Über Inexistenz und über das Wetter reden

Auf Einladung des Frankreich-Schwerpunkts und des Instituts für Romanistik sprach die französische Linguistin Machteld Meulleman in einer Lehrveranstaltung über Inexistenz in einigen romanischen und germanischen Sprachen, und am Abend im Linguistischen Arbeitskreis über Wetterverben in Niederländisch, Englisch, Französisch und Russisch.
blog_inexistenz_wetter.jpg
Bild: Machteld Meulleman (Bild: privat)

Dass man über Nicht-Existentes und über das Wetter äußerst tiefsinnig sprechen kann – und dass es dabei sogar gewisse Parallelen gibt –, das bewiesen zwei Gastvorträge der jungen französischen Linguistin Machteld Meulleman von der Universität Reims. Auf Einladung des Frankreich-Schwerpunkts und des Instituts für Romanistik sprach sie am 19.5. am Nachmittag in einer Lehrveranstaltung über Inexistenz in einigen romanischen und germanischen Sprachen, und am Abend im Linguistischen Arbeitskreis über Wetterverben in Niederländisch, Englisch, Französisch und Russisch.

Meulleman ist eine Romanistin mit Tendenzen in Richtung allgemeine Sprachwissenschaft, denn sie vergleicht gerne mehrere Sprachen, die nicht unbedingt eng verwandt sein müssen, um zu ergründen, ob es für ein bestimmtes Phänomen allgemeine Regeln quer über die Sprachen gibt. Bei Wetterverben wie bei Inexistentem ist die Gemeinsamkeit die unpersönliche Ausdrucksweise: es gibt keine Einhörner funktioniert ähnlich wie es regnet oder es schneit. Meulleman zeigte, dass Ausdrücke für Inexistenz mit Ausdrücken für Existenz nur in manchen Sprachen durch eine schlichte Negation zusammenhängen, z.B. Französisch, il existe des licornes vs. il n’existe pas de licornes. Schon das Deutsche funktioniert anders, hat es doch den Determinanten kein anstelle des erwartbaren nicht ein. In anderen Sprachen, z.B. in Türkisch, wird der gesamte Ausdruck anders konstruiert.

Bei den Wetterverben greifen viele, aber eben nicht alle Sprachen auf unpersönliche Fürwörter zurück (dt. es regnet, es schneit, es nieselt etc., frz. il pleut, il vente …), manche können aber auch auf ein solches „leeres“ Subjekt ganz verzichten (it. piove, sp. llueve). Daneben gibt es aber immer auch Ausdrücke des Typs es ist heiß, es gibt Schnee/Sonne etc. Meullemans originelle Idee ist es nun, die Wetter-Ausdrücke mit Konstruktionen für ähnliche, aber nicht gleiche Natur-Phänomene zu vergleichen, z.B. für Morgen oder Abend werden (sp. amanecer, atardecer), oder für Natur­katastrophen wie Erdbeben oder Tsunamis. Es zeigen sich dabei deutlich unterschiedliche syntaktische Patterns.

Das fachkundige Publikum lauschte gespannt und diskutierte danach noch lange, anhand von Beispielen aus ganz unterschiedlichen Sprachen. Von nun an wird wohl keiner dem Wetterbericht lauschen können, ohne die verschiedenen Ausdrucksweisen bewusst zu verfolgen!

(Eva Lavric)