Tiroler Wacht: Lieb Vaterland, magst ruhig sein: wir zielen brav wie anno neun

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ist eine massive Bedeutungszunahme von Medien und deren intentionell gesteuerte Wirkung zu verzeichnen. Besonders die konstruierten Selbst- und Feindbilder Österreich-Ungarns waren für die Kriegswahrnehmung signifikant. Mag. Joachim Bürgschwentner erläuterte dabei die charakteristischen Merkmale medialer Feindbilder im Gebirgskrieg gegen Italien.
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Bild: Joachim Bürgschwentner bei seinem Vortrag. (Foto: Universität Innsbruck)

Im Zuge der Willkommensworte wurde der aus Innsbruck stammende Nachwuchshistoriker Mag. Joachim Bürgschwentner dem Publikum vorgestellt. Der Vortrag umfasste einen Teilaspekt seiner Dissertation mit dem Arbeitstitel „Zwischen mentaler und materieller Kriegsfürsorge. Die staatliche Produktion von Bildpostkarten in Österreich während des Ersten Weltkriegs“.

Medien(-kontrolle) im Ersten Weltkrieg?

Bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges war der staatlichen Obrigkeit der österreichischen Reichshälfte bewusst, dass Institutionen zur Medienkontrolle geschaffen werden mussten, so etwa das 1904 bis 1906 geplante und 1914 umgesetzte k.u.k. Kriegsüberwachungsamt. Dieses Amt war für die Zensur von als unzulässig erachteten Informationen und Bildern in öffentlichen Zeitungen zuständig, bildete jedoch lediglich die Leitstelle, während die konkrete Ausführung dem Militär, der Staatsanwaltschaft und der Polizei oblag.

Während der Kriegsjahre wurde der Zensurapparat kontinuierlich ausgebaut und weitere Zensurrichtlinien erarbeitet. Demzufolge unterlagen topographische Informationen, Pläne, Bilder, Berichte über Versorgungsprobleme, aber auch kritische Bemerkungen über die Armee- und militärische (Fehl-)Entscheidungen der Zensur.

Joachim Bürgschwentner (Mitte) mit den beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Universität Innsbruck)

Joachim Bürgschwentner (Mitte) mit den beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Universität Innsbruck)


Als weitere Institution verwies Bürgschwentner auf das k.u.k. Kriegspressequartier, welches 1909 geplant und im Zuge der Mobilisierung 1914 errichtet wurde. In dessen Zuständigkeitsbereich fielen unter anderem die Betreuung, Produktion und Verbreitung von Berichten und Bildmaterialien, sowie die Organisation von Ausstellungen im In- und Ausland.

Nachdem von anderen Kriegsteilnehmern, wie Großbritannien oder Frankreich, bereits ausgiebig Bildmaterial für die mentale Beeinflussung der Bevölkerung eingesetzt worden war, erkannte auch Österreich-Ungarn das wirkungsmächtige Potenzial des Bildmaterials für den eigenen Nutzen. So erfolgte während der Kriegsjahre ein kontinuierlicher Ausbau des Kriegspressequartiers: Es wurden weitere Institutionen geschaffen, wie etwa das Kriegsarchiv oder das Pressebüro des Kriegsministeriums. Bürgschwentner stellte in diesem Zusammenhang allerdings fest, dass es sich nicht um straffe staatliche Organisationen handelte.

Selbstbild Österreich-Ungarns und das Feindbild Italien

Die positiv konstruierten Selbstbilder Österreich-Ungarns standen im klaren Gegensatz zum negativ dargestellten Feindbild Italien. Diese konstruierten Selbst- und Feindbilder, die mitunter Anlehnung an kunsthistorische und religiöse Motive erkennen lassen (so etwa die Abbildung Gottes, die Darstellung des Feindes als Schlange oder Italien als Verräter in Gestalt des Judas), bildeten einen zentralen Bestandteil der Kriegspropaganda. Dieses Phänomen beschränkte sich jedoch nicht allein auf Österreich-Ungarn und Italien, sondern bildete Teil einer sogenannten „europäischen Kriegskultur“.

Die Feindbilder Italiens, so der Referent, setzten sich vor allem aus aktuellen und historischen Ereignissen zusammen. Dabei wurden drei Aspekte sehr häufig thematisiert: Italiens Treuebruch, das „siegreiche Standhalten“ und aktuelle Ereignisse von 1915, die in größere historische Kontexte gebettet wurden (beispielsweise die militärischen Erfolge des Feldmarschalls Radetzky im Zuge der Kämpfe gegen Piemont-Sardinien). Die Selbstbilder Österreich-Ungarns weisen also nicht selten historische Bezüge auf, wobei insbesondere auf die Tiroler Heldenfigur Andreas Hofer zurückgegriffen wurde.

Noch viel mehr als auf Ansichtskarten wurde Italien in Karikaturzeitschriften gezielt als verräterischer Mörder oder Attentäter abgebildet – der italienische König Vittorio Emanuele III. und der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio bildeten dabei die häufigsten Zielscheiben.

Der Gebirgskrieg auf Ansichtskarten

Im Wesentlichen handelt es sich bei den Bildmotiven der Ansichtskarten um malerische und als romantische Ski- oder Klettertouren „getarnte“ Darstellungen. Bevorzugte Themen waren dabei die Verteidigung und das Wachehalten. Fotografien von Soldaten wurden in vereinzelter Form auf Postkartenpapier ausgedruckt und als Ansichtskarte benutzt, sie bildeten jedoch eher die Ausnahme.

Die reale Situation im Frontbereich (versorgungstechnische Einrichtungen, Einsatz von Artillerie oder blutige Kriegsszenen) ist nur in den seltensten Fällen auf Ansichtskarten zu erkennen. Verwundungen eigener Soldaten wurden in verharmloster Form dargestellt, ebenso wurde der Tod der eigenen Soldaten – meist in den tröstenden Armen eines Kameraden liegend  – geschönt. Darstellungen des realen Kampfes sowie des anonymen Leidens und Sterbens der Soldaten wurden erst gar nicht abgebildet.

Ein weiteres Kennzeichen für die gesteuerte Bildinszenierung des Gebirgskrieges ist das auf Ansichtskarten dargestellte Machtverhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Italien: So stehen die von unten angreifenden und geschwächten italienischen Soldaten den von oben kommenden energischen österreichisch-ungarischen Soldaten entgegen.

Zusammenfassend hielt Bürgschwentner fest, dass sich das Feindbild Italiens vor allem durch Treuebruch und moralischen Verrat des Königreiches Italien gegenüber Österreich-Ungarn bzw. dem Deutschen Reich konstituierte. Da es um die Verteidigung des Landes ging, wurde der Kampf gegen die Italiener als gerechtfertigt erklärt, wobei vor allem durch bildliche Motive auf bereits vergangene Auseinandersetzungen und Konflikte, insbesondere die bereits erwähnten Schlachten gegen Piemont-Sardinien, hingewiesen wurde.

Das alltägliche Grauen im Hinterland ist auf Ansichtskarten ebenso wenig zu finden wie das technisierte und modernisierte Kampfgeschehen an der Front.

Erwähnenswert ist zudem, dass die Hauptproduzenten der Ansichtskarten kommerzielle Verlage waren. Die Auswahl der Motive erfolgte nach altem Muster: die Nachfrage bestimmte den Markt. Somit sollten Kriegspostkarten eher als Ausdruck der Mentalität der KäuferInnen, und im weiteren Sinne der damaligen Bevölkerung, gedeutet und weniger als staatlich organisierte Propaganda angesehen werden.

Für weitere Information zum Thema werden folgende Werke empfohlen: „Katastrophenjahre. Der Erste Weltkrieg und Tirol, Innsbruck 2014“ erschienen im Universitätsverlag Wagner von Herman Kuprian und Oswald Überegger mit Beiträgen von Christoph Bertsch und Joachim Bürgschwentner.


Blick in den Hörsaal beim Vortrag von Joachim Bürgschwentner. (Foto: Universität Innsbruck)

Blick in den Hörsaal beim Vortrag von Joachim Bürgschwentner. (Foto: Universität Innsbruck)

 (Katharina Banzer, Katrin Ellecosta, Franziska Niedrist)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/XBQjkyn7a_Q)