Zwischen Elfenbeinturm und Gummistiefel

Bereits zum vierten Mal fand im Oktober die Aqua Urbanica, eine deutschsprachige Konferenz zum Thema Misch- und Niederschlagswasserbehandlung im urbanen Raum statt. Mehr als 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und neun Fachaussteller diskutierten über zwei Tage an der Fakultät für Technische Wissenschaften aktuelle und zukünftige Herausforderungen für die Siedlungsentwässerung.
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Bild: Podiumsdiskussion zum Thema Herausforderungen für die Siedlungswasserwirtschaft

Besser hätte die Kulisse zu Beginn der Veranstaltung nicht sein können. Die österreichische  Unwetterzentrale verkündet die höchste Sturm-Warnstufe. 100 bis 200 mm Niederschlag innerhalb von 4 Tagen (mehr als üblicherweise im ganzen Oktober) erinnern die Teilnehmerinnern und Teilnehmer bereits während der Anreise, dass der Umgang mit Niederschlagswasser keineswegs eine rein akademische Angelegenheit ist. Die Tagungsreihe „Aqua Urbanica“ wurde im Jahre 2011 von den siedlungswasserwirtschaftlichen Instituten der Universität Innsbruck, der TU Graz, der ETH/Eawag Zürich, der TU Kaiserslautern sowie der Universität Stuttgart gemeinsam mit den jeweiligen nationalen Verbänden, dem Österreichischen Wasser- und Abfallwirtschaftsverband (ÖWAV), dem Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzleute (VSA) sowie der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) ins Leben gerufen. Seither findet sie abwechselnd in den D-A-CH Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz statt, mit dem Ziel einerseits die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis zu fördern und andererseits den Austausch innerhalb des deutschsprachigen Raums zu unterstützen. Im Jahr 2014 war der Arbeitsbereich Umwelttechnik der Universität Innsbruck Veranstalter und Gastgeber.

Zwischen Elfenbeinturm und Gummistiefel

22 Vortragende von Universitäten und Forschungseinrichtungen, aus der Ingenieurpraxis, von Betreibern von Entwässerungsnetzen sowie aus der öffentlichen Verwaltung präsentierten ihre Arbeiten dem ebenso breit gefächerten Publikum. Dass es das Ziel sein müsse die Kooperation zwischen Forschung und Anwendung zu fördern, erklärte Prof. Wolfgang Rauch von der Universität Innsbruck in seinem Einführungsvortrag „Siedlungswasserwirtschaft zwischen Elfenbeinturm und Gummistiefel“ und warnte davor, dass Wissenstransfer in die Praxis in den Universitätsrankings nur unzureichend honoriert wird. Umso erfreulicher ist es, dass die weiteren Vortragenden zeigten, zu welchen Ergebnissen Kooperationen aus Wissenschaft und Praxis geführt haben. Dazu gehören verbesserte Berechnungsmethoden und Frühwarnsysteme zur Einschätzung des Überflutungsrisikos bei Starkregenereignissen, neue Datenerfassungsmethoden zur Detektion von Mischwasserentlastungen oder Methoden zur Fernerkundung, beispielsweise durch autonome Mini-Drohnen.

Alte und neue Herausforderungen

Einen besonderen Stellenwert nahmen anstehende Herausforderungen für die Siedlungswasserwirtschaft ein. Dies sind alternde, sanierungsbedürftige Infrastruktursysteme, Änderungen in den Niederschlagsereignissen durch Klimawandel, wachsende und schrumpfende Städte aber auch (Mikro)schadstoffe in den Regen- und Abwasserströmen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion, welche diese Herausforderungen thematisierte, waren sich schnell einig, dass hier technische Lösungen alleine nicht ausreichend sind, sondern auch die finanziellen, organisatorischen und rechtlichen Randbedingungen für zukunftsfähige Wasserinfrastrukturen geschaffen werden müssen.

Dezentrale Lösungen unter zentraler Verwaltung

Dezentrale Behandlungs- und Aufbereitungsmaßnahmen von Regen- und Abwasser wie beispielsweise Niederschlagswasserbeseitigung direkt am Grundstück, wurden als flexible Lösungen zur Anpassung an sich ändernde Einflüsse präsentiert. Derartige Anlagen erfordern allerdings trotzdem eine gewissenhafte Wartung und Betrieb durch geschultes Personal, wie es am besten eine zentrale Organisation bereitstellen kann. In der Dezentralisierung ist es daher wichtig zwischen technischem Verfahren, Finanzierung und Betrieb zu unterscheiden. Mehrere Aussteller stellten auch ihre Produkte zur Misch- und Niederschlagswasserbehandlung vor und berichteten über die Erfahrungen hinsichtlich Lebensdauer, Wartungsaufwand und häufigen Fehlern in der Anwendung.

Stoffe und Flüsse

Einen weiteren Schwerpunkt nahm der anthropogene Einfluss auf die Umwelt ein und wie dieser vermindert werden kann. Dazu gehört eine Beeinflussung des Wasserhaushaltes durch Flächenversiegelung ebenso wie die Beeinflussung der Oberflächengewässer durch Abwasser-, Mischwasser- und Niederschlagswassereinleitungen. Immer größere Bedeutung gewinnt dabei der Umgang mit Mikroschadstoffen wie beispielsweise Medikamentenrückständen, Pflanzenschutzmittel und Industriechemikalien, die über den Weg der Abwasserreinigung, über Mischwasserentlastungen und Niederschlagswassereinleitungen aus besiedelten Gebieten sowie über Straßenabwässer in die Gewässer gelangen.

Ihren Abschluss fand die Tagung mit der Verleihung des „Best Poster Award“ an Alrun Jasper-Tönnies von hydro&Meteo GmbH & Co KG zum Thema „Was für Niederschlagsdaten werden benötigt um den Abfluss von extremen Starkregen zu simulieren? – Eine alpine Fallstudie“. Der Vergleich unterschiedlicher Datenquellen von Niederschlagsstationen bis Radardaten und deren Auswirkungen auf die Simulationsergebnisse hatten das Publikum überzeugt.

Die Aqua Urbanica 2015 findet am 7. und 8. Oktober 2015 in Stuttgart statt. Die Veranstalterinnen und Veranstalter freuen sich wieder auf zahlreiche Einreichungen.


(Manfred Kleidorfer)