Die Südwestfront im Ersten Weltkrieg. Stellungskrieg in den Dolomiten nicht kriegsentscheidend

Der Augsburger Historiker Günther Kronenbitter, einer der besten Kenner der österreichisch-ungarischen Militärgeschichte, dekonstruierte im Rahmen der Ringvorlesung über den Ersten Weltkrieg das gängige Geschichtsbild über den Verlauf des Ersten Weltkrieges im südlichen Alpenraum.
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Bild: Prof. Günther Kronenbitter bei seinem Vortrag. (Foto: Dominik Neumer)

In seinem Vortrag „Militärpolitik und Kriegführung gegen Italien: Die k.u.k. Armee an der Südwestfront“ führte der Günther Kronenbitter aus, wieso seiner Ansicht nach weniger der hochtechnisierte Gebirgskrieg in den Dolomiten kampfentscheidend war, sondern der Kriegsverlauf wesentlich von den Schlachten am Isonzo bestimmt wurde.

Italiener nicht als ebenbürtiger militärischer Gegner erachtet

An der Ostfront und in Serbien hatte die Armeeführung schon nach dem ersten Kriegshalbjahr 1914 einsehen müssen, dass ohne die Unterstützung des „deutschen Bundesgenossen“, wie es zeitgenössisch hieß, die katastrophale Situation nicht zu ändern wäre. Der Südwestfront kam bei dieser Ausgangslage ab Frühjahr 1915 daher auch die Funktion zu, für den österreichischen Generalstab eine rein „österreichische Angelegenheit“ zu sein, bei der man nicht bloß in der Rolle eines „Junior Partners“ steckte. In der österreichischen Armeeführung herrschte ohnehin schon seit langem die Ansicht vor, dass das italienische Heer eigentlich kein ebenbürtiger Gegner sein würde. Zwar hatten die Einigungsbestrebungen Italiens 1859 bzw. 1866 zum Verlust der österreichischen Lombardei und des Veneto geführt, doch wurde dies mehr der Diplomatie zugeschrieben. Feldmarschall Radetzky und Erzherzog Albrecht von Österreich-Teschen besaßen jedenfalls um 1900 den Nimbus von Siegern und verdankten ihre Popularität den militärischen Erfolgen auf den italienischen Schlachtfeldern.

Trotzdem war seitens der k. u. k. Armeeführung bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor einem Angriffskrieg Italiens gewarnt worden. Franz Conrad von Hötzendorf, der Generalstabschef der österreichisch-ungarischen Streitkräfte, wälzte seit seiner Dienstzeit in Triest und Tirol Pläne für einen Präventivkrieg gegen Italien. Der junge italienische Nationalstaat wurde nämlich als expansiv erachtet, was sich beispielswiese 1911 bei der Eroberung Libyens gezeigt hatte.

Seit 1882 bildete das Königreich Italien zusammen mit den beiden Kaiserreichen Deutschland und Österreich-Ungarn den sogenannten Dreibund, der eine gegenseitige Beistandspflicht vorsah. Dennoch gab es laut Kronenbitter für Italien in einer geostrategischen Analyse zahlreiche aussichtsreiche Gründe, 1914 die Neutralität zu erklären. Die Beistandspflicht war formal nicht erfüllt (Österreich-Ungarn griff de facto Serbien an). Außerdem war Italien durch seine langen Küstenlinien gegen die damals auch im Mittelmeer starke britische Marine höchst gefährdet, abgesehen von den Auseinandersetzungen mit Frankreich, wenn es auf Seiten des Dreibunds automatisch zu dessen Gegner geworden wäre. Nicht zuletzt konnte Italien die Absicht der Mittelmächte bzw. der Entente, es jeweils auf seiner Seite oder neutral zu halten, für eigene Territorialansprüche nützen. Im Londoner Geheimvertrag (26. April 1915) erhielt Italien größere Territorialgewinne (Trentino, Triest, Istrien) zugesagt als die freiwilligen Gebietsabtretungen Österreich-Ungarns und erklärte am 23. Mai 1915 der Habsburgermonarchie den Krieg.

Mythos Gebirgskrieg: Die Tiroler Standschützen als erstes Aufgebot

Günther Kronenbitter (Mitte) mit den beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Dominik Neumer)

Günther Kronenbitter (Mitte) mit den beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Dominik Neumer)

Für die österreichische Armee kam dieser „Verrat“ Italiens zwar nicht ganz überraschend, dennoch standen damit plötzlich ab Mai 1915 an der neuen Südwestfront vom Ortler an der Schweizer Grenze im Westen bis zum Isonzo-Fluss (heute Soča im Grenzgebiet Slowenien-Italien) im Osten über 100.000 italienische Soldaten nur rund 30.000 österreichischen Soldaten gegenüber.

Der Alpenkrieg in den Gebirgslandschaften Kärntens, Südtirols und des Trentino sowie in den angrenzenden italienischen Voralpen bei Asiago und Bassano del Grappa stieß bei den Zeitgenossen sowie nach dem Krieg auf ungemein großes Interesse. Diese retrospektive mythische Charakterisierung des Gebirgskrieges hing auch damit zusammen, dass die Verteidigung Tirols in den ersten Wochen vor allem von den Standschützen getragen wurde, was sich in der Öffentlichkeit als Tiroler Selbstverteidigung in der Tradition des Landlibells von 1511 propagieren ließ, obgleich ihm de facto keine Relevanz mehr zukam. Denn die Tiroler Kaiserjäger wurden zu diesem Zeitpunkt mit großen Verlusten an der Ostfront eingesetzt. Tatsächlich war die Dolomitenfront jedoch eher ein Nebenschauplatz des Krieges zwischen Österreich-Ungarn und Italien.

Für die italienischen Truppen unter General Luigi Cardona war die relative kurze Front in den Julischen Alpen und im Karst vorteilhaft, auch wenn die Dolomiten eine besondere Herausforderung für beide Kriegsgegner darstellten. Trotz massiven Einsatzes von Soldaten und materiellen Ressourcen konnten in einem zermürbenden Stellungskrieg kaum Gebietsgewinne erzielt werden. Geschütze, Stacheldraht und gigantische Tunnelanlagen stellten ein schaurig-hochtechnisiertes Gesicht des Alpenkrieges dar.

Das Trauma der Isonzo-Schlachten: Giftgas-Einsatz bringt den entscheidenden Durchbruch

Auch wenn im allgemeinen Geschichtsbild, insbesondere in Tirol, die heroischen Kämpfe der Gebirgstruppen in den Dolomiten viel prägnanter in Erinnerung sind, so wurde nach Ansicht von Kronenbitter die entscheidende Wendung im Krieg gegen Italien am Isonzo im heutigen Grenzgebiet zu Slowenien eingeleitet. Doch dafür musste Österreich-Ungarn neuerlich die Hilfe des deutschen Bündnispartners beanspruchen. Denn im zermürbenden Stellungskrieg des Karstgebirges am Isonzo wurden in elf Schlachten jeweils nur geringe Erfolge erzielt, die beiden Seiten verhältnismäßig hohe Verluste an Menschenleben und materiellen Ressourcen brachten. Der Einsatz von Giftgas war an der Westfront zwischen Deutschland und Frankreich tägliche grausame Praxis. Mit deutscher Hilfe wurde gleich zu Beginn der Zwölften Isonzo-Schlacht im Oktober 1917 erstmals im Raum Flitsch-Karfreit (slow. Bovec und Kobarid/ital. Caporetto) Giftgas eingesetzt. Durch zwei kräftig vorgetragene Talstöße wollten die österreichischen Streitkräfte bis zum Tagliamento vordringen. Die italienischen Truppen wurden einerseits durch diese neue Taktik überrascht und die engen Täler unterstützten zudem die Wirkung der Gasgranaten. So kam es, dass viele italienische Soldaten durch das Giftgas starben oder überhastet den Rückzug einleiteten. Diese Panik nützte die österreichische Armee aus und stieß nun weit hinter die Front bis zum Piave vor. Der weitere Vormarsch der Österreicher wurde jedoch vereitelt, weil sich die ausgehungerten und erschöpften Soldaten mehr den Genüssen der italienischen Küche widmeten als an weitere Kampfhandlungen zu denken. So bildete der Piave ab Mitte November 1917 die neue Frontlinie.

Die „Schmach von Caporetto“

Für die italienische Armee wurde Caporetto aufgrund der massiven Verluste ein nachhaltiges Trauma, General Cadorna wurde durch Armando Diaz ersetzt. Österreich-Ungarn hatte allein nicht mehr genügend Kraft und Reserven und war nunmehr Besatzer in fremdem Territorium, was umgekehrt die Italiener in die Lage versetzte, bei der Verteidigung der Heimat den Willen zum Sieg zu mobilisieren. In dieser letzten Phase des Krieges spielte von italienischer Seite auch eine massive Propaganda eine wichtige Rolle, denn nur mehr rund 30 Prozent der österreichisch-ungarischen Soldaten waren deutschsprachiger Herkunft, die anderen gehörten den anderen Nationalitäten an. Im Juni 1918 unternahm die österreichische Armee eine letzte Offensive, die mit großen Verlusten scheiterte. Den Jahrestag von Caporetto nutze die italienische Armee zu einem neuerlichen Vorstoß und konnte die ausgelaugten österreichischen Truppen in der Schlacht von Vittorio Veneto schlagen. Am 3. November mussten diese in der Villa Giusti bei Padua einen Waffenstillstandsvertrag unterzeichnen.

Dies geschah u.a. angesichts weitreichender italienischer Gebietsgewinne im Trentino sowie dem bereits einsetzenden staatlichen Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie. Unterschiedliche Angaben über den Zeitpunkt des Inkrafttretens des Waffenstillstandes am 3. bzw. 4. November 1918 führten für Tausende österreichische Soldaten zu einer unerwarteten und traumatisierenden Gefangennahme durch Italien.

Zur Person:

Prof. Dr. Günther Kronenbitter ist Historiker an der Universität Augsburg und hat seit 2012 vertretungsweise den Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde ebendort inne. Nach der Promotion 1992 mit einer Arbeit zur Politischen Ideengeschichte um 1800 über Friedrich von Gentz wandte er sich der Geschichte der Habsburgermonarchie im frühen 20. Jahrhundert zu und habilitierte sich 2001 im Fach Neuere und Neueste Geschichte.

Neben seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an der Universität Augsburg unterrichtete er an den Universitäten Salzburg, Wien und Bern sowie der Diplomatischen Akademie in Wien. Von 2006 bis 2009 lehrte er im Rahmen des DAAD (Deutscher Akademischer Austausch Dienst) als Professor of History an der Emory University in Atlanta/Georgia.

Seine Forschungsschwerpunkte bilden die politische Kultur- und Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts, die Habsburgermonarchie seit dem späten 18. Jahrhundert, die internationale Geschichte seit der Französischen Revolution und die historische Anthropologie politischen Handelns im 19. und 20. Jahrhundert.

Auch der zweite Vortrag der Reihe war gut besucht. (Foto: Dominik Neumer)

Auch der zweite Vortrag der Reihe war gut besucht. (Foto: Dominik Neumer)

 (Michael Berti/Thomas Mösl/Andreas Stricker/Redaktionsteam Ringvorlesung)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/U1btBMOMHZM)