Forschungsprojekt zur Kinderbeobachtungsstation der Maria Nowak-Vogl

Eine ExpertInnenkommission hat die Aufarbeitung der Geschichte der Innsbrucker Kinder-beobachtungstation (1954-1987) empfohlen. In Kürze kann das interdisziplinäre Forschungsprojekt an der Universität beginnen. Bewerbungen sind noch bis 1. September 2014 möglich.
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Bild: Titelbild der ORF-Dokumentation „Teleobjektiv“, welche bereits 1981 die Verhältnisse an der Kinderbeobachtungsstation eindrücklich dokumentierte (Foto: Redakteur der Sendung/Kurt Langbein)

Mit 11. November 2013 wurde der Bericht der Medizin-Historischen ExpertInnenkommission unter Leitung des ehemaligen Vizerektors der Medizinischen Universität Innsbruck Prof. Günther Sperk, „Die Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl (1954-1987)“, der Öffentlichkeit präsentiert. Der detaillierte Bericht dokumentiert Stellung, Reichweite und Machtwirkung der psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation, weist deren strategische Schlüsselposition im Rahmen der historischen Fürsorgeerziehung und frühen Kinderpsychiatrie nach, kritisiert die Behandlungs- und Erziehungspraxis der ehemaligen Abteilung als unangemessen und im Kern gewaltförmig und empfiehlt eine weitergehende wissenschaftliche Aufarbeitung. Dies auch, um den Geschichten der zahlreichen Kinder und Jugendlichen (darunter viele ehemalige Heim- und Pflegekinder), die der Kinderbeobachtungstation in den Nachkriegsjahrzehnten ausgeliefert waren, Rechnung zu tragen. 3.650 KinderpatientInnen sind überliefert. 

Interdisziplinäre Rekonstruktion der Kinderbeobachtungsstation

Eine eingehende wissenschaftliche Befassung wird es nun geben, das wurde in der Sitzung der Tiroler Landesregierung vom 15. August 2014 beschlossen. Der Vertrag wird in Kürze unterzeichnet: Die Arbeit kann mit September beginnen. Erstmals in der Geschichte beteiligen sich das Land Tirol, die Tilak, die Medizinische Universität Innsbruck und die Leopold-Franzens-Universität gemeinsam an der Förderung eines interdisziplinär ausgerichteten und der Aufarbeitung gewidmeten Forschungsprojekts. Angesiedelt an drei Instituten (am Institut für Erziehungswissenschaft, am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie sowie an der Innsbrucker Zeitgeschichte), geleitet von drei HochschullehrerInnen unterschiedlicher disziplinärer Orientierung und Expertise im Bereich der Historischen Kindheitsforschung, der Medizin(-Psychiatrie)-, Wissenschafts- und Zeitgeschichte (ao. Univ.-Prof. Dr. Michaela Ralser, ao. Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Dietrich-Daum und assoz. Prof. Mag. Dr. Dirk Rupnow), gliedert sich das Forschungsprojekt in insgesamt drei Teilbereiche. Es befasst sich in Teilprojekt eins „Kontinuität und Bruch“ mit der Rekonstruktion der Historie der psychiatrischen Kinderbeobachtungsstation (einschließlich ihrer Vor- und Nachgeschichte) ebenso wie mit der Diskurs-, Netzwerk-, Gutachtens- und Behandlungspraxis ihrer Leiterin, der Primaria, Fürsorgeärztin und Heilpädagogin Maria Nowak-Vogl. Teilprojekt zwei „Dimension und Wirkung“ widmet sich der quantitativen Analyse der Krankenakten (wie viele Kinder waren wie oft betroffen, woher kamen sie und warum wurden sie zugewiesen, welche Maßnahmen wurden mehrheitlich ergriffen, welche Wege wurden – soweit rekonstruierbar – nach dem Aufenthalt in der Kinderbeobachtungsstation eingeschlagen respektive verordnet) ebenso wie der Erarbeitung prototypischer Fallgeschichten, die im Wege von ZeitzeugInneninterviews Geschichte und Gegenwart ehemaliger KinderpatientInnen (unter deren Mitwirkung) kenntlich machen. Schließlich wird Teilprojekt drei „Sexualität – Klasse – Geschlecht“ eine zeitgeschichtliche (auch geschlechter- und sozialtheoretischen) Kontextualisierung der Praxis der Kinderbeobachtungsstation unternehmen und die Denk- und Handlungsmuster ihrer uneingeschränkten Leiterin in die Diskurse der Nachkriegsjahrzehnte über geschlechtliche Identität, Sexualität und Familialisierung der marginalisierten Schichten einordnen.

Forschungsstellen in Ausschreibung

Als wissenschaftliche ProjektmitarbeiterInnen konnten für das auf eine Laufzeit von 18 Monaten angelegte Projekt bereits eine promovierte Politologin sowie ein diplomierter Historiker gewonnen werden. Eine Projektmitarbeiterin (Post-doc-Stelle) für die erziehungswissenschaftliche Position wird noch gesucht. Forschungspraxis (einschließlich Versiertheit im Umgang mit historischen Quellen), Erfahrung in Diskursanalyse und Biographiearbeit sowie hohe Textsicherheit sind Voraussetzung (siehe Ausschreibung unten). Interessierte können Ihre Bewerbungsunterlagen noch bis 1. September an das Institut für Erziehungswissenschaft, Liebeneggstr. 8, 6020 Innsbruck, oder an die beiden E-Mail-Adressen michaela.ralser@uibk.ac.at und christoph.tauber@uibk.ac.at (stud. Mitarbeiter der Dekanin & Projektleiterin M. Ralser) senden.

(red)