Erinnerung an die Anfänge der Cultural Studies

Das Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) an der Universität Birmingham gilt als Ausgangspunkt für die internationale Entwicklung der Cultural Studies. Im Jahr 2014 jährt sich seine Gründung zum 50. Mal. Dieses Jubiläum nahm der Ethnologe Dr. Jochen Bonz zum Anlass, um im Rahmen eines Workshops zwei zentrale Werke der britischen Cultural Studies zu reflektieren.
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Bild: Johannes Springer, Jochen Bonz und Moritz Ege (v.l.) blickten Ende November im Rahmen eines Workshops auf die Anfänge der Cultural Studies.

Das Forschungszentrum „Centre for Contemporary Cultural Studies“ war zwischen 1964 und 2002 an der Universität Birmingham angesiedelt. Die dort geleistete wissenschaftliche Arbeit im Bereich der sozialwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft, der ethnografischen Subkulturforschung sowie der Medienkulturforschung gilt bis heute als bahnbrechende Leistung im Bereich dieser wissenschaftlichen Disziplinen. „Die wissenschaftliche Herangehensweise und die Ergebnisse der vielfältigen Untersuchungen wirken bis heute nach und beeinflussen die gegenwärtige kulturwissenschaftliche Diskussion maßgeblich mit“, verdeutlicht Dr. Jochen Bonz vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie. „Am CCCS wurde der Ansatz der Ethnologie, Kultur als Alltagskultur und Lebensweise aufzufassen, auf Phänomene der modernen westlichen Gesellschaften übertragen und darüber hinaus als Antwort auf gesellschaftliche Problematiken im Sinne einer Lösung und Verarbeitung dieser Problematiken verstanden“, sagt Bonz, auf dessen Initiative die zweitägige Veranstaltung am 19. und 20. November 2014 organisiert wurde.

Vorbildfunktion

Im Mittelpunkt des Workshops standen zwei kanonische Werke, die bis heute als „Klassiker“ der Cultural Studies gelten: Die Ethnographie der britischen Arbeiterklasse „The Uses of Literacy“ von Richard Hoggarts sowie der Sammelband „Resistance through Rituals“, der von Stuart Hall mit herausgegeben wurde. „Beide Wissenschaftler haben das CCCS geleitet und beide sind in diesem Jahr verstorben. Ihre Arbeiten bringen die Qualität der Birminghamer Studien besonders deutlich zum Ausdruck. Ihre Vorbildwirkung für heutige Forschungsvorhaben im Bereich der Jugend-, Sub- und Popkultur, der Migrations- und Medienforschung wird hier greifbar“, erklärt Bonz. Die Beschäftigung mit den Arbeiten von Hoggart und Hall fand gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern sowie zwei geladenen Wissenschaftlern statt, die die Diskussion der Texte durch Vorträge umrahmten. Dr. Moritz Ege vom Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der LMU München beschäftige sich in seinem Vortrag unter dem Leitsatz „What some young people are making of what is being made of them“ mit der jugendkulturellen Stilisierung des „Prolligen“. Diese Berliner Fallstudie wurde 2013 bereits in einem Buch veröffentlicht. Als zweiter Vortragender beschäftigte sich Dipl. Politologe Johannes Springer vom Institut für Musik an der Hochschule Osnabrück mit dem heutigen nostalgischen Verhältnisses vieler KulturwissenschaftlerInnen gegenüber den Leistungen des CCCS. Diese sah er geknüpft an die gesellschaftskritische Ausrichtung des Centre sowie an die dort praktizierte Teamarbeit und er betonte die utopische Kraft der Nostalgie.

Am Vorabend des Tages im Zeichen des „CCCS“ fand zur Einstimmung in die Thematik der Subkulturforschung eine Lesung durch Jürgen Teipel statt. Der Schriftsteller setzt sich in seinen Werken mit Subkulturen wie Punk und Techno literarisch aus einer Perspektive auseinander, die ebenfalls ethnografische Einblicke in diese popkulturellen Welten eröffnet. In seiner Lesung gab Jürgen Teipel einen Einblick in seine beiden Werke, deren Geschichten im Bereich der elektronischen Musik angesiedelt sind: „Mehr als laut – DJs erzählen“ (2013) und „Ich weiss nicht“ (2010).