In Ambivalenzen kommunizieren - ein Prozesskongress

Vom 19. bis 21. Juni 2014 fand an der Katholisch-Theologischen Fakultät der 4. Kongress Kommunikativer Theologie zum Thema „Anders gemeinsam – gemeinsam anders? Lebendig kommunizieren in den Ambivalenzen der Gegenwart“ statt. Das Besondere dieser Tagung lag in ihrem methodologischen Design und der theologischen Gesamtperspektive auf die Thematik.
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Bild: 4. Kongress Kommunikativer Theologie

Angeregt durch ExpertInnenstatements aus den Bereichen Gesellschaft, Religionen, Bildung (Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Palaver, Univ.-Prof.in Dr. Johanna Rahner, Univ.-Prof. Dr. Zekirija Sejdini und Univ.-Doz.in Dr. Ulrike Greiner) artikulierten die KongressteilnehmerInnen die von ihnen erfahrenen Ambivalenzen in diesen drei Bereichen und generierten Themen für die Weiterarbeit.  

Im Prozessverlauf wurden diese Themen einem Perspektivenwechsel unterzogen. Durch die Konfrontation mit den ihnen innewohnenden ausgeblendeten Seiten wurde die Einseitigkeit der ursprünglichen Perspektive offensichtlich. Der Blick auf die andere Seite des zur Sprache Gebrachten erweiterte das Blickfeld und zeigte neue Möglichkeiten. So wurden – beispielsweise im Bereich Gesellschaft – nicht nur die zerstörerischen Determinanten benannt und diskutiert, sondern auch die Möglichkeiten struktureller Veränderungen erkannt und die Notwendigkeit thematisiert, das gesellschaftlich Unerträgliche zu markieren. Im Bildungssystem wurde die Ambivalenz zwischen Beziehungs- und Bildungsanspruch und den realen Gegebenheiten des Bildungsalltags geortet, die eine Realisierung dieser Ansprüche oft verunmöglichen. Leiden schaffende Mechanismen konnten exemplarisch identifiziert und das durch sie Ausgeblendete entdeckt werden. Im Bereich Religionen zeigten sich die Ambivalenzen entlang der Gottesfrage und den unterschiedlichen religiösen Positionen dazu.

Gelingende Kommunikation, so wurde deutlich, liegt an der Möglichkeit des Blickwechsels, d. h. neben strategischen auch kommunikative Perspektiven einnehmen zu können.  Dies betrifft sowohl individuelle Begegnungen wie auch das Durchbrechen von eingefahrenen Kommunikationsmustern in institutionellen, insbesondere hierarchisch bestimmten Räumen. Es geht um die Eröffnung neuer Räume in mitunter riskanten Kontexten: Kommunikationsräume, Vertrauensräume, Bewegungsräume; allesamt Räume, in denen es möglich wird, sich auch in Systemen als verletzlicher Mensch zeigen zu können.

Die Mach- und Herstellbarkeit dieser Räume ist jedoch begrenzt. Aus theologischer Perspektive kommt an dieser Stelle die Gottesfrage ins Spiel. Im christlichen Kontext kann Gott zur Chiffre für das Unverfügbare, den Zu-Fall, die Hoffnung auf immer neue Möglichkeiten angesichts aller Hoffnungslosigkeit werden. Gleichzeitig ist entscheidend, welches Bild von Gott religiöse Menschen bestimmt. Ist es ein Gott, der Eindeutigkeit verkörpert, oder gar herstellt? Oder, ein Gott, der Vielfalt und Möglichkeiten sowie Andersheit liebt – ein ambiguitätstoleranter Gott, wie es Thomas Bauer im Hinblick auf den vorkolonialen Islam behauptet?

Die Abschiedsvorlesung von Univ.-Prof. Matthias Scharer war nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich in den Kongress eingebettet. Unter dem Titel „Learning (in/through) Religion“  in der Gegenwart der/des Anderen. Unfall und Ernstfall öffentlicher Bildung“ thematisierte Scharer mit Blick auf den Aspekt der Bildung das Kernanliegen des Kongresses. Seiner Ansicht nach liegt die „lebendige Kommunikation als Hoffnungspotential“  in jener „Verständigung“, die sich aus der „Ehrfurcht vor der Differenz des Anderen“ speist.

Der dritte Kongresstag stand unter zwei Vorzeichen: Blick in die Praxis und Abschluss bzw. Ausblick/Perspektiven. Workshops gaben im ersten Teil des Vormittags einen Einblick in „next practice“-Projekte Kommunikativer Theologie. Im Anschluss daran erarbeiteten die TeilnehmerInnen des Kongresses Perspektiven für die Zukunft. Als Anliegen wurden dabei besonders betont: die Fruchtbarkeit von Langsamkeit, Innehalten und Ratlosigkeit; das Wahrnehmen und Anerkennen von Leerstellen; das Eröffnen von Räumen, die lebensförderliche Kommunikation zwischen den Akteuren und Hierarchieebenen im Bildungssystem ermöglichen; das Sichtbarmachen von Glaube und Religion im öffentlichen Raum (an unkonventionellen Orten); die Weiterentwicklung der Potentiale des interreligiösen Feierns; die stetige Erkundung neuer, unentdeckter Räume.

Mit dem O-Ton einer Kongressarbeitsgruppe lässt sich der Kongress folgendermaßen zusammenfassen: Die Anerkennung Anderer braucht einen gemeinsamen Vertrauens- und Hoffnungsraum: – a more inclusive world is possible!

(Maria Juen, Martina Kraml)