Die Grenzen meiner Wissenschaft – die Grenzen meiner Welt? Medizin, Biomedizin und Philosophie

Der emeritierte Mediziner Raimund Margreiter, die Biologin Gabriele Werner-Felmayer und der Philosoph Rainer Turnher erläuterten am 28. Mai 2014 ihre wissenschaftlichen Disziplinen, zeigten Grenzen ihrer Forschung und erörterten Ergänzungs- und Verbindungsmöglichkeiten zur jeweils anderen Wissenschaft.
blog_grenzen_margreiter_werner-felmayer_thurner.jpg
Bild: Prof. Raimund Margreiter, Prof.in Gabriele Werner-Felmayer, Prof. Rainer Thurnher, Moderator Prof. Christoph Ulf (von links).

Am 28. Mai 2014 trafen im Rahmen der Ringvorlesung „Die Grenzen meiner Wissenschaft – die Grenzen meiner Welt?“ Raimund Margreiter, Gabriele Werner-Felmayer und Rainer Thurner aufeinander. Diese Vorlesungseinheit war zugleich die letzte in der Reihe.

Alles scheint möglich: Raimund Margreiter

Weniger als fünf Prozent seiner Eingriffe, so stellt der durch Nieren-, Herz- und Handtransplantationen bekannte Chirurg Raimund Margreiter klar, seien transplantationschirurgische Eingriffe gewesen. Doch innerhalb dieses kleinen Teilbereichs der Medizin, dessen Ursprünge und erste Versuche bereits auf das 4. Jahrhundert nach Christus zurückgehen, zeigen sich klare Grenzen, die nur schwer überwindbar scheinen. Zwar erwecken vor allem die Entwicklungen der Multiviszeraltransplantation – die Transplantation mehrerer Organe wie Lunge, Herz, Niere und/oder Darm – den Eindruck, dass alles, bei nahezu 100-prozentiger Überlebenschance, möglich sei. Und dennoch, Raimund Margreiter listet die vielfältigen und verschiedenen Grenzen seines Fachgebietes auf:

Zunächst nennt er die Grenze der Immunologie, also die Abwehrreaktionen des individuellen menschlichen Körpers auf Spenderorgane. Vor allem jene Organe, die am stärksten mit der Umwelt in Kontakt stehen, beispielsweise Haut oder Darm, werden nach Transplantationen am ehesten abgestoßen, was dazu führt, dass diese Eingriffe vergleichsweise selten durchgeführt werden. Eine weitere, bedeutende Grenze, die nicht unbedingt innerhalb der Medizin liegt, sieht Margreiter in der Ethik: Dabei nennt er konkret die verschiedensten Formen des Organhandels, beispielsweise in China, wo Organe von Hingerichteten ohne deren Einwilligung an PatientInnen weitergegeben und transplantiert werden. Und auch die Transplantation von Reproduktionsorganen – Hoden, Eierstöcke, Gebärmutter – werfen für ihn ethische Fragestellungen auf. Als weitere Grenze nennt er die Sinnhaftigkeit von Organtransplantationen, die sich immer wieder in konkreten Fällen am Alter und der Lebenserwartung des oder der Patientin, an möglichen Komorbiditäten oder auch zurückliegenden Grunderkrankungen sowie im sozialen Umfeld manifestieren kann. Auch in praktischer Hinsicht stößt die Transplantationschirurgie an Grenzen, vor allem hinsichtlich der Organverfügbarkeit. Dabei ergeben sich wiederum neue Fragestellungen: An wen soll ein bestimmtes Organ vergeben werden, wenn mehrere PatientInnen dieses benötigen? Oder auch ökonomische Überlegungen, vor allem in Hinblick auf die Finanzierung: Machen, beispielsweise bei Nierenerkrankungen, Alternativbehandlungen wie die Blutwäsche Sinn, insbesondere dann, wenn diese über einen langen Behandlungszeitraum hinweg volkswirtschaftlich betrachtet teurer sind?

Der Mensch als (Konsum-)Produkt: Gabriele Werner-Felmayer

Fragestellungen wie diese stehen – über Umwege – auch im Forschungsinteresse der an der Medizinischen Universität Innsbruck tätigen Biologin Gabriele Werner-Felmayer. Neben der Faszination, die biologische Systeme wie Zellstrukturen und ihre Lebenszyklen auf sie ausüben, nimmt vor allem auch die Evolution des Menschen zu einem (medizinischen) Konsumenten und gleichzeitig auch zu einem Produkt einen wichtigen Teil ihrer wissenschaftlichen Betrachtungen ein. Ähnlich wie ihr Vorredner spricht auch sie die Reproduktionsmedizin an: Künstliche Befruchtungsmöglichkeiten, etwa das Spenden von Ei- oder Samenzellen oder auch die Leihmutterschaft, lassen Menschen nicht nur als Individuum erscheinen, sondern auch als Produkt kategorisieren. Vor allem die Sequenzierung des Humangenoms, so Werner-Felmayer, sorgte in den vergangenen 15 bis 20 Jahren für entscheidende Veränderungen in der Biomedizin. Verbunden damit war auch die große Hoffnung, Antwort auf eine zentrale Frage zu finden: Wie kommen wir vom Genotyp, also der DNA, auf der vermeintlich alle Informationen stehen, zum Phänotyp? Wie kommt man von der DNA zum menschlichen Wesen?

Heute, nachdem das menschliche Genom sowie rund 1000 weitere Genome codiert sind, wissen wir, dass wir erst  einen sehr kleinen Teil der Komplexität des Zellorganismus verstehen: Nur 1,5 Prozent der drei Milliarden Basenpaare, die das menschliche Genom ausmachen, codiert für Proteine, 98,5 Prozent der genomischen DNA, die zeitweise gar als „Junk“ bezeichnet wurden, sind noch weitgehend unerforscht.

Einhergehend mit den wissenschaftlichen Entwicklungen und Erkenntnissen der Biomedizin in den vergangenen 15 bis 20 Jahren sieht Werner-Felmayer auch eine gesellschaftliche bzw. wirtschaftliche Entwicklung zu einer Art „Bioökonomie“: Seit der Aufklärung der Doppel-Helix-Struktur 1953 erfolgte eine immer stärkere Vermarktung dieser Wissenschaft, an der sich auch ehemalige US-Präsidenten beteiligten. Gleichzeitig kam es auch zu einer Entwicklung, die sich vom wissenschaftlichen Prozess entfernte und an eine Wissensproduktion „Knowledge Production“ annäherte. Werner-Felmayer sieht darin eine Veränderung der Biowissenschaften zur „Big Biology“, in der Studien von riesigen Forschungskonsortien immer wieder für wahre „Data Tsunamies“ sorgen, sodass eine ursprünglich von Hypothesen geleiteten Wissenschaft zunehmend einer von Daten oder Technologien getriebener Wissenschaft gegenübersteht.

Befreiung aus ideologischen Borniertheiten: Rainer Thurner

„Die Philosophie schließt von vorneherein keinen Gegenstand der Erkenntnis aus“, so der Philosoph Rainer Thurner in seinem Referat in Bezug auf die Grenzen seiner Wissenschaft. Und gleichzeitig räumt er deutliche Unterschiede der Philosophie im Vergleich zu den Einzelwissenschaften, die sich aus der Philosophie herausgelöst haben, ein. In der Philosophie, so Thurnher, werde der Versuch unternommen, das Ganze auf das Wesentliche zu reduzieren. Auch wenn die Philosophie keinen fixen Kanon an Teildisziplinen und auch keinen kumulativen Erkenntniszuwachs, wie vergleichsweise die zuvor erläuterte Biomedizin, bieten kann, sieht sie sich nicht in Konkurrenz zu Einzeldisziplinen, die sich im Gegensatz zur Philosophie auf einen bestimmten Gegenstandsbereich beschränken.

Als Reflexions- und Orientierungswissenschaft gehe es in der Philosophie um „alles, was für uns wichtig ist, was uns berührt“ so Thurnher. Und: Alles, was Wirklichkeitscharakter hat, ist für den Philosophen nichts Selbstverständliches, sondern ist uns gegeben auf der auf der Grundlage der Philosophie, dem Bewusstmachen. Erst diese Erkenntnis ermögliche Fragen, ob es Alternativen zu bisherigen Prinzipien gibt oder neue Sichtweisen auf bestimmte Phänomene möglich und sinnvoll sind. Dadurch, ist Thurner überzeugt, helfe die Philosophie, sich aus ideologischen Borniertheiten zu emanzipieren und beispielsweise mehr Weltoffenheit zu erlangen.
Im wissenschaftlichen Universum nimmt vor allem die philosophische Grundfrage nach dem Zustandekommen von Erkenntnis einen wichtigen Stellenwert ein. Gibt es für Erkenntnis und dem Prozess, der zur Erkenntnis führt, in den verschiedenen (Natur-)Wissenschaften gemeinsame Grundlagen und Wesenszüge? Ab wann kann man von Erkenntnis sprechen?

Damit kann sich die Philosophie auch aktuellen Entwicklungen anderer wissenschaftlicher Disziplinen nicht entziehen. So orientieren sich aktuelle Forschungszweige an Themen, die sich über verschiedenste Wege und Umwege auch mit den Themen der Vorredner in Verbindung lassen können. Konkret nennt Thurnher dazu philosophische Reflexionen über künstliche Intelligenz, die Betrachtung von Medien als neutrale Vermittler von Inhalten oder die Gender-Diskussion und die Grenzen gesellschaftlicher Konstruktion.

Kann Philosophie für die Medizin hilfreich sein? Braucht die Medizin Philosophie? 

Die Frage nach der Notwendigkeit der Philosophie für die Medizin und Biomedizin stand im Zentrum der anschließenden Diskussion der ReferentInnen mit den Teilnehmern. Ähnlich provokativ, wie die Frage gestellt war, bezeichnete sich Raimund Margreiter zunächst selbst in seiner ärztlichen Tätigkeit als „Anti-Philosoph“, der sich lieber an naturwissenschaftlichen Methoden orientierte und sich von diesen auch überzeugen ließ. Für Gabriele Werner-Felmayer ist die Philosophie wichtig in ihrer alltäglichen Forschungsarbeit, in der es immer wieder auch um die Fragen, was den Menschen ausmacht und ob das Menschenbild auch als Genprodukt betrachtet werden kann. Doch auch der persönliche Austausch mit PhilosophInnen macht für sie die Entstehung und das Entzünden von gesellschaftlichen Diskussionen, die ihr Fachbereich berühren, verständlicher und nachvollziehbar.

Nur zögernd und nach einer kurzen Nachdenkpause antwortete Rainer Thurnher, indem er zunächst selbst die philosophische Frage stellte, ob die Naturwissenschaften dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, immer näher kommen? Aus philosophischer Perspektive, so stellt er klar, betreibt die Naturwissenschaft eine Objektivierung und damit auch eine Vergegenständlichung dessen, was sich in der jeweiligen Naturwissenschaft als Wirklichkeit darstellt. Diese „(natur-)wissenschaftliche“ Wirklichkeit steht jedoch in Relation mit den der jeweiligen wissenschaftlichen Strategien und Voraussetzungen, etwa bestimmten Versuchsanordnungen.

Dem gegenüber sieht Thurnher die Alltagswirklichkeit, die in Relation zu unserer Lebenspraxis und zu den kulturellen Voraussetzungen steht. Diese alltägliche Lebenswelt dürfe der wissenschaftlichen Objektwelt gegenüber nicht abgewertet werden.

Die Frage, ob wissenschaftliches Vorgehen relevant sei, so Thurnher, lasse sich nicht innerhalb der wissenschaftlichen Objektwelt, sondern nur innerhalb unserer Lebenswelt und der damit verbundenen Erwartungen, die der Mensch an das Leben, den Fortschritt, die Wissenschaft und an das menschliche Zusammenleben stellt, diskutieren.

(AS)