Internationale Begegnungen an der Fakultät für Bildungswissenschaften

John Borneman, ein renommierter Anthropologe von der Princeton University, hielt im Rahmen der Sommeruni an der Fakultät für Bildungswissenschaften zwei Seminare.
John Borneman (mitte) hielt zwei Seminare in Innsbruck, die großen Anklang fanden. (Foto: Christoph Tauber)
Bild: John Borneman (mitte) hielt zwei Seminare in Innsbruck, die großen Anklang fanden. (Foto: Christoph Tauber)

Wenn man mit Hans-Georg Gadamer die Auffassung teilt, dass Sprache privilegiertes „Medium der hermeneutischen Erfahrung“ (Wahrheit und Methode 1990, S. 361) ist, so kann man mit Recht behaupten, dass für Studentinnen und Studenten der Fakultät für Bildungswissenschaften in den Monaten Juli und August die Möglichkeit bestand, eine wahrhaft amerikanische Erfahrung zu machen – mehr noch: die Erfahrung amerikanischen Lehrens und Lernens, wie es an einer Universität üblich ist, die zu den weltweit besten gehört. Für zwei der insgesamt vier Seminare, die im Rahmen der Sommeruni angeboten wurden, konnte nämlich John Borneman von der Princeton University (Department of Anthropology) durch das dankenswerte Engagement der Studiendekanin Irene Berkel gewonnen werden.

John Borneman ist Anthropologe mit psychoanalytischem Schwerpunkt und hat zahlreiche Feldforschungen in Deutschland, Libanon und Syrien zu den Schnittpunkten von law, politics, care und intimacy durchgeführt und dazu ausführlich publiziert. Die beiden auf Englisch gehaltenen Seminare zentrierten sich einerseits um die in Wechselwirkung stehenden kollektiven und individuellen Erinnerungsformen in Bezug auf Traumata (Memory, Trauma, Responsibility), sowie andererseits um die Anwendung psychoanalytischer Konzepte in der Feldforschung (Experiential Horizons and Ethnographic Method).

Gadamer schreibt, als er dabei ist, eine von Hegel geprägte Form der Geschichtsphilosophie abzulehnen: „Wer starr an seinen Plänen festzuhalten sucht, dem wird gerade die Ohnmacht seiner Vernunft fühlbar gemacht“ (ebd. S. 354). Hingegen gilt: wer bereit war, die Sommerferien um nur wenige Tage zu verkürzen, etwaig bereits fixierte Urlaubspläne umzugestalten und Gebrauch von den bei manchen schon angestaubten Englischkenntnissen zu machen, dem/der war „an experience“ (im Gegensatz zu „mere experience“, wie John Dewey sagen würde, am Badestrand) gesichert. Angesichts der beiden arbeitsintensiven Syllabi war wohl manch eine/r trotzdem nicht vor einer gewissen Ohnmacht gefeit. So war nicht nur eine geradezu ungewohnt hohe Anzahl an Texten – darunter Autoren wie Freud, Halbwachs, Geertz und Devereux – zu lesen; insgesamt ca. 700 bzw. ca. 550 Seiten für jeweils vier Tage Seminar verlangten beiden Seiten eine Menge Fleiß und Arbeit ab. Zudem wurde immer – typisch amerikanisch, wie uns John Borneman glaubhaft versicherte – medias in res gestartet und diskutiert. Bei soviel Material konnte man sich lange Einführungen oder Abschweifungen auch gar nicht erlauben. Zusätzlich zu den Texten wurde nämlich auch Filmmaterial besprochen: so etwa Michael Hanekes Caché (2005), Waltz with Bashir von Ari Folman (2008) und die Serie In Treatment (2008-2010). Aber auch außerhalb des Seminarraums gab es Erfahrungen zu sammeln – zum Beispiel bei einem gemeinsamen Essen in der Mittagspause.

Wer also an diesem Angebot teilgenommen hat, bekam nicht nur die Chance, entweder verpasste Seminare nachzuholen oder aber für das kommende Semester vorzuarbeiten; vielmehr besteht der Gewinn darin – bislang an unserer Fakultät wohl einzigartig – in den Genuss einer derart renommierten Lehre gekommen zu sein. In diesem Sinne war der Begriff der Erfahrung in diesen zwei Seminaren – für deren Einrichtung Irene Berkel und deren Durchführung John Borneman herzlich zu danken ist – zweifach eingebettet: als Gegenstand der Diskussion und als Ergebnis der Begegnung. Die damit verbundene Erweiterung des Horizonts formuliert Gadamer wie folgt: „Die Dialektik der Erfahrung hat ihre eigene Vollendung nicht in einem abschließenden Wissen, sondern in jener Offenheit für Erfahrung, die durch die Erfahrung selbst freigespielt wird“ (ebd. S. 338).

Quelle: Gadamer, Hans Georg (1990): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: J. C. B. Mohr.

Alexander Draxl

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