„Jeder Mensch hat zwei Heimaten: seine eigene und Frankreich“

Diese freche Devise eines französischen Restaurants gab den Ton vor für die Zelebrierung des Frankreich-Tags 2013, zu der der interdisziplinäre Frankreich-Schwerpunkt der Universität Innsbruck Ende November in die Claudiana geladen hatte.
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Bild: Die Frankreich-Preiseträgerin Melanie Fessler im Kreise ihrer Betreuerin Ursula Moser, des Botschafters und des Rektors. (Foto: Eva Lavric)

Seinen Glanz erhielt der Abend durch die Anwesenheit von Rektor Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Tilmann Märk und von S.E. Stéphane Gompertz, dem Botschafter der Republik Frankreich in Österreich. Der Rektor trug diskret an seinem Aufschlag eine kleine rote Anstecknadel, die „Understatement“-Variante des Ordens der „Légion d’Honneur“, den er am Vortag vom Botschafter verliehen bekommen hatte. Damit ehrte der französische Staat die Verdienste von Rektor Märk um den wissenschaftlichen Austausch zwischen der Universität Innsbruck und den Universitäten und Hochschulen Frankreichs, der sich nicht zuletzt in der Existenz und dem guten Gedeihen des interdisziplinären Frankreich-Schwerpunkts manifestiert. Dieser erhielt aus Anlass des Frankreich-Tages nun schon seinen fünften Dreijahresvertrag, der ihn bis Ende 2016 begleiten wird. Der Rektor verglich den Schwerpunkt in seiner launigen Begrüßungsrede mit einem zwölfjährigen Kind, das langsam zum Jugendlichen heranreift und sich in die bunte Patchwork-Familie der fünf Länderzentren optimal einfügt.

Der Botschafter schlug eine Brücke von der langjährigen Kooperation zwischen Innsbruck und Frankreich hin zur neubegründeten Alpenstrategie der EU und forderte die Anwesenden auf, diese wichtige Strukturelle Hülle mit Leben und Ideen zu erfüllen. „Ich habe heute Nachmittag eine hochinteressante französisch-österreichische Ausstellung über visionäre Architektur in den Alpen am Archiv für Baukunst besucht“, berichtete er, „und das hat mich auf die Idee gebracht, dass die Alpenstrategie ja zum Beispiel einen Architekturwettbewerb ausschreiben könnte!“

Architektonisch etwas bescheidener gab sich die Leiterin des Frankreich-Schwerpunkts, Univ.-Prof. Dr. Eva Lavric, die in ihrer Rede den Schwerpunkt zuerst mit einem Seiltänzer, dann mit einer Überfuhr mit Fährmann, und schließlich mit einem über einen Fluss gespannten Seil verglich, auf dem sie in einer euphorischen Schlussvision eine seiltänzerische französisch-österreichische Begegnung vor dem Hintergrund eines großen Feuerwerks entwarf.

Nach solcherlei rhetorischen Höhenflügen schritt man zur Unterzeichnung des neuen Dreijahresvertrags und anschließend zur Verleihung der Frankreich-Preise, die diesmal drei herausragende Dissertationen mit Frankreich-Bezug auszeichneten:

  • Herr MMag. Dr. Claus OBERHAUSER erhielt den Preis für die Arbeit „Die verschwörungstheoretische Trias: Barruel-Robison-Starck“, eingereicht am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie bei Univ.-Prof. i.R. Dr. Helmut Reinalter;
  • Frau MMag. Dr. Melanie FESSLER erhielt den Preis für ihre Dissertation „‘Je ne veux pas que mon horizon s’arrête sur une frontière…’ Die Darstellung wandelbarer Identitäten durch Kulturkontakt in den Romanen von Shan Sa“, eingereicht am Institut für Romanistik bei Univ.-Prof. Mag. Dr. Ursula Moser;
  • Herr Mag. Dr. Karl WÖRLE wurde für seine Arbeit „Die internationale Effektivität von Schiedsvereinbarungen. Eine österreichisch-französische Untersuchung des auf die Wirksamkeit von Schiedsvereinbarungen anwendbaren Rechts“, eingereicht am Institut für Zivilgerichtliches Verfahren bei Univ.-Prof. RA. Dr. Hubertus Schumacher, geehrt.

Damit nicht genug, gab es noch einen Festvortrag des im Vorjahr berufenen Pastoraltheologen o. Univ.-Prof. Dr. Christian Bauer, aus dem im Übrigen das Titelzitat dieses Beitrags stammt. Unter der Überschrift: „Gott in Frankreich? Theologie und Kirche im Kontakt mit Nichtglaubenden“ fragte er sich, was die Theologie von der katholischen Kirche Frankreichs denn lernen könne? Sehr viel, antwortete er, zum Beispiel eine demütige Haltung in einem durch und durch laizistisch geprägten Staat, eine Form des Überlebens und neu Aufblühens aus den Ruinen einstiger Macht und Glorie, ein Hinausgehen in die Welt und ein Zugehen auf Menschen aller Konfessionen und Überzeugungen im Geiste des Evangeliums, ohne missionarischen Anspruch. Provokant formulierte er schließlich: „Die Gegenwart der französischen Kirche erlaubt einen Blick in die religiöse Zukunft von Tirol.“ Wenn dies wie in Frankreich eine Rückbesinnung auf die Kernbotschaft des Evangeliums und ein Miteinander und Füreinander mit Anders- und Nichtgläubigen bedeutet, darf man auf eine solche Zukunft durchaus gespannt sein.

Der Botschafter jedenfalls reagierte nicht laizistisch, sondern überraschte im anschließenden Gespräch den Referenten mit einem gar nicht süßlichen französischen Kirchenlied aus seiner Jugendzeit, im Geist der Arbeiterpriester oder von Mystikern wie Charles de Foucauld und der Hl. Therese von Lisieux.

Beim Buffet wurden schließlich etliche der evozierten Themen in leidenschaftlichen Gesprächen weitergesponnen und so viele interessante Kontakte geknüpft, dass die Kooperation zwischen Innsbruck und Frankreich wohl für etliche weitere Jahre gesichert ist.

(Eva Lavric)

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