Linguistik schmackhaft machen

Wer kennt nicht De Saussure und sein Zeichenmodell – das berühmte Oval mit zwei Teilen, der oberen Hälfte für den signifié und der unteren für den signifiant? Es stammt in dieser Form gar nicht von De Saussure, denn er sah das sprachliche Zeichen eher als einen Ballon, bei dem die Form – die Hülle – und der Inhalt – die heiße Luft – untrennbar und konstitutiv miteinander verbunden sind.
heringer_400x306.jpg
Bild: Hans Jürgen Heringer (Universität Augsburg)

Auf Einladung des Instituts für Romanistik und des Linguistischen Arbeitskreises kam vergangene Woche der berühmte Linguist und Germanist Hans Jürgen Heringer (Universität Augsburg) nach Innsbruck und hielt zwei Gastvorträge, einen über „De Saussure – der Unvollendete“ und einen mit dem Titel „You should ________ chunking“. Sowohl die Lehrenden als auch die Studierenden der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät kamen sehr zahlreich und erfuhren ganz erstaunliche Dinge: etwa, dass der De Saussure, der fixer Bestandteil sämtlicher sprachwissenschaftlichen Curricula  ist, so vielleicht gar nie existiert hat und es sich sicher nie träumen hätte lassen, der Begründer der modernen Linguistik zu werden. In der Tat ist ja sein „Cours de linguistique générale“ erst posthum von seinen Schülern publiziert worden, und seine eigenen Notizen zu diesem „Cours“ sprechen teilweise eine andere Sprache als die Mitschriften der Studierenden. So hat De Saussure zum Beispiel niemals behauptet, die Linguistik solle nur die langue erforschen, wie es ihm hartnäckig von der Rezeption zugeschrieben wird. Im Gegenteil: Er plante für eines der folgenden Semester eine Vorlesung „Linguistik der parole“, zu der es aber nicht mehr kam, weil De Saussure vorher starb. Im übrigen waren alle jene begrifflichen Klärungen inklusive der berühmten Dichotomien (langueparole, Synchronie – Diachronie, signifiantsignifié, Syntagmatik – Paradigmatik)  von ihm nur als terminologische Vorbereitung gedacht, auf deren Grundlage er sich dem Wesentlichen, nämlich der idiosynkratischen Eigentümlichkeit der einzelnen Sprachen, zuwenden wollte. Sein didaktisches Geschick, die Griffigkeit dieser Unterscheidungen sowie vielleicht eine Übereinstimmung mit dem Zeitgeist brachten ihm einen Nachruhm, über den er selbst vielleicht als Erster erstaunt gewesen wäre. Und es ist nicht sicher, ob er sich in jenem De Saussure, den die Rezeption inzwischen konstruiert hat und der als Grundlage und Reibebaum aller linguistischer Theorien des 20. Jahrhunderts fungiert, wirklich wiedergefunden hätte.

Neben solchen linguistisch-theoretischen Überlegungen ist Hans Jürgen Heringer, der unter anderem Grundlegendes zur Syntax und Semantik des Deutschen, zur Sprachkritik und zur interkulturellen Kompetenz publiziert hat, aber auch immer für praktisch Anwendbares und insbesondere für didaktisch Verwertbares offen. In seinem zweiten Vortrag, „You should _____ chunking“, führte er dem Publikum vor, wie man aus großen Computer-Corpora rekurrente Mehrwort-Ausdrücke und -Strukturen herausfiltern kann, die dann in didaktische Einheiten, die sogenannten „Chunks“, umgewandelt werden. „Denn man lernt eine Sprache nicht so sehr über syntaktische Regelhaftigkeiten und Strukturen, sondern vielmehr über häufig wiederkehrende Satzmuster und Kollokationen, die man sich mehr oder weniger auswendig merkt“, erklärte der Spezialist für Deutsch als Fremdsprache aus eigener Erfahrung. Beispiele mit dem Verb reden wären etwa: gar nicht [zu] reden uns, wir reden darüber, über jemanden / von jemandem / mit jemandem reden, vernünftig miteinander reden, Klartext reden, von Glück reden können, usw. usf. Die häufigsten und nützlichsten dieser Chunks können heute mittels Computerprogrammen aus großen Corpora herausgefiltert und direkt in didaktische Materialien konvertiert werden. Noch viele weitere Tricks lernte man bei dieser Präsentation, von Wordle über Engramme bis zur Darstellung kultureller Hotwords und den Möglichkeiten, Apps zum Sprachenlernen zu designen… Und man erkannte: Hier spricht einer, den die Sprache fasziniert und der für ihr Studium locker auf der Klaviatur der modernen Computerprogramme herumspielt. Vor allem aber auch einer, dem es ein Anliegen ist, diese Möglichkeiten und diese Erkenntnisse mit vielen Menschen zu teilen und diese Menschen tatsächlich dort abzuholen, wo sie stehen, um ihnen zuzurufen: Seht, wie leicht, wie vielfältig und wie faszinierend Linguistik sein kann!

(Eva Lavric)