Fuge oder Weiterbauen: Ö1 Hörsaal im Archiv für Baukunst

Baustoffe wie Holz, Stein, Kalk und Lehm haben sich seit Jahrhunderten bewährt. Das „Netzwerk-Baukultur-Salzkammergut“ will dieses Wissen wiederbeleben und Regionalität fördern. Dieser Ansatz ließ das Netzwerk zu einem der Sieger-Projekte im Rahmen der Initiative „Ö1 Hörsaal“ werden. Am 28. Mai machte Ö1 mit seinem Hörsaal Station im Archiv für Baukunst der Uni Innsbruck.
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Bild: Unter dem Titel "Fuge oder Weiterbauen" diskutierten Experten und Interessierte im Ö1 Hörsaal zu Fragen regionaler Baukultur.

Bringen Sie Ihre Ideen, Erfahrungen und Ihr Wissen an die Universitäten!“ – dazu riefen im Herbst des vergangenen Jahres die Österreichische Universitätenkonferenz uniko, Ö1 und das Innovation Service Network (ISN) gemeinsam mit 12 Universitäten auf. Im Rahmen der österreichweiten Open-Innovation-Initiative „Ö1 Hörsaal“ wurden nach Projekten gesucht, die sich nicht nur durch innovative Inhalte, sondern auch durch Thematisierung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen auszeichnen. Mit einem Wort: Hörerinnen und Hören waren dazu aufgerufen, ihre Ideen bzw. ihr Wissen an die Universitäten heranzutragen und auf „Augenhöhe“ zu diskutieren. Ziel der Initiative ist, unkonventionelle Ansätze für den Wissenstransfer, die Interaktion und den Dialog zwischen Zivilgesellschaft und Universitäten zu entwickeln. Aus mehr als 250 Bewerbungen gingen im Jänner 2015 schließlich 13 Sieger-Projekte aus einer Jury-Entscheidung hervor. Das „Netzwerk-Baukultur-Salzkammergut“ ist eines dieser erfolgreichen Ö1-Hörsaal-Projekte und wurde nun im Archiv für Baukunst, einem Forschungsinstitut der Uni Innsbruck, präsentiert. Umrahmt wurde die Vorträge der Vertreter des Netzwerkes Salzkammergut von wissenschaftlichen Inputs durch Experten der Uni Innsbruck sowie der Abteilung Denkmalsschutz des Bundeskanzleramts.

Bewährtes Wissen

Das Netzwerk-Baukultur-Salzkammergut versteht sich als interdisziplinäre Gruppe und vereint das Wissen aus verschiedenen Bereichen: Planer, Bauhistoriker, Bauphysiker, Bauökologen und Handwerker tauschen sich aus und arbeiten an neuen Impulsen zur Regionalentwicklung unter Anwendung regionalem Wissens. Das Wissen um diese Baustoffe, ihren optimalen Einsatz, ihr Zusammenwirken und die Fähigkeiten zu deren Verarbeitung im Eigenbau waren bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts Allgemeingut. Das Netzwerk hat eine Wiederbelebung dieses bewährten Wissens und Könnens zum Ziel und konnte mit diesem Ansatz die Jury des Ö1 Hörsaals, bestehend aus Mitgliedern der uniko, der Wissenschaftsredaktion von Ö1 sowie aus Vertretern der 12 teilnehmenden Universitäten, überzeugen.

„Audio-Impressionen“ aus dem Ö1 Hörsaal in „uni konkret“, die Radiosendung der Uni Innsbruck:

Alt oder neu

Im Archiv für Baukunst fanden sich nun schließlich Experten und Interessiere zusammen, um Geschichte und Zukunft regionaler Baukultur im Ö1 Hörsaal unter dem Motto „Fuge oder Weiterbauen?“ zu diskutieren. Die wichtigsten Diskussionspunkte drehten sich dabei um folgende Fragen: Was stellen wir uns unter regionaler Baukultur vor? Wie kann regionale Baukultur entstehen? Wie funktioniert regionale Baukultur im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie?  In sieben Impulsvorträgen stellten die Referenten zunächst ihre Zugänge zu Aspekten der Baukultur aus ihren jeweiligen unterschiedlichen Perspektiven dar. Christoph Hölz, stellvertretender Leiter des Archivs für Baukunst, führte durch den Nachmittag und beschäftige sich in seinen einführenden Worten mit der Frage, mit welchen Herausforderungen Architektur, Städtebau oder Landschaftsplanung im Spannungsfeld zwischen Alt und Neu konfrontiert sind. Dabei stellte er zur Diskussion, wie Innovation mit dem baukulturellen Erbe in verschiedenen Regionen vereinbar sein kann oder könnte. Der Leiter des Instituts für Konstruktion und Materialwissenschaften, Michael Flach, befasste sich in seinem Vortrag mit den Potenzialen eines faszinierenden Baustoffs, der wie kein anderer die Geschichte der Menschheit begleitet: Holz. Der zeitlose Baustoff steht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses des Wissenschaftlers und ist nicht nur vielfältig einsetzbar, sondern auch ein wichtiger Hoffnungsträger im Hinblick auf das Thema Klimaschutz.

Netzwerk-Baukultur-Salzkammergut

Diese einführenden Worte der Experten der Uni Innsbruck wurden gefolgt von Vorträgen der aus Salzburg angereisten Ö1-Hörsaal-Gewinner des Netzwerk-Baukultur-Salzkammergut. „Regionales Bauen im Wandel der Zeit“ war das Thema, über das Friedrich Idam die Zuhörerinnen und Zuhörer informierte. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Professor für Möbel-und Innenraumgestaltung mit dem Schwerpunkt Holz-Restauriertechnik an der HBLA Hallstatt befasst sich der freiberufliche Bauforscher mit Baukultur als Entwicklungsprozess: Am Beispiel des Welterbe-Gebiets Hallstatt/Dachstein/Salzkammergut machte Idam deutlich, wie sich der Wandel einer regionalen Baukultur darstellt und welcher Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen gefunden werden könnte.  Christof Hillebrand, Baumeister in Strobl und Geschäftsführer der Baukultur2 GmbH in Salzburg, berichtete von einer Baukultur „mit Haltung und Lebenssinn“ sowie Wertschätzung gegenüber historischem Baugefüge. Unter dem Leitsatz „Erkennen-Weiterführen-Verwandeln“ zeichnete er für die Neugestaltung der Erdgeschossräume des Erzbischöflichen Palais in Salzburg verantwortlich. Materialwahl und intelligenter Materialeinsatz im Bauwesen stellte Günther Kain zur Diskussion. Der Bauphysiker, Holzbautechniker und Innenarchitekt befasst sich mit vieldiskutierten Themen wie Herkunft und Nachhaltigkeit von Rohstoffen – und somit mit dem Einsatz ökologischer Materialien. Der Architekt Bernhard Schlömicher aus Bad Mitterndorf hob nochmals den Aspekt der Regionalität hervor – vor dem Hintergrund der zunehmenden Abwanderung aus ländlichen Gebieten in Ballungszentren. Schlömicher befasst sich mit städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten sowie der Aufwertung der Lebensqualität am Land. Historische Baukonzepte sieht er dabei als Modelle für die Zukunft, wie er im Titel seines Vortrages bereits wissen ließ.
Bruno Maldoner, tätig im Bereich Denkmalschutz und Welterbe im Bundeskanzleramt, brachte einen weiteren zentralen Aspekt in die Diskussion ein: „Weltkulturerbe als Verpflichtung“.

 All diese vielfältigen Aspekte warfen nicht nur viele Fragen auf, sondern führten auch zu angeregten Diskussionen mit dem Publikum vor Ort. Bis Ende Juni werden alle Hörsäle österreichweit absolviert sein, Ö1 berichtet ab Herbst in seinem Programm über alle Termine.


(Melanie Bartos)