Wahrheit in der Politik?!

Die international renommierte Philosophin Ágnes Heller hielt Anfang Dezember einen fulminanten Abendvortrag im Rahmen des 7. DoktorandInnen-Symposiums der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie.
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Bild: Ágnes Heller diskutiert ihre Überlegungen vor versammeltem Publikum. (Foto: Andreas Oberprantacher)

Was hat der Begriff der „Wahrheit“ mit Politik zu tun? Mit dieser prinzipiellen Frage, welche bereits von Max Weber oder von Hannah Arendt intensiv diskutiert wurde und wiederholte Male Anlass zu Kontroversen bot, hat sich Ágnes Heller in einem erhellenden Vortrag vor einem zahlreichen wie interessierten Innsbrucker Publikum befasst. Während Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch von einer eigenständigen politischen Sphäre sprach und Arendt wiederum zum Schluss kam, dass Wahrheit und Politik so gut wie unvereinbar seien, sprach sich Heller dafür aus, dieses diffizile Verhältnis anders zu erörtern.

Das Bewusstsein menschlicher Fallibilität

Im Kontext aktueller Entwicklungen machte Heller in ihren Ausführungen darauf aufmerksam, dass es zwar einige gravierende Differenzen gebe zwischen dem Begriff der „Wahrheit“, so wie er etwa in den geoffenbarten Religionen, in der Philosophie oder in der Wissenschaft gebraucht werde, und dem politischen Diskurs in einer pluralistisch verfassten Gesellschaft. Dennoch sei der Begriff der „Wahrheit“ von konstitutiver Bedeutung für das Verständnis politischer Auseinandersetzungen. Er könne nicht einfach vermieden oder gar vergessen werden, so Heller.
In Erinnerung an diverse Geschichten zwischenmenschlicher Gewalt, welche gerade im 20. Jahrhundert katastrophale Spuren hinterließen, plädierte Heller dafür, das „Bewusstsein unserer Fallibilität“ als wichtigste politische Tugend denken zu lernen und infolgedessen einen anderen Wahrheitsanspruch in der Politik zu pflegen. Entgegen einem ideologischen Gebrauch von „Wahrheit“, der sich an der Idee einer unwiderlegbaren Offenbarung orientiere und im Grunde keine Alternativen zulasse, komme es darauf an, wie Heller anhand einiger Beispiele veranschaulichte, ein moderates Fürwahrhalten in der Politik zu praktizieren.

7. DoktorandInnen-Symposium der ÖGP

Der Abendvortrag von Heller, der vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen und lebhaft diskutiert wurde, fand im Rahmen des 7. DoktorandInnen-Symposiums der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie (ÖGP) statt. Auch heuer beteiligten sich etliche DoktorandInnen aus diversen europäischen Ländern mit eigenständigen Vorträgen an diesem wichtigen Format für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Angefangen vom Verhältnis von Form und Formalismus in Kants Philosophie (Anna-Maria C. Bartsch) über die Situation der Frau in Simone de Beauvoirs Leben und Werk (Esther Redolfi) oder Werturteilen in der Wissenschaft (Christian J. Feldbacher) bis zur empirischen Erschließung von Philosophie-Unterricht an Schulen im Anschluss an Adorno (Helge Kminek) wurden an den zwei Tagen des DoktorandInnen-Symposiums eine beachtliche Bandbreite von philosophischen Themen auf hohem fachlichen Niveau diskutiert.
Ágnes Heller, welche die Universität Innsbruck auf Einladung der ÖGP in Kooperation mit beiden Instituten für Philosophie und dem Ernst-von-Glasersfeld-Archiv beehrte, begeisterte die DoktorandInnen nicht zuletzt mit ihrer offenherzigen Art, auf Menschen zuzugehen und sich Diskussionen zu stellen, von der sie sich auch im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens persönlich überzeugen konnten.

(Andreas Oberprantacher)