Öffentliche Ringvorlesung „Der Erste Weltkrieg“ geht in zweite Runde

Mit dem Vortrag „Nationale Identität und politische Mobilisierung im Trentino und im Küstenland vor 1914“ von Laurence Cole (Universität Salzburg) begann der zweite Teil der öffentlichen Vortragsreihe zum Thema „Der Erste Weltkrieg in internationaler und regionaler Perspektive. Der italienische Kriegseintritt und seine Folgen“.
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Bild: Prof. Laurence Cole bei seinem Vortrag. (Foto: Universität Innsbruck)

Nach dem Erfolg der letztjährigen Ringvorlesung zum Thema „Der Erste Weltkrieg in internationaler Perspektive. Österreich-Ungarn im Spannungsfeld von Entente und Mittelmächten“ fand am 25. März 2015 im Hörsaal 2 des GEIWI-Turms der Auftakt zur Fortsetzung der öffentlichen Vortragsreihe statt. Den diesjährigen Startschuss setzte Laurence Cole, der neben den beiden Organisatoren vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck, Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian, zahlreiche Zuhörer zum Vortrag begrüßen durfte.

In seinem Vortrag erläuterte der renommierte britische Historiker die Entwicklung der italienischsprachigen Bevölkerung der Habsburgermonarchie im Trentino und im Küstenland vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Mit der berühmten Phrase „Ein Treuebruch, dessen gleichen die Geschichte nicht kennt, ist von dem Königreiche Italien an seinen beiden Verbündeten begangen worden“, im zweiten Manifest Franz Josephs „An meine Völker“ vom 23. Mai 1915, bediente sich der österreichische Kaiser eines Vorurteils, das sich in den Jahrzehnten zuvor in der deutschsprachigen Bevölkerung Österreich-Ungarns verfestigt hatte. Zu Beginn seiner Ausführungen ging Prof. Cole zunächst auf den Begriff „Treue“ und den damit verbundenen Kontrast „heimtückische Italiener“ versus „treueste Deutsche“ ein. Solche von Stereotypen geprägte Wahrnehmungen beeinflussten die Geschichtsschreibung nach 1918 und lösten sich erst langsam seit den 1980er Jahren auf. Viele Aspekte der tradierten Sichtweisen wurden dabei in Frage gestellt und auch heute besteht noch ein großer Forschungsbedarf in diesem Bereich.

Das agrarwirtschaftlich geprägte Trentino versus das Küstenland und Triest

Laurence Cole (Mitte) mit den beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian.

Laurence Cole (Mitte) mit den beiden OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Universität Innsbruck)

 

Der Vortrag gliederte sich in zwei große Teilbereiche: Auf der einen Seite das vorwiegend agrarwirtschaftlich geprägte Trentino (Italienisch-Tirol) und auf der anderen Seite das Küstenland mit der Hafenmetropole Triest. Dabei konzentrierte sich Cole auf die Prozesse der politischen Mobilisierung und der nationalen Identitätsbildung.

Dabei spielte die national-liberale Bewegung des städtischen Bürgertums, die durch das Aufkommen neuer Massenparteien unter Druck geriet, eine wichtige Rolle. Im Trentino war es vor allem der politische Katholizismus, der die bisher formulierten Vorstellungen der nationalen Identität in Frage stellte, während diese Rolle im Küstenland die Sozialdemokratie übernahm. Neben all diesen Entwicklungen versuchte der österreichisch-ungarische Staat durch die Förderung dynastisch-patriotischer Aktivitäten seine Interessen zu stärken.

Die Identitätsbildung im Trentino setzte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung ein. Während der Revolutionen von 1848/49 erfolgte zudem eine gesellschaftliche und nationale Differenzierung zwischen der italienischsprachigen und der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols. In Teilen des Trentinos wurde die Autonomie oder zumindest eine neue Sitzverteilung im Landtag gefordert. Während der deutschsprachige politische Katholizismus in den 1860er Jahren ein konservativ-patriotisches Programm rund um Andreas Hofer und einen Herz-Jesu-Kult förderte, verlangten die italienisch-sprachigen Nationalliberalen die wirtschaftliche Ausweitung in der Region und die Verteidigung der italienischen Natur des Trentinos.

Triest, so schilderte Cole, kann als Gegenpart zum Trentino angesehen werden. Bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert galt es als multikulturelle Großstadt, die die Verbindung zur Habsburgermonarchie als lebensnotwendig erachtete. Dennoch gab es nach der Gründung des Königreichs Italien in den 1860er Jahren Unstimmigkeiten innerhalb der ansässigen Bevölkerung. Eine verstärkt auftauchende Migration aus den slawischen Ländern in das Küstenland führte zu Neid der italienischen Bevölkerung. Die Nationalliberale Partei forderte daraufhin die Verteidigung der italienischen Kultur. Die Mehrheit der Nationalliberalen suchte jedoch keine Konfrontation mit der Habsburgermonarchie, sondern nur mit den Slowenen. Verschärft wurde die Situation ab dem Jahr 1891, als Triest zum Industriezentrum aufstieg und es daher zu einer neuerlichen Welle der Migration kam. Die bereits im Jahr 1869 gegründete sozialdemokratische Bewegung, welche sich als multinationale Arbeiterbewegung verstand und für die Gleichstellung der Nationaltäten eintrat, übte Kritik an den Nationalliberalen, die zwar aufgrund wirtschaftlicher Gründe weiterhin ein Teil Österreich-Ungarns sein wollten, jedoch gegen eine multinationale Gesellschaft in Triest eintraten.

Fazit

Obwohl sich die beiden italienischsprachigen Regionen Österreich-Ungarns unterschiedlich entwickelten, konnte Cole ein ähnliches Fazit ziehen: In beiden Gebieten wurde versucht, die sozialen Forderungen mit der nationalen Gleichberechtigung in Einklang zu bringen. Im Trentino stellte vor allem die katholische Kirche die treibende Kraft dar, während in Triest hauptsächlich die Sozialdemokraten Druck ausübten. Zusammenfassend lässt sich noch sagen, dass es im Trentino zwar zu keiner Lösung der Nationalitätenfrage kam, sich die Dynamik nach 1900 allerdings veränderte. Die Trentiner hatten sich national-kulturell erfolgreich von der Vorstellung gelöst, ein Teil Tirols zu sein. In Triest stand ein Prozess der Neuverteilung der Machtverhältnisse zwischen Italienern und Slowenen bevor, welcher durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen wurde. Mit dieser Zusammenfassung beendete Cole seinen Vortrag und stellte sich abschließend noch den zahlreichen Fragen des Publikums und rundete somit den gelungenen Abend ab.

Für weitere Informationen zum Thema empfehlen sich die Werke „»Für Gott, Kaiser und Vaterland«. Nationale Identität der deutschsprachigen Bevölkerung Tirols 1860-1914, Frankfurt a.M. 2000“ erschienen im Campus Verlag und „Military Culture and Popular Patriotism in late Imperial Austria, Oxford 2014“ erschienen in der Oxford University Press von Dr. Laurence Cole.

Der Vortrag von Laurence Cole war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

Der Vortrag von Laurence Cole war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

 

(Dominik Neumer, Tamara Bocksleitner)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/Njx-HSUpLMM)