„… übersetzt von Peter Handke“ am INTRAWI

Vom 28. bis 30.5.2015 fand am Institut für Translationswissenschaft (INTRAWI) unter der Ägide der beiden umsichtigen Organisatoren Fabjan Hafner (Robert-Musil-Institut für Literaturforschung, Universität Klagenfurt) und Wolfgang Pöckl (INTRAWI, Universität Innsbruck) die Tagung „… übersetzt von Peter Handke“ statt.
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Bild: Fabjan Hafner in lebhafter Interaktion mit dem Publikum bei seinem Eröffnungsvortrag. (Foto: Martina Mayer)

Diese Veranstaltung darf getrost als einzigartig bezeichnet werden, weil Handkes umfangreiches übersetzerisches Œuvre bisher nur wenig Betrachtung in der wissenschaftlichen Diskussion fand. In den facettenreichen Vorträgen der hochkarätigen internationalen Experten wurde der Übersetzer Handke nun eindrucksvoll porträtiert.

Fabjan Hafner eröffnete die Tagung mit einem Vortrag über Peter Handke als schreibenden Übersetzer – eine Rollenzuschreibung, die auf den ersten Blick erstaunlich anmuten mag, vom Vortragenden jedoch eloquent vermittelt und als ein Phänomen der „Beidhändigkeit“ bezeichnet wurde. Die Archivarin Vanessa Hannesschläger (Wien) analysierte in akribischer Detektivarbeit Handkes Vorgehensweise bei seinen Übersetzungen Prometheus, gefesselt (1985), Ödipus in Kolonos (2002) und Helena (2009) aus dem Altgriechischen. Im Anschluss wandte sich die klassische Philologin und Germanistin Bettina Feuchtenhofer (Wien) Handkes Übersetzungen des Aischylos und des Sophokles zu. Sie zeigte Handkes zwar ausgeprägte, aber doch nicht immer konsistente Liebe zum Detail in der Übersetzung dieser antiken Dramatiker auf. Die Reihe der Vorträge über Peter Handkes Übersetzungen aus dem Altgriechischen wurde von Oswald Panagl (Salzburg), Professor emeritus für historisch-vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft, beschlossen. Er beleuchtete Handkes Beziehung zu sowie seinen Umgang mit den antiken Autoren und bot damit einen Einblick in Handkes Reflexion über den eigenen Schaffensprozess, wodurch die beiden vorangegangenen Beiträge aufs Beste umrahmt wurden. Handkes Übersetzungen aus dem Altgriechischen folgte eine Schwerpunktverlagerung hin zum Slawischen und Englischen, die von der freien Übersetzerin und Publizistin Urška Černe (Maribor) eingeleitet wurde.

Das interessierte Publikum bei der Tagungseröffnung. (Foto: Martina Mayer)

Das interessierte Publikum bei der Tagungseröffnung. (Foto: Martina Mayer)

Sie behandelte Handkes zweites Übersetzungsprojekt, die Tandemübersetzung des Romans Zmote Dijaka Tjaža (Der Zögling Tjaž) von Florjan Lipuš in Zusammenarbeit mit seiner Slowenischlehrerin Helga Mračnikar. Diese war übrigens eigens zur Tagung angereist und gewährte im anschließenden Gespräch mit Fabjan Hafner Einblicke in die genaue Vorgehensweise Handkes, in seinen „Entzifferungsprozess“, den sie als Methode seiner übersetzerischen Praxis kennengelernt hatte. Die Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin Marija Dabič (Innsbruck/Wien) fokussierte in ihrem Vortrag Handkes Übersetzungen der zwei Gedichte Možda spava (Vielleicht schläft sie) von Vladislav Petković („Dis“) und Slepi Putnici (Blinde Passagiere) von Zoran Bognar aus dem Serbischen, die in Zusammenarbeit mit Žarko Radaković entstanden sind. Hierbei ging es nicht um das Übersetzen der Werke aus der serbischen Sprache in die deutsche, sondern um das Übersetzen der serbischen Kultur. Anhand Handkes Übersetzung von Shakespeares The Winter‘s Tale (Wintermärchen) thematisierte die Translations- und Literaturwissenschaftlerin Katharina Walter (Innsbruck) in ihrem Vortrag das Spannungsverhältnis zwischen Texttreue und kreativem Selbstausdruck. Dazu präsentierte sie einen höchst aufschlussreichen Vergleich zwischen dem Original und den Übersetzungen von Dorothea Tieck und Peter Handke. Thomas Edeling (Banská Bystrica), Lektor an der Wirtschaftsfakultät der Matej-Bel-Universität, ging auf die intersemiotische Übersetzung von Text in Film im Rahmen der Adaptation ein und behandelte Handkes Rolle als Drehbuchautor für Wim Wenders’ Film Falsche Bewegung.

Die Ausstellung der veröffentlichten Übersetzungen und handschriftlichen Proben fand großen Anklang. (Foto: Martina Mayer)

Die Ausstellung der veröffentlichten Übersetzungen und handschriftlichen Proben fand großen Anklang. (Foto: Martina Mayer)

Die Literaturwissenschaftlerin Joana Moura (Lissabon) präsentierte Handkes Sichtweise zur Person und Stellung des Übersetzers: Der Übersetzer ist laut Handke physisch präsent und kein Diener des Autors; er lässt seine Erfahrungen und Gefühle in die Übersetzung einfließen. Der Germanist Dirk Weissmann (Paris) beschäftigte sich mit Selbstübersetzungen Handkes aus dem Französischen, die zwischen 2001 und 2012 entstanden waren: Pourquoi une cuisine? (Warum eine Küche), Jusqu’à ce que le jour vous sépare ou Une question de lumière (Bis daß der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts) und Les Beaux jours d’Aranjuez (Die schönen Tage von Aranjuez). Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Wolfgang Pöckl (Innsbruck), der Handkes Übersetzungen von Patrick Modiano einem kritischen Übersetzungsvergleich unterzog. Dabei legte er einerseits ein Augenmerk auf Kondensationsstrategien, auf die diatopische Mischung (Austriazismen neben Teutonismen) in den Texten und auf die Behandlung von Realien, verwies andererseits jedoch auch auf so manchen Übersetzungsfehler, der aufmerksamen Lesern nicht entgeht.

Diese mannigfaltigen Blicke auf Peter Handkes übersetzerisches Werk stellten eine beträchtliche Erweiterung der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Thema dar. Außerdem wurde die Tagung von einer Ausstellung der in Buchform publizierten Übersetzungen Peter Handkes sowie zahlreicher Kopien handschriftlicher Proben seiner Übersetzungsarbeit umrahmt. Ihren Ausklang fand die Tagung in einer gemeinschaftlichen, kulinarisch abgerundeten Abschlussdiskussion aller Vortragenden sowie einem Ausflug auf die Hungerburg, wo den interessanten Ein-, Über- und Durchblicken zu Peter Handke ein wunderschöner Ausblick auf die Stadt folgte. Damit fand die in entspannter Atmosphäre verlaufene Tagung einen würdigen Abschluss. Ein herzliches Dankeschön gilt den großzügigen Sponsoren: dem Dekanat der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck, dem Land Vorarlberg, dem Forschungszentrum Prozesse der Literaturvermittlung und dem Frankreich-Schwerpunkt der Universität. Der größte Dank sei allerdings allen Tagungsteilnehmern sowie dem interessierten Publikum gegenüber zum Ausdruck gebracht.

(Maria Artho, BA BA & Anna Ortner, BA
und Irina Schulthess, BA – Institut für Translationswissenschaft)