Vortrag: Der Erste Weltkrieg aus französischer Perspektive

Mit dem Vortrag des französischen Historikers Nicolas Beaupré, derzeit „Maître de conférences“ für neuere Geschichte an der Universität Blaise Pascal (Clermont-Ferrand/Frankreich) zum Thema „Der ‚Große Krieg‘ aus französischer Sicht – Erinnerung und Forschung“, ging die Ringvorlesung „Der Erste Weltkrieg in internationaler Perspektive“ am 22. Mai 2014 in die dritte Runde.
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Bild: Nicolas Beaupré bei seinem Vortrag im Madonnensaal. (Foto: Universität Innsbruck)

Beaupré ging in seinem Vortrag, der in Kooperation mit dem Frankreich-Schwerpunkt der Universität stattfand, auf diesen in Frankreich geläufigen Begriff vertiefend ein. Der Erste Weltkrieg wurde in Frankreich bereits im Jahr 1914 als „Grande Guerre“ benannt, wobei diese Bezeichnung sich über die Jahrzehnte halten konnte. Heute, 100 Jahre später, werden im Namen dieses „Großen Krieges“ große Jubiläums-Gedenkfeiern organisiert (vgl. dazu die offizielle Seite: http://centenaire.org/de; auch auf Deutsch und Englisch). In Österreich und Deutschland geriet der Erste Weltkrieg in Vergessenheit und trat ganz klar in den Schatten der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. In Frankreich aber ist dieser „Große Krieg“ nicht nur entfernte Vergangenheit, sondern bis heute stark identitätsstiftend.

Erinnerung an die Gefallenen

Das Massensterben in den Schützengräben entlang der deutsch-französischen Frontlinie, die sich in den Jahren 1914 bis 1918 von der Schweizer Grenze über 1000 km bis ins Gebiet der Somme in Nordfrankreich zog, forderte allein auf französischer Seite 1,4 Millionen Todesopfer. Bereits 1918 wurde an die Gefallenen des Krieges erinnert und Gedenkfeiern organisiert. Dabei spielte der Sieg von Frankreich, gemeinsam mit den Entente-Mächten, eine wichtige Rolle, da der Verlust von Millionen Soldaten so für die Bevölkerung nachträglich einen Sinn ergab.

Das Bedürfnis, den Krieg zu verarbeiten, war groß, zumal ein Großteil der französischen Familien direkt betroffen war. Das Kriegstrauern wurde daher in Frankreich sehr schnell zu einem kollektiven und sozialen Massenphänomen.

Das Recht der Angehörigen auf ein individuelles Grab für einen gefallenen Soldaten wurde prinzipiell anerkannt, doch waren unter den Bedingungen des Krieges laut Beaupré ca. ein Drittel der Leichen der Gefallenen vernichtet bzw. nicht mehr zu identifizieren. Deshalb wurden viele Projekte zur Ehrung der toten Soldaten initiiert. Bereits im Jahr 1920 wurde der „Soldat inconnu“, ein anonymer gefallener französischer Soldat, ausgewählt und am 11. November jenes Jahres sein Sarg feierlich in Paris empfangen. Seit 1922 ist der 11. November als offizieller Trauertag in Frankreich ein staatlicher Feiertag. 1923 wurde zusätzlich zu diesem anonymen Grab unter dem Arc de Triomphe in Paris die „flamme éternelle“ eingeweiht, die seither täglich um 18:30 Uhr neu entfacht wird und so an alle französischen Gefallenen des Krieges erinnern soll.

1919 wurde erstmals von einem australischen Journalisten die Idee der Schweigeminute aufgebracht. Die Briten übernahmen schließlich diese Idee und fixierten sie auf ein zweiminutiges Schweigen zu Ehren der gefallenen Soldaten. Bereits am 25. Oktober 1919 wurde in Frankreich durch das Parlament ein Gesetz für die Glorifizierung der gefallenen Soldaten des Großen Krieges verabschiedet. Die Schweigeminute wurde übernommen und erstmals am 11. November 1919 öffentlich gehalten, wobei nun nur noch eine Minute schweigend getrauert wurde.

Eine weitere Besonderheit in Frankreich ist die Entstehung von großen Kriegerdenkmälern allerorts, sogenannte „Monuments aux morts“. Dort sind die Namen der Gefallenen verzeichnet und jährlich finden Gedenkfeiern vor ihnen statt. Auch wenn es teilweise Diskussionen über die Botschaft solcher Monumente gab (mehr pazifistisch unmittelbar nach Kriegsende, später heroisch), wurde das öffentliche Gedenken prinzipiell anerkannt. Der Bau solcher Monumente wurde vom Staat unterstützt bzw. subventioniert, sodass auch in kleineren Dörfern auf dem französischen Land riesige Monumente zu finden sind. Beaupré konnte mit diesen Beispielen darlegen, wie in Frankreich bestimmte Symbole und Rituale erfunden wurden, und wie eine nationale bzw. gemeinsame Erinnerung an den Krieg entstand. Für die verlorene Kriegsgeneration wurde, könnte man sagen, ein tragisches Ensemble geschaffen.

Die Historiographie nach dem Ersten Weltkrieg

Natürlich animierte die Frage nach der Kriegsschuld zahlreiche Debatten und Publikationen der Nachkriegszeit. Autoren, die selbst am Krieg teilgenommen hatten bzw. verletzt wurden, trugen bei, den Krieg geschichtlich neu zu interpretieren. Beispielsweise „Les origines imédiates de la guerre“ von Pierre Renouvin (1893-1974) aus dem Jahr 1925 griff die Verkettung der Bündnisse, die zum Krieg führten auf, und zeigte, dass die Mittelmächte nicht allein am Ausbruch des Krieges schuld waren. Unter Historikern wurde somit eine transnationale Debatte über diese Frage geführt. Zahlreiche französische Publikationen wurden dabei oft ins Deutsche übersetzt.

Wandlung der Erinnerung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Frankreich die „Résistants“ (die Widerstandskämpfer) zu den neuen Helden des Landes erkoren. Nichtsdestotrotz war 1940, nach der Niederlage gegen Nazi-Deutschland, das Land zweigeteilt und es war schwierig, diesen Heldendiskurs aufrechtzuerhalten. Deswegen wurde unter Präsident Charles de Gaulle (1890-1970) der Verweis auf die siegreiche Erinnerung des Ersten Weltkriegs zentral, um so die nationale Uneinigkeit der 1940er Jahre vergessen zu machen. Bis heute ist der Erste Weltkrieg ein starker Bezugspunkt für die Geschichte Frankreichs geblieben und es war und bleibt gewissermaßen „bequemer“ für Franzosen, sich an den Ersten Weltkrieg zu erinnern.

Die OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani (links) und Hermann Kuprian (rechts) mit Nicolas Beaupré (Mitte). (Foto: Universität Innsbruck)

Die OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani (links) und Hermann Kuprian (rechts) mit Nicolas Beaupré (Mitte). (Foto: Universität Innsbruck)


Das Interesse an diesem europäischen Konflikt wurde auch in Frankreich ab den 1990er Jahren immer größer, sodass oft von einer kulturellen Wende die Rede ist. Das Interesse galt dann nicht mehr ausschließlich dem Leben der Soldaten, sondern dem Funktionieren der gesamten Gesellschaft während des Kriegs. Dies spiegelt sich in der Literatur wider, wie im Roman „Les champs d´honneur“ (Die Felder der Ehre) von Jean Rouaud, der dafür den  Prix Goncourt 1990 erhielt, oder Filme wie „La vie et rien d'autre“ von Bertrand Tavernier aus dem Jahr 1989. Auch in französischen Comics hat der Erste Weltkrieg in den letzten Jahren einen immer größeren Platz eingenommen.

Die Erinnerung an den „Grande Guerre“ erlosch in Frankreich somit nie wirklich. Der 11. November ist nach wie vor nationaler Feiertag, und für den heurigen „Centenaire“, die Hundertjahrfeier, werden in jeder Region und den jeweiligen Departements örtliche Gedenkfeiern  vorbereitet. Insgesamt 1.500 Gedenkveranstaltungen mit mehreren Großevents stehen bereits auf dem Programm, wie beispielswiese am französischen Nationalfeiertag am kommenden 14. Juli.

Zur Person: Nicolas Beaupré

Dr. Nicolas Beaupré, geboren 1970, studierte an den Universitäten von Nancy, Lille und Nanterre. Viele Jahre war er Doktorand bzw. Post-Doktorand am Centre Marc Bloch in Berlin und Stipendiat des Centre national de la recherche scientifique (CNRS) sowie am Deutschen Historischen Institut in Paris. Seine Dissertation verfasste er über die Frontdichter und –schriftsteller des ersten Weltkriegs, die 2006 unter dem Titel Ecrire en guerre, écrire la guerre. France-Allemagne 1914-1920 und 2013 als Taschenbuch unter dem Titel Ecrits de guerre 1914-1918 erschienen ist. Nicolas Beaupré ist u.a Mitglied des „Intitut universitaire de France“ und Vorstandsmitglied des Forschungszentrum „Historial de la Grande Guerre“ in Péronne. Seine Arbeiten beschäftigen sich hauptsächlich mit der französischen und deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, mit speziellem Fokus auf den Ersten Weltkrieg und dessen Folgen.

(Julien Lindner)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/MhUIz8MKnAk)