Lyrik transkulturell: Literaturwissenschaftler/innen stellen sich einem vieldiskutierten Begriff

Von 21. bis 24. Jänner 2015 fand an der Universität Innsbruck die internationale Tagung „Lyrik transkulturell“ statt, zu der Vortragende aus 8 europäischen Ländern angereist waren, um gemeinsam mit Literaturwissenschaftler/innen der Universität Innsbruck das Phänomen der Transkulturalität in Zusammenhang mit der Gattung Lyrik zu diskutieren.
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Bild: Poesieabend im Literaturhaus am Inn am 22.01.2015; von links nach rechts: Uljana Wolf, Ann Cotten, Marica Bodrožič, Federico Italiano, Sieglinde Klettenhammer

Im Zentrum der Tagung „Lyrik transkulturell“, die vom Forschungszentrum „Kulturen in Kontakt“ (KiK), ausgerichtet wurde, stand die Erforschung von Prozessen des kulturellen Transfers in der Lyrik. Konzipiert und organisiert wurde die Tagung von Eva Binder, Theresa Frank, Federico Italiano, Sieglinde Klettenhammer und Birgit Mertz-Baumgartner, die im Rahmen des Forschungszentrums seit Jahren einen intensiven Dialog über die Einzeldiszipli­nen der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät hinaus führen. Ein besonderer Höhepunkt der Tagung war ein Poesieabend im Literaturhaus am Inn mit den Lyrikerinnen Marica Bodrožić, Ann Cotten und Uljana Wolf.

Ausgehend von Wolfgang Welschs Begriff der Transkulturalität beabsichtigten die Organisator/innen mit dieser Tagung, einem Forschungsdefizit zu begegnen, denn selbst von einer inter- und transkulturell orientierten Literaturwissenschaft wurde dem Bereich der Lyrik bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt – weit weniger als dem Roman, dem Drama oder nicht-fiktionalen Prosaformen. Dabei zeigen Poesiefestivals, öffentliche Lyrik-Lesungen von Autorinnen und Autoren, Lyrik-Wettbewerbe und urbane Lyrikszenen, dass die Gattung Lyrik auch in einer vornehmlich visuell-orientierten Welt als literarisches Medium keineswegs an Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil: Kürze, Rhythmizität, Intensität und Komplexität der Sprache, vielleicht aber auch die gattungskonstitutive Bereitschaft, „offen“ zu sein und zu bleiben, also transkulturell in einem universalen Sinn zu sein, scheinen gerade die Lyrik zu einem passenden ästhetischen Ausdruckmittel in einer globalisierten Welt zu machen.

Im Mittelpunkt der insgesamt 25 Vorträge standen lyrische Texte von Autorinnen und Autoren, die – ausgehend von einer eigenen Migrationserfahrung oder einer mehrkulturellen und mehrsprachigen Lebensrealität – den Kulturkontakt, die Begegnung und kulturelle Übersetzung, aber auch die Konfrontation des Eigenen mit dem Fremden thematisieren und ästhetisch gestalten. Aus der Perspektive der Disziplinen Anglistik, Germanistik, Romanistik, Slawistik und der Vergleichenden Literaturwissen­schaft sowie mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung behandelten die Vortragenden das lyrische Schreiben von Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, wie César Vallejo, William Navarrete, Cecilia Vicuña, José F. A. Oliver, Tabish Khair, Derek Walcott, Edward Kamau Brathwaite, Ol’ga Martynova, Vasyl’ Stus, Edward Stachura, Paul Celan, Yoko Tawada, Zafer Şenocak, Gerhard Kofler, Peter Waterhouse, Mariella Mehr, Andri Peer, Uljana Wolf und Ann Cotten.

Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen standen mögliche Charakteristika transkultureller Schreibweisen, von Mehrsprachigkeit, Formen-Transfer und Intertextualität bis hin zur einer Tendenz „rhizomatischer“ Schreibweisen. Die Auseinandersetzung mit den lyrischen Texten richtete den Blick immer wieder auf Orte des Exils und der Migration (Paris als Ziel lateinamerikanischer Autor/innen, New York als Kristallisationspunkt der russisch-jüdischen Emigration), mehrkulturelle und mehrsprachige Räume (Weißrussland, die Schweiz, Südtirol) und so genannte „kleine Literaturen“ (die bündnerromanische und jenische Lyrik). Die Herausarbeitung einer Verflechtungsgeschichte von Peripherie und Zentrum sowie die unterschiedlichen Überlagerungen und Durchdringungen von Sprachen und Literaturen kristallisierten sich dabei als mögliche Felder einer literaturwissenschaftlichen Transkulturalitäts­forschung heraus. Zentrale Aspekte der Tagung waren darüber hinaus Formen von Translingualität, wie sie etwa im Spiel mit Sprachklängen, in Übersetzungen und Übersetzungs-Spielen zum Ausdruck kommt, aber auch Fragen des weit in die Geschichte der Lyrik zurückreichenden Transfers von lyrischen Formen, wie etwa des Sonetts, des Haikus oder des Ghasels. Mehrsprachigkeit und Selbstübersetzung, Konzepte der Sprachsimulta­neität, translinguale Neologismenbildung und translinguale Paronomasien, „Sprachlatenz“ und „Sprachecho“ (etwa durch in den monolingualen Text „durchscheinende“ andere Sprachen) oder aber auch die ausgeprägte Raummetaphorik in transkulturellen Texten bildeten weitere zentrale Themen und Fragenkomplexe.

Ein verbindendes Moment aller Vorträge war der Versuch, den Begriff des Transkulturellen auszuloten, zu präzisieren, einzugrenzen, gleichzeitig aber auch zu erweitern. Gerade die immer wieder unternommenen Abgrenzungen von verwandten Begriffen, wie jenen der Multi-, Inter- und Hyperkulturalität‚ erwies sich dabei als besonders erhellend und produktiv. So wurde an den theoretischen Diskussionen wie auch an zahlreichen Beispielen deutlich, dass Transkulturalität stets auch ein Anschreiben gegen Begriffe und Konzepte von „Einheit“, „Einsprachigkeit“, „Homogenität“ oder „Assimilation“ sowie gegen starre, auf binären Oppositionen basierende Identitätskonzepte bedeutet. „Wider das monokulturelle Paradigma“, wie eine der Tagungssektionen überschrieben wurde, kann daher durchaus programmatisch verstanden werden: für transkulturelle Schreibweisen in der Lyrik und anderen literarischen Gattungen, als ethischer Aspekt in der Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem immer auch die Gefahr der Vereinnahmung, Assimilierung oder Auslöschung droht, aber auch als Aufforderung an die wissenschaftlichen Einzeldisziplinen, die engen Fachgrenzen zu überschreiten und eine Vernetzung anzustreben. Der Begriff der Transkulturalität und transkulturelle Phänomene in der Lyrik bilden dafür eine produktive Grundlage, wie die Tagung mehr als deutlich gezeigt hat.

(Eva Binder, Theresa Frank, Birgit Mertz-Baumgartner)