„Helden entstehen nicht durch Zufall“

Mit einer facettenreichen und äußerst kritischen Darstellung des als Kriegshelden stilisierten Standschützen Sepp Innerkoflers und der Rezeption seiner „Heldengeschichte“ zog Markus Wurzer zahlreiche Interessierte im Rahmen der Ringvorlesung zum Ersten Weltkrieg in seinen Bann.
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Bild: Markus Wurzer bei seinem Vortrag. (Foto: Universität Innsbruck)

Am 4. Juli 2015 jährten sich der Todestag Sepp Innerkoflers und damit die erfolglose Erstürmung des Paternkofels inmitten der Sextner Dolomiten zum 100. Mal. Bis zum heutigen Tag ist der Name des damals gefallenen Tiroler Standschützen im kollektiven Gedächtnis erhalten geblieben und wird mit Heldenmut und dem Mythos des archaischen Gebirgskampfes konnotiert. Dass der Anschein dieses heroischen Bildes trügt und hinter der Heldenperson Sepp Innerkofler eine überlegte Inszenierung stecken könnte, wird nur jenen bewusst, die einen genaueren Blick hinter die Kulissen werfen.

Mit Markus Wurzer von der Universität Graz luden Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian im Rahmen der von ihnen gestalteten Vortragsreihe einen wahren Experten im Bereich der Heldenmythen im Gebirgskrieg ein, nicht nur, weil er unweit der einstigen Wirkungsstätte Innerkoflers beheimatet ist. Im Rahmen seines Vortrages versuchte er, mehr als die militärische Rolle der Person Sepp Innerkofler aufzuzeigen und ging der Frage nach, warum gerade dieser Name verglichen mit vielen anderen bis weit über das Ende des Ersten Weltkriegs hinaus bekannt blieb.

Die vielen Gesichter des Sepp Innerkofler

Die beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian mit dem Vortragenden Markus Wurzer (Mitte). (Foto: Universität Innsbruck)

Die beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian mit dem Vortragenden Markus Wurzer (Mitte). (Foto: Universität Innsbruck)

Sepp Innerkofler hat den Gebirgskriegsmythos wie kein anderer geprägt und wurde zum Sinnbild des dreieinhalb Jahre währenden Kampfes zwischen Italien und Österreich-Ungarn, in dem er allerdings nur eineinhalb Monate mitwirkte. Markus Wurzer wendet daher ein, ob es nicht auch andere Soldaten gäbe, die sich für einen „Heldenstatus“ empfohlen hätten und erläutert dies anhand der besonderen Vorgeschichte Innerkoflers.

Der Vortragende begab sich auf Spurensuche in zahlreiche Archive und musste feststellen, dass Sepp Innerkofler immer wieder im Rahmen verschiedener Bestände auftaucht. Eine biographische Darstellung der Person liefert ein 1925 erschienener Beitrag in der Tiroler Festschrift, verfasst von Innerkoflers Cousin, Adolf Innerkofler. Informative Aufschlüsse zu Sepp Innerkofler vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges bieten außerdem die Bestände aus Alpenvereinsarchiven, aus denen Markus Wurzer versucht hat, eine Lebensgeschichte Innerkoflers zu rekonstruieren.

Anhand dieser Quellen erscheint Sepp Innerkofler als facettenreiche Person. Er erwarb im Jahr 1890 die Befähigung eines Bergführers und erlangte durch sein herausragendes Geschick schnell überregionalen Ruhm. 1899 fügte sich seiner Persönlichkeit die Rolle des Gastwirts hinzu und Innerkofler erhielt einen Pachtvertrag für die Dreizinnenhütte, einer hochgelegenen Schutzhütte im Antlitz des gleichnamigen Gebirgsstocks, unweit des Paternkofels. Sepp Innerkofler hegte innovative Pläne rund um diese Hütte und konnte in weiterer Folge ein beträchtliches Vermögen anhäufen. Dieser wirtschaftliche Erfolg blieb jedoch nicht konfliktfrei und führte in Sexten zu zahlreichen Disputen zwischen Innerkofler, anderen Bergführern und der Gemeinde, im Kampf um die raren Touristen dieser Zeit, die sich bis zur Entfesselung des Ersten Weltkrieges hinzogen.

Die Genese eines Helden

Für Innerkofler selbst hatte der Beginn des Ersten Weltkrieges kaum Auswirkungen. Er war bereits 50 Jahre alt und aufgrund eines „Blähhalses“ und „Flügelschultern“ untauglich. Trotzdem wurde im Herbst 1914 in Tirol für den „Kriegsfall I“ vorgesorgt. Sollte also Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklären, mussten die Standschützen einsatzbereit sein und so wurde im Zuge dessen auch Innerkofler vereidigt. Als im Mai 1915 schließlich der Fall eintrat, rückte auch er ein, wobei bis heute ungeklärt ist, ob dies freiwillig geschah oder nicht.

Innerkofler wurde Patrouillenführer, da er Erfahrung im Gebirge mitbrachte, und führte mit seiner Mannschaft Aufklärungsmärsche durch, für deren Erfolge er ausgezeichnet wurde. Um das Dreizinnenplateau gegen die Italiener zu halten, wurde am 4. Juli 1915 die Erstürmung des Paternkofels befohlen. Bei dem gescheiterten Angriff kam Sepp Innerkofler ums Leben. Sein Tod wird in den militärischen Akten zwar nüchtern dargestellt, jedoch findet er in dem Bericht namentliche Erwähnung.

Unmittelbar nach seinem Tod wurde eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, die die Entstehung des „Heldenmythos“ rund um Sepp Innerkofler begünstigten. Markus Wurzer weist an dieser Stelle darauf hin, dass Helden nicht durch Zufall entstehen und es entscheidend ist, dass es einen Konsens zwischen den Machthabenden und der Bevölkerung gibt, dahingehend, welche Bedeutung der Heldentat beizumessen ist. Ein Impuls erfolgte von oben, indem man Innerkofler seitens der Führung des Militärs in seinem aufopferungsvollen Kampf für Kaiser, Volk und Vaterland zum Helden ernannte, die Rezeption des Helden geschah allerdings von unten und wurde von der Bevölkerung getragen.

Zahlreiche Zeitungsartikel über Innerkoflers Tod unmittelbar nach dem 4. Juli zeugen von dessen Popularität und Wurzer begründet diese Tatsache, indem er Innerkofler als einen „VIP der Vorkriegszeit“ bezeichnet. Dieser wurde posthum vom Tiroler Landesverteidigungskommando mit der goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet, seine Heldengeschichte wurde vielfach rezipiert und damit die existierenden Spannungen zwischen Berufsoffizieren und den gewählten Standschützenführeren medial wirksam begegnet. So erhielt sein Tod eine Sinnstiftung. Innerkofler hatte laut Wurzer „heldisches Hintergrundkapital“, da man ihn bereits vor dem Krieg kannte, er sieht jedoch „keinen erkennbaren Masterplan, der Sepp Innerkofler zum Helden gemacht hätte“.

Rezeption des Heldenmythos

Unmittelbar nach 1918 spielt Innerkofler keine Rolle, erst in Literatur und Film der Zwischenkriegszeit wurde seine Person wieder aufgegriffen. Sepp Innerkofler wurde aus einem Konglomerat von Weltkriegshelden ausgewählt und als Projektionsfläche verwendet. Das als Ideal erscheinende Profil des gläubigen Tiroler Ehemanns und Gastwirts stellte ihn auf eine Ebene mit Andreas Hofer. Auch der „Anschluss“ Österreichs und der Zweite Weltkrieg taten der Heldenstilisierung keinen Abbruch und der Mythos wurde jeweils passend adaptiert übernommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Heldenbild Innerkoflers als „flexible Projektionsfläche“ von verschiedenen Gruppen weiterverwendet und man bezog sich dabei auf die Narrative der Zwischenkriegszeit. Eine neue Generation Autoren tradierte unreflektiert den Mythos weiter und erst in den 1990er Jahren erfolgte ein Aufbruch zu neuen Ufern, im Zuge dessen die heldenhafte Rolle Innerkoflers relativiert dargestellt wurde. Trotzdem gibt es heute eine Parallelität von wissenschaftlich fundierter Forschung und populärwissenschaftlichen Darstellungen.

Markus Wurzer kommt zu dem Schluss, dass Sepp Innerkofler die zentrale Figur in der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg verkörpert. Dafür war jedoch nicht die militärische Rolle als Bergschützenführer entscheidend, sondern seine Vorkriegsbekanntheit bot die ideale Biographie für die Genese eines Helden, an die man in der Zwischenkriegszeit anschließen konnte. Innerkoflers Bedeutung für den Ersten Weltkrieg sei demnach zu relativieren und kritisch zu betrachten.


Der Vortrag von Markus Wurzer war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

Der Vortrag von Markus Wurzer war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

(Thomas Pattinger)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/mTlvJ2tjvKM)