Doyen der österreichischen Weltkriegs-Historiographie eröffnet Ringvorlesung

Mit einem Vortrag von Manfried Rauchensteiner begann die Ringvorlesung „Der Erste Weltkrieg in internationaler Perspektive. Österreich-Ungarn im Spannungsfeld von Entente und Mittelmächten“. Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian, die Organisatoren (Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethologie) konnten neben den Studierenden zahlreiche Interessierte begrüßen.
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Bild: Prof. Manfried Rauchensteiner bei seinem Vortrag. (Foto: Dagmar Knoflach)

Durch zwei Schüsse in Sarajevo am 28. Juni 1914 sollte die Stadt einer der geschichtlich relevanten Orte Europas und der Welt überhaupt werden. Wider Erwarten erinnert an diese Schüsse des serbischen Studenten Gavrilo Princip auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie von Hohenberg am Tatort nicht sehr viel: Bis auf ein kleines Museum und eine Gedenktafel verweist nichts auf diese geschichtsträchtigen Abläufe vor Ort. Im Rahmen des 100jährigen Jubiläums beschäftigen sich nach wie vor und gerade in diesem Jahr wieder zahlreiche ForscherInnen mit den Ereignissen und erforschen Hintergründe, Ursachen und Folgen dieses Attentates.

Mit einem Vortrag von Manfried Rauchensteiner („Ein folgenschwerer Doppelmord: Sarajevo 1914“) begann am 20. März 2014 die Ringvorlesung „Der Erste Weltkrieg in internationaler Perspektive. Österreich-Ungarn im Spannungsfeld von Entente und Mittelmächten“. Gunda Barth-Scalmani und Hermann Kuprian, die Organisatoren (Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethologie), konnten neben den Studierenden zahlreiche Interessierte begrüßen.

Zwei Schüsse zum ersehnten Krieg?

Dass der Erste Weltkrieg nicht durch die Schüsse von Sarajevo verursacht, sondern ausgelöst wurde, verlangt ein gewisses Vorwissen: Rauchensteiner skizzierte die wechselvolle und facettenreiche Geschichte Serbiens: Von einem wichtigen Verbündeten entwickelte sich Serbien nach einem dynastischen Wechsel im Jahr 1903 zu Gegenspielern der österreichisch-ungarischen Interessen am Balkan. Diese Feindschaft, die für den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau so verhängnisvoll werden sollte, stellt nur einen Mosaikstein in der verstrickten Vorgeschichte zum Attentat dar. Ein weiteres Puzzlestück, das zu diesem Mord führte, lässt sich im schicksalsträchtigen Datum des hohen Besuchs in Serbien finden: Der 28. Juni 1389 mit der Schlacht auf dem Amselfeld, wo die Serben gegen die Osmanen kämpften, ist Teil der identitätsstiftenden serbischer Erinnerungskultur. Manfried Rauchensteiner konnte mit seinem detallierten Quellenwissen schildern, dass diese Datumswahl jedoch keine gezielte habsburgische Provokation darstellt, sondern einfach auf eine unglückliche Wahl der Militärs zurückzuführen ist.

Die OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani (links) und Hermann Kuprian (rechts) mit Manfried Rauchensteiner (Mitte). (Foto: Dagmar Knoflach)

Die OrganisatorInnen Gunda Barth-Scalmani (links) und Hermann Kuprian (rechts) mit Manfried Rauchensteiner (Mitte). (Foto: Dagmar Knoflach)

Nicht nur dieser Umstand, sondern auch die entscheidenden unmittelbaren Stunden nach dem Attentat wurden von Manfried Rauchensteiner anhand seiner umfangreichen Forschungen spannend präsentiert. Die Reaktionen des greisen Kaisers lassen laut Rauchensteiner nur eine Lesart zu: Kaiser Franz Joseph I. war auf einen Konflikt mit Serbien gepolt, wohlwissentlich, dass dieser lokale Konflikt mit Serbien eine Reaktion Russlands hervorrufen würde. In einer Sitzung des gemeinsamen Ministerrates (also den Politikern der gemeinsamen Ministerien der österreichischen und ungarischen Reichshälften) wurde die Formulierung eines Ultimatums beschlossen. Ein solches Vorgehen stellte kein Novum in den österreisch-serbischen Beziehungen dar: Ein Ultimatum mit einer Aufforderung zur Entschuldigung hatte Österreich-Ungarn nach einer aggressiven Rede des serbischen Außenministers Anfang 1908 verlangt und erhalten. Das Ultimatum sechs Jahre später hatte jedoch einen entscheidenden Unterschied: In Punkt sechs wurden tiefgreifende Einschnitte in die serbische Souveränität verlangt, etwa, dass österreichisch-ungarische Beamten auf serbischem Staatsgebiet ihre Untersuchungen durchführen sollten. Gleichzeitig liefen die diplomatischen Drähte zwischen Wien und Berlin heiß: Österreich-Ungarn versichterte sich der Unterstützung des deutschen Bündnispartners.

Serbien nahm nach der 48-stündigen Frist das tiefgreifende Ultimatum nicht an, womit die österreichischen Diplomaten Belgrad verließen und die diplomatischen Beziehungen abbrachen. Der österreichisch-ungarische Außenminister Berchtold hingegen setzte sich mit der Kriegserklärung im Gepäck Richtung Bad Ischl in Bewegung, wo der Kaiser seine Sommerfrische verbrachte. Diese Kriegserklärung sollte jedoch mit einer Lüge über einen nie stattgefundenen Schusswechsel bei Temes Kubin an der Grenze mit Serbien gespickt sein, die nach der erfolgten kaiserlichen Unterschrift einfach wieder entfernt wurde. Wer diese Falschmeldung in die Welt gesetzt hatte, konnte bis heute nicht nachgewiesen werden. In Europas publizistischer Öffentlichkeit herrschte nichtsdestotrotz eine euphorische Stimmung, denn der Krieg war längst erwartet worden. Diese Euphorie sollte jedoch der Ernüchterung weichen. Österreich-Ungarn war auf einen dauferhaften Krieg nicht eingestellt, die innovationsresistenten militärischen Befehlshaber hatten die rasanten Neuerungen in der Kriegsführung unterschätzt. Die „Manövergeneralität“ verkannte die Realität des ausgebrochenen Stellungskrieges. Nach zahlreichen Offensiven und Gegenoffensiven war Österreich-Ungarn schon Ende 1914 beinahe am Ende und musste vom deutschen Bündnispartner unterstützt werden. 1915 ging die strategisch bedeutsame Festung Przemyśl verloren, und mit ihr fast das ganze Kronland Galizien im Osten der Monarchie. Nach der russischen Brussilow-Offensive 1916 konnte Österreich-Ungarn wiederum nur mehr mit deutscher Hilfe seine Kriegsfähigkeit aufrecht erhalten.

Das Attentat und seine Folgen

Der Erste Weltkrieg sollte durch maschinelle Menschenvernichtung und seine lange Dauer alle vorher gewesenen Kriege in den Schatten stellen. Das Ergebnis waren circa 17 Millionen Tote und tiefgreifende Verwerfungen in der europäischen Politik, die Europa und die Welt bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges und darüber hinaus beschäftigen. Die einfache Zivilbevölkerung an der „Heimatfront“ litt Hunger und Entbehrung. Die Finanzierung des Krieges erfolgte über sogenannte „Kriegsanleihen“, deren Zeichnung mit Begünstigungen verbunden: So wurde Frontsoldaten das Heimaturlaub gewährt, wenn sie solche Anleihen zeichneten. Nach Ende des Krieges konnten diese Anleihen nicht mehr bedient werden und viele Ersparnisse wurden vernichtet. Die darauf folgende Wirtschaftskrise erleichterte den Aufstieg für autoritäre und totalitäre Regime in Europa, unter anderem in Österreich und Deutschland, aber auch in Ungarn, Rumänien oder Polen. Mit dieser breiten Zusammenschau beendete Prof. Rauchensteiner seinen Vortrag und stellte sich abschließend noch geduldig den zahlreichen Fragen des interessierten Publikums und rundete somit den Abend gelungen ab.

Der Vortrag von Manfried Rauchensteiner im Madonnensaal stieß auf reges Interesse. (Foto: Dagmar Knoflach)

Der Vortrag von Manfried Rauchensteiner im Madonnensaal stieß auf reges Interesse. (Foto: Dagmar Knoflach)

(Martin Ager)


Der Vortrag auf Youtube:

(Direktlink: http://youtu.be/wFK3peCypu8)