jahren und veranstaltete heuer zum zehnten Mal einen Kongress, der zuletzt im Jahr 1998 in Innsbruck stattgefunden hat.
Diese wissenschaftliche Großveranstaltung, welche in Kooperation mit dem Institut für Philosophie und dem Institut für Christliche Philosophie an der Universität Innsbruck organisiert wurde, unterstreicht das Interesse und die Bereitschaft, philosophische Forschung in Innsbruck international sichtbar zu machen und an der Schwelle von theoretischer und praktischer Philosophie konsequent weiterzuentwickeln. Mit mehr als 140 Vortragenden aus verschiedenen Ländern diverser Kontinente (von Nordamerika bis Australien) handelte es sich auch heuer um einen der größten Kongresse seiner Art, nicht nur in Österreich.
Seit 1. Januar 2013 ist Paola-Ludovika Coriando, Institut für Philosophie, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie (bis 31. Dezember 2016), während Andreas Oberprantacher, Institut für Philosophie, das Amt des Generalsekretärs übernommen hat. Abgesehen davon befinden sich mit Anne Siegetsleitner, Institut für Philosophie, und Winfried Löffler, Institut für Christliche Philosophie, zwei weitere Mitglieder des Präsidiums in Innsbruck.
Die Beiträge zum 10. Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie werden in einem eigenen Kongressband publiziert.

(Andreas Oberprantacher)