Wie kann Literatur unsere Weltsicht verändern?

Unter dieser Leitfrage fand vom 6. bis 7. Juni 2014 der interdisziplinäre Workshop "Mightier than the Sword? The Countercultural Agency of Literary Fiction" an der Universität Innsbruck statt, der von Friederike Wolfrum, Matthias Mösch und Désirée Kriesch organisiert wurde.
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Bild: (Fotos: Kriesch/Malec)

Ziel der Veranstaltung, die aus einer Kooperation zwischen dem Doktoratskolleg "Figuration 'Gegenkultur'" und dem Institut für Anglistik hervorging, war unter anderem, zusammen mit ExpertInnen und DoktorandInnen aus Österreich, Deutschland, Italien, Togo und den USA das gegenkulturelle Potential von Sprache und Literatur aufzuzeigen, Verbindungen zwischen Fiktion und Aktivismus zu beleuchten sowie konkrete gegenkulturelle Formen und Verfahren in literarischen Texten herauszuarbeiten.

Im Anschluss an die Eröffnung durch den Studiendekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, Ass.-Prof. Gerhard Pisek, und den Sprecher des Doktoratskollegs "Figuration 'Gegenkultur'", Prof. Erich Kistler (Archäologie), die einerseits die inhaltliche Bandbreite der Beiträge, andererseits die Bedeutung des Workshops im Hinblick auf die Verbindung mit der nationalen und internationalen Forschung hervorhoben, folgten zwei einleitende Vorträge zu Fiktionalität und Gegenkultur von Prof. Martin Sexl (Vergleichende Literaturwissenschaft) und Prof. Thomas Wegmann (Germanistik).

In dem ersten Panel Literary and Linguistic Agency wurden sodann von Pawel Sickinger (Universität Bonn), Barbara Siller (Brenner-Archiv) und Bettina Korintenberg (Universität Freiburg) unterschiedliche Akzente bezüglich der Wirkmacht von Sprache und Literatur gesetzt. Gleichwohl setzten sich die drei Beiträger jeweils eindringlich mit den produktiven und rezeptiven Prozessen der kritischen Verhandlung von sozio-politischer Realität auseinander. In der anschließenden Panel Lecture über Prozesse der Hegemonialbildung in Nationalsprachen unterstrich Prof. Gabriella Mazzon (Anglistik) nachdrücklich die Bedeutung fiktionaler Narrative als ideologische Untermauerung der Sprachnormierung.

ClaudianaDas Wechselverhältnis zwischen literarischer Fiktion und gesellschaftlicher Lebensrealität wurde innerhalb des zweiten Panels Agency and Activism vielseitig diskutiert. So demonstrierten Tobias Neuburger (Europäische Ethnologie) und Koku Nonoa (Germanistik) anschaulich, wie sich historische und gegenwärtige gesellschaftliche Sichtweisen auf reale Phänomene in fiktionalen Werken manifestieren. Überdies belegten Prof. Manfred Kienpointner (Sprachwissenschaft), Fabio Guidali (Universität Mailand), Reinhard Hennig (Universität Bonn) sowie Markus Schleich und Jonas Nesselhauf (Universität Saarbrücken) durch ihre Vorträge überzeugend, dass literarische Werke und TV-Serien das Potential zu soziopolitischen Veränderung bergen.

Der Workshop wurde insbesondere bereichert durch die Key Note Lecture des renommierten Kognitionswissenschaftlers Mark Turner (Case Western Reserve University). Im Verhältnis zur gegenkulturellen Kommunikation erläuterte Turner, dass insbesondere der Mechanismus des kognitiven Blendings ideologisch neutral und daher quasi universell einsetzbar sei. Anhand der Selbstdarstellungen des norwegischen rechtsextremen Massenmörders Anders Behring Breivik illustrierte er eindringlich, dass die Wirkmacht von Fiktion und Sprache auch dem 'Missbrauch' gegenüber offen ist.

ClaudianaDas dritte Panel Emotion and Affect wurde durch Prof. Mario Klarer (Amerikanistik) eröffnet, der in seinem Vortrag die engen Zusammenhänge zwischen Fakt, Fiktion und Politik in frühneuzeitlichen Berichten erläuterte und nachwies, dass viele dieser Berichte fiktionale Elemente beinhalten und dabei auch maßgeblich den neuzeitlichen Roman inspiriert haben. Judith Wagner (Mainz) und Gianna Zocco (Wien) demonstrierten wiederum in ihren Beiträgen, dass gegenkulturelle Literatur normabweichendes Verhalten thematisieren und die Rezipienten somit dazu bewegen kann, ethische Fragen und Konventionsbrüche zu reflektieren.

In den durch die abwechslungsreichen Referate angeregten Diskussionen wurde unter anderem hervorgehoben, dass gegenkulturelle Artikulationsformen einen Gegenpol zu kulturellen master narratives darstellen können, wodurch sie für die Produzenten und Rezipienten ein Instrument des Vergleichs bilden, um eben transhistorische Erzählungen, die spezifischen Kulturen eingeschrieben sind, infrage zu stellen. Auch wurde übereinstimmend betont, dass gegenkulturelle Phänomene, die auf 'Weltveränderung' abzielen, immer in Verbindung mit ihrem ideologischen Gehalt betrachtet werden müssen.

 (Friederike Wolfrum, Matthias Mösch, Désirée Kriesch)

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