Ein Jahrhundert Comics in Frankreich und Belgien

"Ein Jahrhundert Comics in Frankreich und Belgien – von Bécassine bis XIII, nicht zu vergessen Tintin und Asterix!" - Zu diesem Thema lud der Frankreich-Schwerpunkt der Universität Innsbruck zu einem Vortragsabend mit Jean-Pascal Vachon, Musikwissenschaftler und „Bande dessinée“-Fan mit frankokanadischen Wurzeln.
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Bild: Jean-Pascal Vachon (li.) im Gespräch mit dem Publikum. (Bild: Eva Lavric)

Hundert Jahre dauert nun schon der Siegeszug der Comics in der Literatur Frankreichs und Belgiens. Von Anfang an scharten sie ein zahlreiches Publikum um sich, das ihre Entwicklung verfolgt, von den Veränderungen in der graphischen Darstellung über die Entwicklung der Erzähltechniken, bis hin zu den neuen Vervielfältigungs- und Verbreitungskanälen. So sind die früheren „Schundhefte“ inzwischen zu einer eigenen, vollwertigen Kunstform geworden. Der Vortrag präsentierte die französische und die belgische „bande dessinée“ anhand einiger Klassiker von gestern und heute und illustrierte die Entwicklung ihrer Ästhetik und die Strömungen ihrer Geschichte, die weit über simple Abenteuer von Helden und Antihelden hinausgeht.

Frankreich und Belgien sind ja die eigentliche Heimat der „BD“, mit der großen Gründerfigur Hergé („Tintin et Milou“ = „Tim und Struppi“), der die Bilder- und Symbolsprache des Comics überhaupt erst erfunden hat. Was heute jedes Kind mühelos dekodiert – Linien um eine Figur herum zur Andeutung von Bewegung, onomatopoetische Interjektionen in verschiedenen Größen=Lautstärken zur Wiedergabe von Geräuschen, die Verwendung von Blitzen, Totenköpfen u.ä. in der Sprechblase zur Andeutung von Flüchen –, all das hat Hergé erst für sich selbst entwickeln müssen.

Später kamen Lucky Luke, Gaston Lagaffe und natürlich Asterix, aber alle bauen sie auf Hergés ästhetisch-semiotischem Konzept der „ligne claire“ auf, das Bild, Linie und Geschichte im Sinne von Verständlichkeit und Expressivität vereinfacht und vor allem in der Zeichnung auf das Wesentliche reduziert. Dieser Stil wird heute als klassisch angesehen und auch von etlichen Jungen weiterhin gepflegt.

Seit Hergés Zeiten hat sich die „BD“ aber bedeutend differenziert, sie ist schon lange nicht mehr nur für Kinder gedacht, und sie ist auch nicht mehr unbedingt nur komisch. Die Zeichnung ist einerseits „schlampiger“ und andererseits künstlerischer geworden – viele Autoren spielen inzwischen mit den Konventionen des Mediums –, und die Inhalte behandeln alles, von fantastischen Abenteuern über ästhetischen Porno bis zu Autobiographischem und Politischem, man denke zum Beispiel an „Persepolis“.

In den Buchhandlungen der französischsprachigen Länder füllen die Comics Laufmeter um Laufmeter an Regalen (Ca. 5000 Titel werden jedes Jahr herausgebracht!), vor denen sich das Publikum nur so drängt. Originale von Hergé und anderen Klassikern erzielen auf Kunstauktionen Rekordpreise, und eine große Anzahl an ZeichnerInnen und AutorInnen kann von ihren Comics tatsächlich leben.

Eine ungeheuer lebendige Szene also, die auch das zahlreich erschienene Publikum begeisterte, das im Anschluss an den Vortrag noch lange in den von Jean-Pascal Vachon mitgebrachten Alben blätterte und wohl die eine oder andere neue Reihe für sich entdeckte. Lange wurden an diesem Abend noch Namen und Tipps ausgetauscht…

(Eva Lavric)

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