Wanderausstellung zu Heimerziehung eröffnet

In Innsbruck ist nun die Wanderausstellung zur Heimerziehung in der Nachkriegszeit bis zum 7. Februar für Interessierte zugänglich. Der Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. Mechthild Bereswill, Soziologin an der Universität Kassel, bot am 24. Jänner Einblicke in ihre Forschungen zur historischen Heimerziehung sowie drei Zeitzeuginnen den Raum, ihre jeweiligen Erlebnisse zu schildern.
blog_heimgeschichteforschung.jpg
Bild: Christine Jung, Michaela Ralser, Johanna Pellin; stehend Flavia Guerrini, Andrea G., Mechthild Bereswill (von links nach rechts). (Foto: Christoph Tauber)

Prof. Dr. Mechthild Bereswill stellte am 24. Jänner im Rahmen ihres Vortrages die Forschungsergebnisse des von ihr geleiteten Projektes „Heimerziehung von 1953 bis 1973 in Einrichtungen des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen“ am Institut für Erziehungswissenschaft in Innsbruck vor. Dabei nahm sie insbesondere auf die institutionellen Bedingungen und geschlechterdifferenzierenden Disziplinierungen, mit denen die ehemaligen Heimkinder und -jugendlichen konfrontiert waren, Bezug. Bereswill berichtete über insgesamt 1010 Fallakten aus verschiedenen Einrichtungen des LWV, die in die Untersuchung eingegangen waren . Ergänzt wurden sie durch neun detaillierte Interviews mit ehemaligen Heimkindern - so sei die die Selbstbezeichnung der Betroffenengruppen - sowie mit ehemaligen ErzieherInnen und befassten Personen aus der kritischen Öffentlichkeit. So unterschieden sich die Heime an Größe und Anzahl der zu Betreuenden, jedoch auch durch den jeweiligen Anteil von Mädchen und Jungen. Am häufigsten betraf die Fürsorgeerziehung allerdings jugendliche Menschen. Für beide, Mädchen wie Jungen, wurde ein durchschnittliches Einweisungsalter von 15 Jahren ermittelt; die größte Altersgruppe in den Heimen bildeten somit die 14- bis 17-Jährigen.

„Erziehung zu Arbeit und Sittlichkeit“

Interessante Einblicke bot die ausführliche Rekonstruktion der Einweisungsgründe in die Heime der Nachkriegszeit. Aus heutiger Sicht überraschen die häufigsten Nennungen, wie „Arbeitsbummelei“, „Gesellschaftsuntüchtigkeit“ und sexuelle Devianz. Die Berücksichtigung des sozialen Milieus oder des Schulpassungsverhaltens seien hier als entscheidende Faktoren zu nennen, um die offene Frage nach Verknüpfung von Klasse und Geschlecht im Zusammenhang mit der historischen Fürsorgeerziehung zu beantworten. Praktische und nahe Einblicke wurden den Teilnehmenden durch Interviewausschnitte, sowohl von männlichen als auch weiblichen ehemaligen Heimkindern, ermöglicht. Sie veranschaulichen die Vorgehensweisen zur „Durchführung von Ordnung“, wie das Zurichten des Körpers durch Kleidervorschriften, Haareschären und gynäkologische Untersuchungen auf der einen und das Vermitteln des Körpers als „schmutzig und gefährlich“ auf der anderen Seite.

Die Organisation der Veranstaltung übernahm die Forschungsgruppe „Regime der Fürsorge“ in Kooperation mit dem Archfem und der Initiative Minderheiten. Durch den Abend führte Flavia Guerrini. Für den neu gegründete Tiroler Selbstvertretungsverein „Kinder im Heim“ sprach Christine Jung.



(Ricarda Hofer)

Nach oben scrollen