Albert Camus – Identitätsstifter eines Volkes, das es nicht mehr gibt

Zum 100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers lud der Frankreich-Schwerpunkt der Universität Innsbruck am 4. November in die Claudiana zu einem Festvortrag von Prof. Fritz Peter Kirsch (Universität Wien) mit dem Titel „Albert Camus pied-noir et la recherche de l’universel“. Einleitende Worte sprach Prof. Ursula Moser vom Institut für Romanistik.
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Bild: Prof. Fritz Peter Kirsch (Universität Wien) besuchte die Festveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstages von Albert Camus. (Bild: Eva Lavric)

Ausgangspunkt des Vortrags war die Frage, ob Albert Camus zurecht als französischer Autor bezeichnet wird, ist er doch in Algerien geboren und aufgewachsen und fühlte sich sein Leben lang als Vertreter und literarischer Identitätsstifter der europäischen Siedler, die im Rahmen der französischen Kolonisierung (1830-1962) in dieses Land gekommen waren. Diesen Pionieren, die noch auf keiner Tradition aufbauen konnten und sich eine neue Identität und Gemeinschaft schaffen mussten, ist in der Gestalt der eigenen Familie Camus‘ posthum erschienener Roman „Der erste Mensch“ gewidmet. Nur zwei Jahre nach Camus‘ Tod durch einen tragischen Unfall im Januar 1960 gab es allerdings diese Gemeinschaft nicht mehr, da sämtliche „pieds-noirs“ am Ende des Algerien-Kriegs 1962 vertrieben worden sind. Die Camus-Rezeption hat dem Autor mangelnde Sensibilität für den kolonialen Konflikt vorgeworfen; das trifft aber laut Prof. Kirsch in keiner Weise zu, denn: „Camus hat immer versucht, den Konflikt zu entschärfen und den leidenden Menschen jeglicher Herkunft als Dichter und politisch engagierter Publizist beizustehen. Er wandte sich gegen den Kolonialismus in Algerien und darüber hinaus gegen jede Art von Unterdrückung. Dabei war er stets bestrebt, seinen Landsleuten europäischer Herkunft zu einem von Angst und Gewalt befreiten Selbstbewusstsein zu verhelfen und zugleich die Voraussetzungen zu einem friedensfördernden Dialog mit den Autochtonen zu schaffen.“

Der Bezug zu seiner algerischen Heimat liefert den Hintergrund für Camus‘ berühmte Romane „Die Pest“ und „Der Fremde“, die allerdings wie auch seine Essays („Der Mythos von Sisyphos“, „Der Mensch in der Revolte“) ganz generell die Conditio Humana, also das Sein des Menschen in der Welt, zum Thema haben. Dazu gehört die Sinnlichkeit und die Begegnung mit der Natur in Form von Sonne und Meer, wie sie in seinen Romanen und vor allem in der Essay-Sammlung „Heimkehr nach Tipasa“ immer wieder aufblitzen; sie zeigen uns einen das Leben leidenschaftlich liebenden Camus – ein Aspekt, der neben und in seiner Philosophie des Absurden nicht vergessen werden darf.

Auch in seinem philosophischen Denken sah sich Camus dem mediterranen Raum verpflichtet, was für ihn u.a. ein Zurückgehen zu den antiken Wurzeln bedeutete; das „mittelmeerische Denken“ (la pensée du midi) erlebte er im Gegensatz zum „nordischen“ Lebensgefühl, das für ihn von einer vergleichsweise rauen Natur geprägt war und im übrigen schon irgendwo zwischen Paris und Marseille begann. Das Mittelmeerische stand aber auch für seine Bemühungen um ein „mittiges“ Denken und Handeln, ohne Extreme und von Selbstkontrolle und „honnêteté“ (Rechtschaffenheit) im Sinne der französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts geprägt.

Diese Haltung der Ehrlichkeit, der Anständigkeit, des „achtsamen Durchleuchtens des Umganges mit sich selbst und den anderen“ (Prof. Kirsch), ist die angemessene menschliche Reaktion auf die Absurdität des Daseins. Das Gefühl des Absurden, des Ausgeliefertseins an Leid und Tod, entspringt aus Camus’ Absage an Religionen und Ideologien in einer Zeit, wo religiöse wie politische Heilsversprechungen durch zwei große Kriege brüchig geworden waren. Das Absurde anzunehmen und zur Grundlage der eigenen Philosophie zu machen, ist für Camus eine Form des Sich-Stellens, des Sich-nichts-Vormachens. Seine Philosophie endet aber nicht dort, sondern sie führt über das Absurde hinaus zur Revolte, zum Sich-Auflehnen gegen die Welt und das Leben so wie sie sind. Über diese Revolte findet der Mensch zum anderen Menschen, zur menschlichen Solidarität.

Das Publikum lauschte gebannt diesen neuen Deutungen von Werken, die den meisten schon seit langem bekannt waren; manch einer nahm sich vor, seinen Camus wieder einmal von vorne bis hinten neu zu lesen. Es gab viel Applaus und intensive Diskussionen beim anschließenden Buffet.

 (Prof. Eva Lavric)