Dem Homo oeconomicus ins Hirn geschaut

Am Donnerstag vergangener Woche hielt der US-amerikanische Ökonom Colin Camerer die 32. Böhm-Bawerk-Vorlesung an der Universität Innsbruck. Er berichtete vor voll besetztem Haus von neurowissenschaftlich unterstützten Experimenten zur Bildung von Preisblasen auf Aktienmärkten.
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Bild: Ökonom Colin Camerer

Der Kaiser-Leopold-Saal an der theologischen Fakultät war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Colin Camerer vom California Institute of Technology das Podium betrat. Begrüßt und vorgestellt wurde er zuvor durch Rektor Tilmann Märk, Dekan Matthias Bank und Gastgeber Michael Kirchler. Um die herausragende Stellung des Gastes in den Wirtschaftswissenschaften zu untermauern, zog letzterer einen Vergleich mit dem Fußball: „Er ist wie ein Fußballer, der zweimal Weltmeister wurde, dreimal die Champions League gewonnen hat und jedes Jahr zum Weltfußballer gewählt wird“, so Kirchler. Schon als junger Mann sorgte Camerer für Furore, mit 17 schloss er das Bachelorstudium ab, mit 19 das Masterstudium und mit 21 das Doktorat. Mit 23 gründete er ein Musiklabel, das sehr erfolgreich Musiker in den Hitparaden positionierten. Für ihn war es ein ökonomisches Experiment. Inzwischen ist er Professor für Wirtschaftswissenschaften am California Institute of Technology.
In seinem Vortrag gab Camerer einen Einblick in seine neurowissenschaftlichen Experimente zu komplexem ökonomischen Verhalten. Dabei zeigt sich, dass sich zwischen unterschiedlichen Handelsstrategien in experimentellen Aktienmärkten und den Aktivitäten in bestimmten Hirnregionen Korrelationen nachweisen lassen. Noch sind die Ergebnisse sehr wage, doch geht Camerer davon aus, dass in Zukunft zum Beispiel Unternehmen bei der Auswahl von Händlern auf seine Methoden zurückgreifen könnten. Langfristiges Ziel sei auch die Vorhersage von Marktverläufen, wie etwa das Platzen von Preisblasen.

Jährlicher Höhepunkt

Die Böhm-Bawerk-Vorlesung ist ein jährlicher Höhepunkt an den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Uni Innsbruck. Die lange Liste der bisherigen Referenten liest sich wie das „Who is who“ der Wirtschaftswissenschaften. Die Vorlesungsreihe wurde 1980 von Prof. Christian Smekal, dem damaligen Dekan der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und heutigen Vorsitzenden des Universitätsrats, ins Leben gerufen.

Reformer und Wegbereiter

Eugen von Böhm-Bawerk wurde 1851 in Brünn geboren, studierte zwischen 1868 und 1872 Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und trat 1872 in den niederösterreichischen Finanzdienst ein. 1875 promovierte er in Wien zum Doktor der Rechte und habilitierte 1880 in Politischer Ökonomie. Nach seiner Habilitation wurde er an die Universität Innsbruck berufen, wo er bis 1889 lehrte. 1889 trat Böhm-Bawerk ins Finanzministerium ein und führte die große Reform der Personal- und Erwerbssteuern durch. In den Jahren 1895, 1897 und 1900 wurde er zum Finanzminister ernannt. Anschließend übernahm er eine Professur an der Universität Wien und gehörte der Akademie der Wissenschaften an, deren Präsident er 1911 wurde. Böhm-Bawerk starb 1914 unerwartet während eines Ferienaufenthaltes in Tirol.
Seine wichtigsten wissenschaftlichen Werke, die kapitaltheoretischen Untersuchungen, veröffentlichte Böhm-Bawerk während seiner Innsbrucker Jahre. Sie machten ihn innerhalb kürzester Zeit als Nationalökonomen weit über die Monarchie hinaus berühmt. Darin entwickelte er erstmals eine intertemporale Werttheorie, auf deren Grundlage er wesentliche Beiträge zur modernen Kapital- und Zinstheorie schuf. Die darauf aufbauende Verteilungstheorie machte ihn auch zu einem der bedeutendsten Kritiker der Marx’schen Verteilungslehre. Böhm-Bawerk gilt heute als Wegbereiter der modernen Wirtschaftstheorie und Mitbegründer der so genannten Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

(Christian Flatz)