Geschichte, Politik und ... Camembert

Hätten Sie gewusst, dass sich die Wechselfälle der französischen Geschichte, alle Siege und alle Niederlagen, und vor allem alle Nationalhelden und alle Symbole des Staates auf Camembert-Etiketten wiederfinden? Prof. Bernard Richard, Historiker und pensionierter Diplomat, hielt auf Einladung des Frankreich-Schwerpunkts einen Gastvortrag zum Thema „Histoire, politique, et… camembert“.
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Bild: Auch Präsident Chirac wurde mit einem Camembert geehrt. Bild: Eva Lavric

Prof. Richard forscht eigentlich primär zu den Emblemen der französischen Republik, zu denen er ein vielbeachtetes Buch publiziert hat. Aber diese Embleme – die Trikolore, die „Marianne“, der gallische Hahn u.v.a.m. – finden sich eben nicht nur auf Denkmälern, Ministerien und offiziellen Dokumenten, sondern auch auf so profanen Objekten wie Käseverpackungen. Ein besonders beliebtes Motiv ist die „Semeuse“, die „Säerin“, als Symbol der Republik: eine junge Frau mit fliegendem Haar und dem republikanischen „bonnet phrygien“ als Kopfbedeckung, die mit anmutigem Schwung durch ein Feld schreitet – meist von rechts nach links – und Körner von Fortschritt und Gerechtigkeit aussät, während im Hintergrund die Sonne aufgeht. Dieses Symbol findet sich auch auf Münzen und auf Briefmarken, aber besonders gerne eben auf Camembert-Etiketten, mit denen der Käse aus der konservativen Provinz an die republik-gläubige Kundschaft in Paris verkauft werden sollte.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dank der gestiegenen Absatzmöglichkeiten durch die Eisenbahn, hatte der Camembert seinen Siegeszug als „nationaler Käse“ angetreten, der dadurch begünstigt wurde, dass er nicht wie z.B. der Champagner einer Gebietsbegrenzung unterlag. Ursprünglich aus der Normandie stammend (es gibt dort sogar eine Legende über die „Erfindung“ des Camembert, die natürlich auch auf der Verpackung abgebildet wird), wurde der Käse bald überall dort produziert, wo es in Frankreich Kühe und Milch gab. Entscheidend für seine massenhafte Verbreitung war schließlich der Erste Weltkrieg, als die Soldaten in den Schützengräben mit Camembert und Wein bei Laune gehalten wurden – was sich wie viele andere Ereignisse in zahlreichen patriotischen Etiketten spiegelte.

Prof. Richard hat sie alle gesammelt, er kann praktisch die gesamte französische Geschichte, von Richard dem Eroberer über Jeanne d’Arc und Napoleon bis zu den Präsidenten Giscard d’Estaing und Chirac, auf Käse-Etiketten nachzeichnen. Die Pariser Weltausstellung von 1900, der Erste Weltkrieg, der Pakt zwischen Pétain und Hitler, die Landung der Alliierten in der Normandie und deren diverse Jubiläen – alles hat seinen Niederschlag in den Camembert-Namen und -Etiketten gefunden. Wobei man geschickt Elemente auswählte, die den jeweiligen Käufern sympathisch sein mussten, je nachdem, wohin man den Käse absetzen wollte.

Das Publikum lauschte gebannt und delektierte sich schließlich an einem Buffet aus – wie könnte es anders sein – verschiedenen Camembert-Sorten, mehrere davon mit Namen „Président“.

(Eva Lavric)