Erster Weltkrieg: Eine Grenz- und Gewalterfahrung

Als vierten Vortragenden in der Reihe „Der Erste Weltkrieg aus internationaler Perspektive“ konnten Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian am 5. Juni 2014 Oswald Überegger begrüßen. Unter dem Titel „Krieg als soziale Grenz- und Gewalterfahrung“ referierte er vor zahlreichem Publikum über Tirol im Ersten Weltkrieg.
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Bild: Oswald Überegger bei seinem Vortrag.

Im Zuge der Ringvorlesung „Der Erste Weltkrieg aus internationaler Perspektive“ referierte Mag. Dr. Oswald Überegger am 5. Juni 2014 als vierter Gastvortragender über den Ersten Weltkrieg als soziale Grenz- und Gewalterfahrung sowohl für die Tiroler Zivilbevölkerung als auch für die Tiroler Soldaten an der Front. Oswald Überegger absolvierte das Studium der Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck. Seine Publikationen und seine Forschungsschwerpunkt liegen im Bereich der Sozial-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, der historischen Friedens- und Konfliktforschung, der politischen Kommunikation und historischen Erinnerungskulturen sowie der Erforschung von Geschlecht und Krieg. Seit Ende 2013 leitet er das an der Freien Universität Bozen eingerichtete Zentrum für Regionalgeschichte.

Die Grausamkeit des Krieges – der Gewalt ins Auge blicken

Die Reise in die Erfahrungswelt des Krieges, das Alltagsleben fernab der Schützengräben und die Erinnerungskultur begann mit dem Krieg als Gewalterfahrung, dem die Tiroler Gesellschaft gegenübertreten musste. Das grausame Wesen des Krieges ließ sich einerseits aktiv und andererseits passiv im Zuge der großen Verluste seitens der Tiroler Soldaten, die mit 30.000 Toten beziffert werden, erfahren. Mit den unmenschlichen Lebensbedingungen in den Schützengräben setzte bereits 1914 eine Desillusionierung ein. Mit gesenktem Kopf, die Sinnhaftigkeit des Krieges infrage stellend kehrten Soldaten nach Hause zurück, falls sie überhaupt lebend zurückkehrten. Nicht selten blieb den Soldaten nur noch die Flucht nach Hause, die jedoch die Vorladung vor das Kriegsgericht zur Folge hatte. Auf regionaler Ebene war der Krieg somit der Verursacher eines persönlichen Leids, das die Zivilbevölkerung Tag für Tag zu tragen hatte. Zu Hause herrschte die Kriegsbehörde, die durch auferlegte Zwänge, Ge- und Verbote allmählich den Widerstand der zivilen Bevölkerung provozierte. Bereits im Jahr 1915 gab es seitens der Trentiner Frauen eine Protestaktion, welche die Heimkehr ihrer Söhne und Männer forderten. Als der Krieg 1918 vorüber ging, bemühte sich die Gesellschaft darum, der Gewalt abweisend und distanziert den Rücken zu kehren. In den Jahren zuvor hatte sie zu viel Leid gesehen, zu viel Leid erlebt. 

Es brodelt – die Gesellschaft in Aufruhr 

Oswald Überegger (links) mit den OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Universität Innsbruck) Oswald Überegger (links) mit den OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian. (Foto: Universität Innsbruck)


Die nächste Ebene, die der Referent behandelte, galt dem Krieg als sozialer Grenzerfahrung. Der durch den Krieg bedingte Bedeutungsgewinn des Militärs hatte eine Verschiebung des Machtgleichgewichts im Staat zur Folge. Die Gesellschaft verlor an Einfluss und politischer Partizipation, der Unmut der Bevölkerung wuchs, wurde aber nach und nach in den Hintergrund gedrängt. Wirtschaftliche Faktoren, besonders der einsetzende Ressourcenmangel, trugen ebenso zu einer sich aufbauenden Spannung innerhalb der Bevölkerung bei, an der sie zu zerbrechen drohte. Soziale Konflikte und Unruhen ließen sich jedoch nicht nur im Hinterland, sondern auch an der Front feststellen. Der Jubel 1914 über den Beginn des Krieges verstummte und nationale sowie soziale Konflikte weiteten sich aus.  Anschauungen über den Krieg erfuhren schon in frühen Kriegsjahren durch seine Realität die ersten Risse. Trotzdem wurde er in der vorherrschenden Erinnerungskultur der Zwischenkriegszeit in den Darstellungen in Filmen und Büchern wieder auf heldenhafte Kämpfe von Bergführern in den unwirtlichen Höhen der Dolomiten reduziert.

Industrialisierung, Totalisierung, Mobilisierung – moderner Krieg?!

Der Eintritt in die Modernität in der Kriegsführung war in Tirol vor allem in drei verschiedenen Erfahrungsebenen spürbar. Auf der einen Seite stand die industrielle Kriegsführung, welche sich durch die Konfrontation von Massenheeren, aufgestellt durch die Rekrutierung mit Hilfe der allgemeinen Wehrpflicht und den zahlreichen Verlusten äußerte. Hohe Verluste an jungen Menschenleben wurden in Kauf und zur Kenntnis genommen. Auf der anderen Seite wirkte sich die Totalisierung des Krieges auf die gesamte Bevölkerung aus. Mit aller Gewalt wurden die Menschen, sowie auch jegliche Ressourcen mobilisiert, der Krieg wurde zum allesbestimmenden Faktor. Zu guter Letzt infiltrierte die Propaganda, unter anderem mittels radikaler Feindbilder, jegliche Institutionen des weltlichen und geistlichen Lebens. Als unausweichlich und notwendig wurde der Krieg in allen kriegsführenden Ländern propagiert, auch in Österreich-Ungarn und damit auch in Tirol verstand man ihn als legitimen Verteidigungskrieg.

Die Kunst des Erinnerns – zwischen Idealbild und wissenschaftlicher Forschung

Um den Vortrag abzurunden, ging Überegger auf die Verharmlosung des Ersten Weltkrieges nach 1918 ein und auf die Unstimmigkeiten zwischen den Ergebnissen der Forschung und der im Regionalen gepflegten Erinnerungskultur. Das dabei gefeierte Bild des heldenhaften Kämpfers und des Verteidigungskrieges gegen den ewigen Erzfeind gleicht eher einer historischen Verzerrung als den neuen Forschungsergebnissen. Historische Verzerrung deshalb, da in jener Erinnerungskultur das militärische Ereignis immer mit dem Ort des Gebirges, und des reinen Verteidigungskrieges dargestellt wurde. Weiters wird der Tiroler Soldat als passiv beschrieben und aktive Taten, wie beispielsweise das Töten von Menschen wurden komplett ausgeblendet. Die Niederlage 1918 wurde als ungerecht erachtet und die Teilung des Landes ging als negativer Aspekt in jene Kultur des Erinnerns ein.

Der Vortrag war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

Der Vortrag war gut besucht. (Foto: Universität Innsbruck)

 

(Caroline Konzett und Stefanie Lutz)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/dxDxG7ZN9w4)