Das Mittelmeer und die Piraterie

Von 13. bis 14. November widmeten sich sechs internationale Forscher in der Claudiana im Rahmen der Konferenz “Perspectives on Northern Africa in the Early Modern Period” dem Thema Piraterie, Diplomatie und Sklaverei in Nordafrika. Vor allem die Berichte ehemaliger Gefangener standen dabei im Fokus der Analyse.
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Bild: Joachim Östlund, Khalid Bekkaoui, Magnus Ressel, Organisatoren Mario Klarer und Tobias Auböck, Gillian Weiss, Organisator Robert Spindler (von links).

Die im Rahmen des vom FWF finanzierten Projekts ESCAPE (“European Slaves: Christians in African Pirate Encounters”) geladenen Sprecher reisten dafür aus fünf verschiedenen Ländern an: Österreich und Deutschland, aber auch Schweden, Marokko und die Vereinigten Staaten waren vertreten. Das gemeinsame Ziel der Sprecher war es, die große Anzahl an frühneuzeitlichen Sichtweisen zu erforschen, die sich von außen und innen mit Nordafrika beschäftigten. In der frühen Neuzeit stand das Mittelmeer sowohl für große handelsbedingte ökonomische Möglichkeiten, aber auch für nicht zu unterschätzende Gefahren, die von europäischen und afrikanischen Piraten bzw. Freibeutern ausgingen. Von allen Seiten wurden die Schiffe des Gegners attackiert und deren Besatzung gefangen genommen. Während die Forschung jedoch über einen unglücklichen Mangel an narrativen Quellen klagt, die muslimische Gefangenschaft in Europa beschreiben, gibt es eine Vielzahl von Texten, die von ehemaligen christlichen Gefangenen verfasst wurden und von deren Zeit in Tripolis, Algier, Tunis (den sogenannten Barbareskenstaaten) oder Marokko berichten. Traditionellerweise werden diese Texte bis heute vorwiegend als historische Quellen herangezogen. Während jedoch manche dieser Berichte in der Tat eine reichhaltige und vielschichtige Analyse des nordafrikanischen Lebens bieten, erfordert das Arbeiten mit ihnen trotzdem eine sehr sorgfältige Überprüfung in Bezug auf Vorurteile, Stereotypen, Plagiate und in manchen Fällen regelrechte Fiktionalisierung. All diese Punkte erschweren den Umgang mit diesen Texten als historische Quellen.

Es wird jedoch schnell ersichtlich, dass die Gefangenenberichte einen großen Einfluss auf die Verbreitung von Ideen und Vorstellungen über Nordafrika und den Islam in Europa hatten. Immerhin stellten diese Texte für einen Großteil der Menschen im frühneuzeitlichen Europa die erste und oft auch einzige Quelle für Informationen über diesen Erdteil dar. Das Hauptziel der zweitägigen Konferenz war es, zu untersuchen, welche Ansichten so erzeugt und wie sie verbreitet wurden. Dazu wurden entweder die Berichte selbst oder der soziopolitische Kontext ihrer Entstehung analysiert.

Von Franklin zu Droste-Hülshoff

Sowohl Elisabeth Watzka-Pauli aus Graz als auch die Amerikanerin Gillian Weiss warfen dazu einen detaillierten Blick auf den Faktor Religion. Watzka-Pauli zeigte auf, wie die österreichische Provinz des Trinitarierordens den Gefangenenfreikauf betrieb und ihn anschließend in der Heimat publikumswirksam in Szene setzte, um Geld für zukünftige Freikäufe zu lukrieren. Gillian Weiss analysierte einen bis dato unpublizierten Gefangenenbericht eines französischen Hugenotten, um aufzuzeigen, wie der Freikauf durch die Konfession der Gefangenen beeinflusst wurde. Auch Carsten Junker aus Bremen und Khalid Bekkaoui aus Fez, Marokko, näherten sich einem Thema aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Beide Vorträge behandelten die Beziehungen der Vereinigten Staaten von Amerika mit den Staaten Nordafrikas. Junker legte dabei seinen Fokus auf Benjamin Franklin und den Sklavereidiskurs, während Bekkaoui sich auf die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Sultanat in Marokko und Washington konzentrierte. Joachim Östlund von der Lund Universität in Schweden sowie Magnus Ressel von der Universität Frankfurt rundeten die Konferenz mit zwei Ausflügen in die Welt der Literatur ab. Östlund untersuchte in seinem Vortrag die Verbindung zwischen schwedischen Gefangenenberichten und frühen pikaresken Romanen. Ressel schließlich widmete sich der wenig bekannten Hintergrundgeschichte von Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche: einem Mordfall mit anschließender Flucht des Mörders nach Nordafrika, auf dem Droste-Hülshoffs Novelle beruht.

Ein Blick in die Zukunft

Selbstverständlich wurde damit noch lange nicht alles zum Thema gesagt. Ganz im Gegenteil – durch die Zuhörerschaft und anwesende Präsentatoren wurden eine Vielzahl von weiteren Fragen aufgeworfen, welche die Mitarbeiter des ESCAPE-Projekts in den kommenden beiden Jahren beschäftigen werden, bevor dann im Juni 2016 zur nächsten großen Konferenz geladen wird. Besonders ein Perspektivenwechsel und eine Analyse der Quellen aus europäischer Gefangenschaft versprechen innovative und wegweisende Forschungsergebnisse.

(Tobias Auböck)