Über elementare Pakete und den Bau der sozialen Welt

Beim nunmehr fünften Termin der Ringvorlesung am 9. April trafen Vertreter der Wissenschaftsdisziplinen Physik und Soziologie aufeinander. Erstere wurde vertreten durch Prof. Rainer Blatt (Institut für Experimentalphysik), die zweite durch Prof. Max Preglau (Institut für Soziologie). Moderator war diesmal Prof. Christoph Ulf.
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Bild: Von links: Prof. Rainer Blatt, Prof. Max Preglau, Moderator Prof. Christoph Ulf.

Rainer Blatt betonte gleich zu Beginn, dass nicht die Physik als Disziplin vorgestellt werden könne. Stattdessen habe er sich die spezifische Aufgabe gestellt, Grundzüge der Quantenphysik zu vermitteln. Das Ziel seiner Präsentation sei dann erreicht, wenn im Gedächtnis bleibe, dass Quanten erstens elementare, d.h. nicht teilbare Pakete von Materie oder Energie sind, und dass zweitens daraus bestehende Quantensysteme zwei besondere Eigenschaften besitzen. Die da wären: Ein beobachtetes System verhält sich anders als ein nicht beobachtetes, und Quanten selbst verhalten sich wie Wellen. Dies dürfte ihm gelungen sein, denn anschließenden Ausführungen zu Überlagerung (Superposition) und Verschränkung und ihrer Bedeutung für die Entwicklung eines Quantencomputers wurden ohne Nachfragen aufgenommen.

Um auf den thematischen Rahmen der Lehrveranstaltung aufzugreifen, beschrieb Blatt das noch nicht gelöste Problem der Skalierbarkeit von Quantensystemen: Es ist noch nicht geklärt, was eigentlich passiert, wenn man ein QS vergrößert. Darin liege eine derzeit nicht überschreitbare Grenze der Erklärbarkeit von Quantensystemen. Als „langfristiges strategisches Ziel“ definierte er die Erforschung der Grenze (sofern es sie gibt) zwischen klassisch-physikalischer Welt und der Welt der Quanten. Den Abschluss seiner Ausführungen bildete der in Anlehnung an Wittgenstein formulierte Grundsatz: „Die Grenzen dessen, was ich messen kann, bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Eine engagierte Soziologie

Max Preglau versuchte in den für das Einleitungsstatement zur Verfügung stehenden zwanzig Minuten einen Überblick über die verschiedenen Forschungsbereiche der Soziologie zu bieten. Dabei wies er auf die historisch begründete Verwandtschaft der Soziologie mit der Politischen Ökonomie, der Philosophie und der Theologie hin. Mit Bezug auf die Drei-Welten-Lehre und ihren Vertreter Karl Raimund Popper postulierte Preglau eine vierte Welt, die „Intersubjektive Kulturwelt“. In ihr sah er den eigentlichen Arbeitsbereich der Soziologie.

Preglau skizzierte die vielen Binnengrenzen innerhalb der soziologischen Forschung, die sich aufgrund der vielfältigen theoretischen und methodologischen Ansätzen ergeben. Daraus ergebe sich eine „multiparadigmatische Situation“. Da jeder Forscher aus seiner individuellen sozialen Gegebenheit seine Wissenschaft betreibe, sei „Parteilichkeit“ unvermeidlich. Deshalb müsse die Forschung so angelegt sein, dass sie intersubjektiv nachvollziehbar bleibt. Praktische Anliegen der Soziologie, so Preglau, umfassen die Entwicklung von Sozialtechnologien, welche zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen; das Verstehen der unterschiedlichen sozialen Welten, um die Diversität und (relative) Einheit der Gesellschaft zu wahren; und ein vertieftes Selbstverständnis, damit untersucht werden kann, wie sich gesellschaftliche Ereignisse (z.B. die Wirtschaftskrise) auf die Gesellschaft auswirken.

„Shut up and calculate!“ oder „Verstehen statt Erklären“

Aus der Perspektive der Physik, so in der Diskussion Blatt, sei die die Frage „warum“ keine physikalisch relevante Frage. Entscheidend sei das „Wie?“. Die Physik dürfe nicht philosophisch begründen. Daher gelte für ihn in der Praxis der Forschung die Maxime: „Shut up and calculate!“

Nach dem Kriterium der Messbarkeit bzw. nach der Interpretation der Messergebnisse gefragt und danach, ob diese nicht auch ideologiegesteuert seien, antwortete Blatt vorerst salopp, dass „man eh nur das misst, was man schon weiß“, um das dann dahingehend zu präzisieren, dass jede/r Wissenschaftler/in von Normwissen geprägt sei. Es sei beispielsweise prinzipiell denkbar, dass die heutige Quantenphysik lediglich eine komplizierte Variante der klassischen Physik ist.

Max Preglau argumentierte für eine Soziologie, mit der man die Gesellschaft besser machen könne. Auf den Einwand, dass es dafür in einer Wissenschaft, die auf Verstehen gebaut ist, kein festes Instrumentarium gebe, verwies er auf einige „pragmatischere Paradigmen“, wie das wissenschaftliche Evaluationen (Beispiel: PISA-Studie) seien. Sie stehen in einem Bezug zur Soziologie; aus ihrer Anwendung können Reformvorschläge für die Gesellschaft erwachsen.

Daraufhin wollte man wissen, was der Unterschied zwischen Erklären und Verstehen sei. Die Antwort: „Verstehen heißt sinngebend nachvollziehen“, und zwar durch versuchsweises Handeln, wie das auch im hermeneutischen Zirkel der Fall sei. Durch die im hermeneutischen Zirkel inkludierten Korrekturen ergebe sich eine Annäherung an den Gegenstand, die nicht bloß eine Selbstbestätigung ist, so Preglau. Die Ergebnisse der Forschung müssen an die so „gemessene“ Gesellschaft weitergegeben werden. Danach kann eine erneute „Messung“ erfolgen.

Der Beobachter und seine Motive?

Gefragt „Was treibt Sie an?“ antwortete Blatt, dass er auf der Suche sei nach der Grenze zwischen klassisch-physikalischer Welt und Quantenwelt; ihn interessiere, ob eine solche Grenze existiert und ob sich die Quantenphysik makroskopisch anwenden lässt.

Inwieweit in den jeweiligen Wissenschaften Ergebnisse unter Einbeziehung der eigenen Beobachterposition zustande kommen, war die abschließende Frage an beide Wissenschaftler. Der Physiker Blatt betonte, dass der „Beobachter“ unzulässigerweise stets personalisiert wird, in der Physik aber zumeist Objekte bzw. Geräte die untersuchten Vorgänge beobachten. Der Physiker muss lediglich formulieren können, was durch diese Beobachtungen gemessen wird. Insofern wird die eigene Rolle als Wissenschaftler nicht direkt reflektiert. Dagegen wies Max Preglau auf das in der soziologischen Forschung bestehende Problem des Interviews hin, weil der Interviewer aus dem Interview nie eliminiert werden kann, daher in der Einschätzung der Forschungsergebnisse immer mitreflektiert und mitgedacht werden muss.

(Martin Gerstenbräun)

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